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SCHLUSSPUNKT

Schach: Der Kitzel des Abenteuers

Dtsch Arztebl 2015; 112(43): [56]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Einer der Gründe, warum viele Kollegen immer wieder gern am alljährlichen Ärzteschachturnier (das nächste findet übrigens vom 22. bis 24. April 2016 wiederum im dafür geradezu idealen Bad Neuenahr statt) teilnehmen, ist neben dem familiären Miteinander natürlich das gemeinsame Hobby Schach mit dem spielerischen und oft überraschenden Aufeinandertreffen antagonistischer Ideen, seien es tief durchdachte, langfristige strategische Konzepte, seien es verblüffende Einfälle und Ad-hoc-Entscheidungen. Wobei vieles im undurchdringlichen Nebel unserer weitgehend unbewussten „Entscheidungsprozesse“ verbleibt.

Der Autohersteller Audi lud vor Jahren die Schachgroßmeister Lothar Schmid, Klaus Darga und mich selbst ein, weil er sich von der Antizipation, dem Denken und schließlich den Entscheidungen herausragender Schachspieler wertvolle Rückschlüsse auf analoge Qualitäten bei Personen der Führungsebene erhoffte. Sie waren recht überrascht, als ich erklärte, dass kein Schachspieler in letzter Konsequenz seine Züge begründen könne und immer ein unerklärlicher Rest alias Intuition oder Bauchgefühl „mitentscheide“, wobei der Computerfachmann Darga meine These stützte, während der Karl-May-Verleger Schmid sehr wohl und klar zu wissen meinte, was er tue.

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Wie auch immer, Audi lud uns kein zweites Mal ein.

Der große argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges fasst dieses Dilemma poetischer:

„Die Figuren nehmen die übermächtige Hand des Spielers nicht wahr,
der ihr Schicksal beherrscht.
Sie wissen nicht, dass ein stahlhartes Geschick
ihre Auswahl regiert und ihren Tag kontrolliert.
Auch der Spieler ist ein Gefangener des anderen Brettes
aus schwarzen Nächten und weißen Tagen.
Gott lenkt den Spieler und dieser die Figur.
Aber welche Gottheit jenseits von Gott
eröffnet das Spiel aus Staub, Zeit, Traum und Qualen?“

Doch noch etwas anderes fasziniert wohl die meisten Kollegen: der Kitzel des Abenteuers, des Unvorsehbaren, der Ausbruch aus den ewig gleichen Abläufen. Zumal, wenn sich zum noch halbwegs geordneten Kalkül die Zeitnot auf der Schachuhr gesellt und die Sekunden unerbittlich und zunehmend schneller dahinrinnen.

„Adrenalin pur“, höre ich den Fußballreporter rufen. In jedem Fall ein vergleichbares Erlebnis, welches uns aus unserem oft drögen Alltag reißt.

Beim letzten Ärzteschachturnier hatte Dr. Ralf Schön als Schwarzer, stets einer der Besten, in beiderseitiger Zeitnot 1. . . . De7-h4 gezogen, was unmissverständlich ein einzügiges Matt auf h2 drohte. Doch dies gab Dr. Jürgen Schell als Weißem die Gelegenheit, den schwarzen König mattzusetzen, wobei ein „fernliegender“ Zug den Ausschlag gab.

Mit welch verblüffendem Zug hätte Dr. Schön indes seinerseits in der Diagrammstellung gewinnbringenden Vorteil erlangen können?

Lösung:

Nach 1. . . . Dh4? gewann 2. Tg8+ Kh7 und nun das „fernliegende“ 3. Dxa7+! Wie leicht kann man, zumal in Zeitnot, solch ein Schachgebot „aus der Ferne“ übersehen! Schwarz gab wegen 3...Kh6 4.Th8 matt auf.

Umgekehrt hätte er mit dem Turmopfer 1. . . . Txh2+! selbst die Weichen auf Sieg stellen können: nach 2. Kxh2 Dh7+! 3. Kg2 Dxg6+ 4. Kf1 Dxe4 steht er trotz noch mancherlei Gefahren auf Gewinn.

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