szmtag Notfallkoffer: Weniger ist mehr
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Als langjährig im Bereitschaftsdienst tätiger Internist kann ich die Vorschläge für „Arzneimittel im Notfallkoffer“ von Prof. Ludwig nicht unkommentiert lassen.

Mein Hintergrund: Regelmäßige Notdienste (etwa drei im Monat) seit 20 Jahren im Ballungsraum Ruhrgebiet. Früher war ich auch lange als Notarzt (mit Blaulicht) unterwegs. Im Laufe der Jahre konnte ich meinen Arztkoffer immer weiter verschlanken, zuletzt von 15 auf drei Kilogramm. Ein schwerer Arztkoffer wird zunehmend zur Belastung beim Treppensteigen. Und je mehr drin ist, desto mehr muss kontrolliert werden (zum Beispiel Haltbarkeit). Heute verzichte ich auf ein Intubationsbesteck (Batterien!) und Tuben, nicht aber auf einen Ambubeutel. Der

Grund: Ein vollausgerüsteter Notarzt mit Assistenten ist innerhalb von fünf bis zehn Minuten vor Ort, wenn ich die Entscheidung zeitnah treffe. In dieser Zeit werde ich keine Intubationsversuche beginnen.

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Die Verfügbarkeit des RTW/Notarztwagens ist auch der Grund, auf folgende Medikamente zu verzichten, die im Artikel empfohlen werden:

  • Ampullen:

Adrenalin, Clemastin (Ersatz: Prednisolon), ASS, Heparin, Metamizol, Morphin

(Ersatz: Tramadol), Dimenhydrinat (Ersatz: MCP), Promethazin (Ersatz: Haldol), Terbutalin (Ersatz: Reproterol), Atropin, Butylscopolamin, Procain. Zu bedenken: Morphin, Tramadol und Midazolam wecken Begehrlichkeiten bei Süchtigen.

Ich nehme allerdings größere Mengen Tramadol-Ampullen mit. Die können die oft nicht zu verwehrende „Schmerzspritze“ (historisch: Diclo/Dexa i.m.) als Subkutan-Gabe ersetzen.

  • Orale Medikation/Supps:

Hier kann ich auf Cetirizin (Ersatz: Prednisolon), Metamizol (Ersatz: Ibuprofen), Pantoprazol, MCP, Dimenhydrinat, Risperidon, Metoprolol verzichten. Der Grund: Auch spätabends können Angehörige in einer Notdienstapotheke Medikamente besorgen. Das gilt übrigens nicht für Pflegeheime. Hier gibt es oft niemanden, der Rezepte einlösen könnte. Risperidon oder Melperon wird dann kurzzeitig vom Nachbarbewohner ausgeliehen.

Bei Zäpfchen mache ich mir Sorgen um deren Hitzebeständigkeit. Es ist nie auszuschließen, dass die Notfalltasche mal ein paar Stunden im warmen Auto liegt.

Ibuprofen- und Tilidin-Tabletten sollten in ausreichender Menge mitgenommen werden. Loperamid sublingual (fehlt hier, wird aber oft gebraucht, hoher

Leidensdruck) ebenfalls. Außerdem nehme ich zwei Starterdosen Antibiotika mit

(Harnwege/Atemwege), weil in den Pflegeheimen eine Antibiose sonst erst am Folgetag anläuft. Salbutamol, Nitrendipin und Nitrospray sind auch in meiner Tasche.

In unseren Notdiensten wiederholen sich vier große Symptomenkomplexe: Schmerzen, Magen-Darm, Unruhe, Fieber. Hier bedarf es weniger Medikamente, um erst einmal eine Stabilisierung zu erreichen. Was man nicht dabei hat, muss in der Apotheke besorgt werden. Wir Notdienstärzte sind kein Lieferservice. Mit den Jahren hat sich eine schlanke Notfalltasche bewährt: Weniger ist mehr.

Nik Koneczny, 58313 Herdecke

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