ArchivRechercheMykologie: Differenzierung von Pilzen mit spezifischer Software

POLITIK: Medizinreport

Mykologie: Differenzierung von Pilzen mit spezifischer Software

Dtsch Arztebl 1998; 95(45): A-2818 / B-2400 / C-2246

Klinkhammer, Ferdinand

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LNSLNS Notizen von der Jahrestagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft in Frankfurt/Oder
Da phänotypische Kriterien zur Differenzierung von Pilzen häufig sehr zeitraubend sind, setzen Mykologen zur Identifizierung zunehmend als Alternative die leistungsfähige Bestimmung der ribosomalen RNA-Gensequenz ein. Mit dieser Methode kann jedes Pilzisolat, auch wenn es bereits abgestorben ist, eindeutig identifiziert werden. Da die existierenden Sequenzdatenbanken und die gekoppelte Software zur Frequenzanalyse mangelnde Benutzerfreundlichkeit zeigen, entwickelte eine Arbeitsgruppe um Dag Harmsen (Würzburg) ein "intuitives www-basiertes Query-Interface" für bereits existierende Analyse-Software, das er auf der Jahrestagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft in Frankfurt/Oder vorstellte.
Damit werden Suchergebnisse interpretiert und nutzergerecht aufbereitet aus einer relationalen Datenbank ausgegeben. Das Projekt befindet sich noch im Aufbau und läuft unter dem Namen "Ribosomal Differentiation of Medical Microorganisms" (RIDOM). Es soll letztendlich alle medizinisch relevanten Mikroorganismen (Pilze und Bakterien) einschließen. Die Internet-Adresse ist "www.RIDOM.hygiene.uniwuerzburg.de".
Hans-Jürgen Tietz (Berlin) berichtete auf der Tagung über den Versuch, die Häufigkeit von Endomykosen und deren Spektrum anhand des Sektionsgutes eines repräsentativen Großklinikums (Charité) zu ermitteln. In den Jahren 1970 bis 1993 wurde fast jeder Verstorbene obduziert, was einen Stichprobenumfang von 13 375 Sektionen ergab. Daraus resultierten 93 tödliche Mykosen, was einem Durchschnitt von vier Fällen pro Jahr und 1 500 Betten entspricht. Landesweit gab es 1993 eine Bettenzahl von 628 658, woraus sich für Deutschland eine Anzahl von 1 000 bis 3 000 Mykosetoten hochrechnen läßt. Die Struktur der Endomykosen zeigte eine Gattungsverteilung von etwa 54 (Candida) zu 37 (Aspergillus) zu fünf (Cryptococcus) zu drei (Sonstige). Nach dem Tod nicht diagnostiziert
Daß die Zahl der zu Lebzeiten erhobenen Aspergillus-Befunde weit geringer war als die bei der Obduktion ermittelten Aspergillus-Infektionen, läßt sich damit erklären, daß in einem breiten Spektrum der Fachdisziplinen Aspergillosen ante mortem nicht diagnostiziert wurden. Der Referent demonstrierte das recht deutlich an einer Fallstudie: Bei einer 66jährigen Patientin mit der Diagnose Pemphigus ergab die Obduktion eine generalisierte Aspergillose mit metastasierendem Aspergillus-Befall im linken Lungenflügel.
In der Göttinger Klinik wurden 1986 bis 1988 im Rahmen der Vario-Diagnostik die kulturellen Befunde von 67 714 Einsendungen registriert. Die Ergebnisse des Probeaufkommens (Rachenabstriche, respiratorische Sekrete, Magensaft, Fäzes, Urin, Vaginalabstriche, chirurgische Drainagen und Hautabstriche) wurden hinsichtlich auftretender relevanter bakterieller und mykologischer Arten sowie Assoziationen derselben analysiert. Wie Reinhard Rüchel (Göttingen) berichtete, erbrachten 5 195 Einsendungen (7,7 Prozent) Candida-Isolate allein oder mit bakteriellen Begleitern. 62 519 Proben enthielten nur bakterielle Isolate oder blieben steril. Ein Vergleich dieser Gruppen ergab erhöhte Raten von begleitenden Bakterien bei Candida-Befall von Blut, Urin und Haut. Bei S.-aureusBefall ergaben sich bei den verschiedenen Untersuchungsmaterialien unterschiedliche Verhältnisse. Bei Enterobakterien aus Rachen, Magensaft und Fäzes von Intensivpatienten ergab das mikrobielle Muster die Anwendung einer Selektiven Darm-Dekontamination (SDD). Die Tendenz zur Assoziation zwischen Enterobakterien der Gattung Enterobacter und Candida-Hefen zeigte sich bei allen Materialien unbeeinflußt.
Bei Candida albicans, dem wichtigsten Erreger opportunistischer Pilzinfektionen, spielt als Virulenzfaktor der Dimorphismus eine entscheidende Rolle. Die Annahme, daß bei der Gewebsinvasion Hyphen die bevorzugte Form darstellen, konnte bisher nicht eindeutig bewiesen werden. Die Art des Eindringens spricht für lytische Aktivitäten des Pilzes, die auf die nächste Umgebung beschränkt sind. Proteasen und die Sekretion organischer Säuren kommen als Mediatoren in Frage, wobei deren Aktivität nicht immer mit der Invasivität des Pilzes korreliert.
Christine Schröter (Jena) berichtete über die Bestimmung reaktiver Sauerstoffspezies von Candida albicans mittels Chemilumineszenz und verglich die erhaltenen quantitativen Werte von Blastosporen- und Hyphenform. Im Blastosporenstadium konnte die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies nachgewiesen werden, die linear und proportional zur Zellzahl der Hefe war. Während der Hypheninduktion stieg dagegen bei gleicher Zellzahl die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies um das Zehnfache an. Weiterführende Untersuchungen sollen zeigen, ob dieser Anstieg ein begünstigender Faktor bei der Gewebsinvasion ist. Breiten Raum nahmen Berichte über die Therapie von Pilzinfektionen mit Antimykotika ein. Nach Angaben von Claus Seebacher (Dresden) zeigen die neuen antimykotisch wirkenden Substanzen schon bei sehr niedrigen Konzentrationen, die als Blut- oder Gewebespiegel fast immer erreichbar sind, eine hervorragende Wirkung. Trotzdem ergeben Studien in der Klinik und auch in der täglichen Praxis gelegentlich Mißerfolge. Frühere Versuche zeigten, daß Trichophyton mentagrophytes in der Ruhephase etwa 1 000-mal höhere Terbinafin-Konzentrationen zur Abtötung benötigen als in der Wachstumsphase. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse erbringen den Nachweis, daß sowohl Terbinafin als auch Itraconazol bei T. mentagrophytes eine 1 000- bis 10 000fach höhere Wirkstoffkonzentration zur Abtötung benötigen als der jeweils gleiche Pilzstamm in der Wachstumsphase. Lothar Pittrow (Karlsruhe) referierte die Ergebnisse einer offenen, multizentrischen deutschen Studie, bei der 290 Patienten mit Candida-Infektionen im Alter von 14 bis 86 Jahren (Mittelwert: 52,5) mit Fluconazol in einer Mindestdosierung von 800 mg/die behandelt wurden. Die häufigsten Indikationen waren systemische und oropharyngeale Candidiasis. Die Fluconazol-Therapie wurde zwischen Tag minus eins bis 116 (Median: neun) nach Aufnahme mit einer Loading-Dosis von 800 mg/die i. v. begonnen. Später erfolgte eine Reduktion auf 600 bis 400 mg/die. Die Applikation erfolgte in 98,2 Prozent i. v. und in den übrigen Fällen per os. Bei einer Behandlungsdauer zwischen einem und 60 Tagen (Median: sieben) wurden 55,9 Prozent der Patienten klinisch geheilt, ein Prozent war klinisch gebessert, und bei 59,0 Prozent wurde die Eradikation des Erregers nachgewiesen. Die Verträglichkeit wurde von den Untersuchern mit "sehr gut" (69,3 Prozent) oder "gut" (25,5 Prozent) angegeben.
Über die Therapie des bei immunkompetenten Säuglingen häufig vorkommenden Mundsoor berichtete Jörg E. Hoppe (Tübingen). Als wirksame Antimykotika kommen heute in erster Linie Miconazol-Mundgel und Suspensionen beziehungsweise Mundgele der Polyen-Antimykotika Nystatin und Amphotericin B in Frage. Die Studie ergab eine signifikante klinische und mykologische Überlegenheit von Miconazol-Mundgel gegenüber Nystatin-Darreichungsformen. 85 Prozent der Säuglinge waren bereits nach fünftägiger Behandlung klinisch geheilt. Miconazol und Nystatin zeigen bezüglich Nebenwirkungen und Resorption keine Unterschiede; bei beiden Substanzen muß mit einer Rezidivquote von 19 Prozent gerechnet werden. Terbinafin, das erste oral anwendbare Antimykotikum der Allylamin-Gruppe, wirkt gegenüber Trichophyten durch Hemmung der Squalenepoxidase fungizid und zeigt bei Erwachsenen eine gute Wirksamkeit und Verträglichkeit bei Dermato- und Onychomykosen. Axel Wilmer (Jena) berichtete über die systemische Terbinafin-Behandlung von fünf Kindern (Alter zehn Monate bis 14 Jahre) mit mykologisch gesicherten Dermatomykosen. Die Dosierung war körpergewichtsadaptiert: 250 mg/die (> 40 kg), 125 mg/die (20 bis 40 kg) und 62,5 mg/die (< 20 kg). Die Behandlung dauerte zwei bis vier Wochen und führte zur kompletten klinischen und mykologischen Abheilung aller Patienten, von denen vorher bereits zwei erfolglos mit Griseofulvin behandelt worden waren. Der Einsatz von Terbinafin und anderen modernen Antimykotika bei Kindern kann wegen der geringen Erfahrung mit diesen Substanzen und der in Deutschland fehlenden Zulassung nur als Einzelfallentscheidung in Absprache mit den Eltern erfolgen. Zur Schnellidentifizierung von Candida krusei empfiehlt Kathrin Zimmermann (Greifswald) das Krusei-ColorKit (Fumouze, Frankreich) als Latex-Test, der die Identifizierung von C.-krusei direkt von der Primärkulturplatte innerhalb von fünf Minuten erlaubt. Dr. Ferdinand Klinkhammer

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