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SCHLUSSPUNKT

Schach: Ehre den Bauern!

Dtsch Arztebl 2015; 112(47): [60]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Zur letzten Ärzteschachmeisterschaft in Bad Neuenahr gab es vom Schachehepaar Mädler, das dort den Schachstand betreibt, eine beziehungsreiche Grußkarte. In einem Schach-Operationssaal beugen sich Chirurgen angespannt über ein Schachbrett alias Operationstisch, bis schließlich der Stein des Anstoßes dingfest gemacht und triumphierend hochgehalten wird: „Da ist ja der Übeltäter!“ Wenig erstaunlich ist es ein kleiner Bauer, der die Beschwerden verursacht hat.

Eine der Weisheiten, die mir im Medizinstudium vermittelt wurden, lautete: „Selten ist selten und häufig ist häufig!“ An der Gültigkeit dieses Satzes ist wohl kein Faden abzubeißen und er gilt gleichermaßen für Krankheiten wie für Bauern im Schach – derer gibt es ja bekanntlich auf jeder Seite acht, die vor dem Rest des Heeres aufgestellt sind und meist zuerst in die Schlacht ziehen und so viel verwundbarer sind – als einzige der Figuren dürfen sie immer nur vorwärts und nie zurück! Zum einen sind sie derart nur das Fußvolk und schon in den indischen Ursprüngen des Schachs vor nahezu 2 000 Jahren im Heer mit den Kriegselefanten als Türmen, den Springern als Kavallerie et cetera nur die weniger kostbare Infanterie, die oft achtlos dahingegeben oder bewusst geopfert wird – das „Bauernopfer“ in der Politik lässt grüßen.

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Zum anderen sah sie schon der Franzose Philidor, der beste Schachspieler des 18. Jahrhunderts und damals auch einer der bekanntesten Komponisten seiner Zeit, als „die Seele des Schachspiels“ an, die letztlich mehr Kämpfe entscheidet als die machtvolleren Damen, Türme, Springer und Läufer und in deren geschickter Führung das Geheimnis des Erfolgs begründet ist.

Und noch viel früher, im Jahre 1283, schrieb der große spanische König Alfons X. der Weise (im Museum des Königspalastes Escorial nördlich von Madrid ist sein Werk, quasi das erste Schachbuch der Geschichte, zu bewundern), ein Mann der Wissenschaften und der Versöhnung der drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam (erscheint uns das heute noch aktuell?!), der allerdings „beim Schauen zum Himmel“ Kriege zu führen „vergaß“ und dem zum Schluss nur noch sein letzter Zufluchtsort Sevilla verblieb, dass auch Könige die Tugend der Bescheidenheit lernen müssen und ihr Schicksal vom kleinsten ihrer Untertanen abhängig sei – „ein kleiner Bauer kann den großen König mattsetzen“.

An all das musste ich denken, als mir Dr. med. Ralf Schön, der auch bei den Ärzteturnieren immer eine gute Figur macht, eine Partie gegen den Fide-Meister Thorsten Schmitz vom „Böblinger Open“ schickte und dazu bemerkte: „Ein kleines Bäuerlein war der Held der Partie, der sich von f2 über f4, e5, d6 durchkämpfte.“ Und dessen Triumphzug noch nicht zu Ende ist!

Wie konnte Dr. Schön als Weißer, der schon zwei Türme geopfert hatte, den schwarzen König letztlich mattsetzen, wobei der Bauer d6 kräftig mithalf?

Lösung:

Nach 1. Lh6+! gab Schwarz schon auf, weil sich nach 1. . . . Kg8 2. dxe7 De1+ (es ist nur ein „Racheschach“) 3. Kh2 der Bauer im nächsten Zug mit e7-e8D+ partieentscheidend zu einer neuen Dame krönt.

Nach 1. . . . Lg7 würde indes 2. dxe7+ Kxe7 3. Dd6+ Ke8 4. Lxg7 mit der furchtbaren Drohung 5.Sf6 matt gewinnen, z.B. 4. . . . f6 5. Sxf6+ Kf7 6.Dd7 matt – auch ein hübsches Mattbild.

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