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SCHLUSSPUNKT

Schach: Aspirin und Schildkrötenblut

Dtsch Arztebl 2015; 112(33-34): U3

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

In Bad Neuenahr, dem schon langjährigen Ort des Deutschen Ärzteschachturniers, bietet ein Yoga-Institut unter anderem den Kurs „Yoga kennt kein Alter“ an. Schach auch nicht. Beides zusammen ist sicher nicht die dümmste Art und Weise, um ein gesundes Leben zu führen.

Doch hin und wieder zwickt und zwackt es doch, selbst Ärzte sollen vor dieser conditio humana nicht gefeit sein. Dafür oder dagegen – schöne deutsche Sprache – gibt es allerlei Heilmittel, anerkannte und zweifelhafte. Fangen wir bei einem anerkannten an und lassen Harald Martenstein, den Kolumnisten des ZEITmagazins, zu Wort kommen:

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„Sobald irgendwas ist, schlucke ich ein Aspirin, gegen Kopfschmerz, gegen trockene Füße, gegen Angst vor Altersarmut, gegen alles. Es hilft. Aspirin ist mein Fallschirm und mein Rettungsboot. Wenn jemand etwas über die Nebenwirkungen von Aspirin erzählt, höre ich einfach weg. Auf diese Weise bin ich vor den Nebenwirkungen relativ sicher . . . Ich habe die Wissenschaft auf meiner Seite.

In der Wissenschaft spricht man vom ,Noceboeffekt‘. Der Placeboeffekt ist bekannter, er besteht darin, dass einem auch Pillen helfen können, in denen überhaupt nichts drin ist. Weil man an die Pille glaubt. Beim Noceboeffekt wird man krank, weil man glaubt, eine Sache sei schädlich. Wenn im Beipackzettel eines Medikaments vor einer Nebenwirkung gewarnt wird, dann stellt sich genau diese Nebenwirkung auch bei einem gewissen Prozentsatz der Patienten ein. Sogar, wenn die Nebenwirkung erfunden war . . . Wer schreibt: ‚Von Aspirin kriegt man Eiterbeulen an den Füßen‘, der bewirkt, dass viele Menschen Eiterbeulen an den Füßen bekommen. So einfach ist das.“

Nun, vielleicht ist es doch nicht so einfach.

Kommen wir zu einem für unsereinen eher zweifelhaften, ja aus ethischen Gründen sogar inakzeptablen Heilmittel. In der New York Times schreibt der in Peking lebende amerikanische Philosophieprofessor Stephen P. Asma (im Spanischen bedeutet dies übrigens Asthma), dass er an einer Erkältung litt und deswegen (!) mit seiner chinesischen Frau in ein Restaurant ging. Dort schnitten zwei Kellner einer lebenden Schildkröte den Hals auf, gossen das Blut in ein Glas mit Alkohol und forderten ihn auf es zu trinken. Er tat es. Und fühlte sich besser in dieser Nacht.

Prof. Asma: „Die meisten von uns spielen mit möglichst vielen Therapieoptionen: ein bisschen Akupunktur, ein bisschen Ibuprofen, ein bisschen Schildkrötenblut.“

Das tun auch viele Schachspieler, aber meist gibt es doch den „Königsweg“.

Zuletzt zog Dr. med. Ulrich Zenker in diesem Tohuwabohu seine Dame nach f3, mit der tückischen Drohung Se4-f6+ nebst Schlagen der ungedeckten schwarzen Dame. Aber was lese ich im Faltblatt des obigen Yoga-Instituts? „Doch der den Augenblick ergreift, der ist ein rechter Mann“ (Goethe).

Das ist der Turniersieger Dr. med. Giampiero Adocchio in jedem Fall. Was ergriff er nun wohl als Schwarzer am Zug? Als kleine Hilfe das Kölner Grundgesetz Artikel IV „Wat fott es es fott“ (Weg ist weg) oder auch: Keine Angst vor Gemetzel!

Lösung:

Ohne Angst vor dem Damenverlust schlug Schwarz den Springer 1. . . . dxc3! und stand nach 2. Txd8 Txd8 3. Sf6+ Lxf6
4. Dxb7 c2! mit drohender neuer Dame klar auf Gewinn.

Auch direkt 2. Sf6+ Lxf6 3. Dxb7 c2 4. Tdc1 cxb1D
5. Txb1 Tab8 6. Da7 Lxb2 7. Txb2 Sd5 wäre laut dem (fast) allwissenden Schachprogramm „Fritz“ verloren gewesen.

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