ArchivRechercheKontinuität und Innovation
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Mit diesen Begriffen lässt sich meine 35-jährige Tätigkeit für das Deutsche Ärzteblatt umschreiben. Es waren dreieinhalb Jahrzehnte, in denen sich die Wissenschaftspublizistik einerseits erheblich gewandelt hat und andererseits dennoch in bestimmten Bereichen Kontinuität herrschte.

Kontinuität steht zunächst für ein stabiles Leserinteresse, aber auch für eine stabile wissenschaftliche und ökonomische Basis des Deutschen Ärzteblattes, die jede Fachzeitschrift benötigt, um Innovationen in die Wege zu leiten. Und an diesen durfte ich im Rahmen meiner langjährigen Bindung an das Ärzteblatt inhaltlich und mit Engagement mitarbeiten.

Wissenschaftlicher Beirat und Stellvertreter

Im Jahr 1982 trat ich als Nachfolger von Hubert Harbauer (1919–1980) als wissenschaftlicher Beirat – im Deutschen Ärzteblatt traditionell Fachredakteur genannt – für Kinder- und Jugendpsychiatrie in die medizinisch-wissenschaftliche Redaktion des Ärzteblattes ein. Vorausgegangen war ein ausführliches Gespräch mit dem Internisten Rudolf Gross (1917–2008), der damals die Redaktion leitete. Die Unterredung erinnerte ein wenig an ein medizinisches Staatsexamen.

Damals wie heute fand die alljährliche Redaktionskonferenz im November in Köln statt, auf der von den Fachvertretern die Beiträge für das nächste Kalenderjahr vorgeschlagen und diskutiert werden. Die Diskussionen waren zu jener Zeit allerdings weitaus heftiger als heute, zuweilen auch recht militant. Dies lag nicht nur an den Themen, sondern auch an einigen akzentuierten Persönlichkeiten, die auf das letzte Wort nicht verzichten mochten. Seit vielen Jahren hat sich die Diskussionskultur aber zugunsten eines sachlichen und kollegialen Umgangs miteinander positiv verändert.

Stellvertreter von Rudolf Gross waren zunächst der Chirurg Edgar Ungeheuer (1920–1992) und dann der Internist Gotthard Schettler (1917–1996). Anfang 1989 übernahm der Nuklearmediziner und Medizinethiker Elmar Doppelfeld die Leitung der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion und ich wurde zu seinem Stellvertreter ernannt. 2004 wurde der Psychiater Christopher Baethge zum Leiter der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion berufen. Mit beiden entwickelte sich eine kollegiale und innovationsfreudige Zusammenarbeit und auch eine freundschaftliche Beziehung.

Internationale Publikation der Beiträge

Überblickt man den Zeitraum von 1982–2017, so ist festzustellen, dass der medizinisch-wissenschaftliche Teil des Deutschen Ärzteblattes mit seiner englischsprachigen Online-Ausgabe Deutsches Ärzteblatt International zu einer angesehenen Zeitschrift geworden ist, die auch im internationalen Bereich keine Vergleiche zu scheuen braucht. Entscheidende Schritte waren dabei die folgenden Maßnahmen:

  • Die Intensivierung des Reviewsystems mit strenger Ausrichtung an Qualitätsmaßstäben und ethischen Richtlinien: Die kritische Beurteilung von Manuskripten gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Redaktionsbeirats. Dabei schätzen wir die Arbeit der Autoren für das Ärzteblatt ungemein und verleihen dem auch durch die Ausschüttung eines Honorars Ausdruck.
  • Die Einführung der zertifizierten medizinischen Fortbildung (CME, Continuous Medical Education) im Jahre 2004: Auf diesem Gebiet hat das Ärzteblatt unter den deutschsprachigen medizinischen Fachzeitschriften mit einer Zugriffsrate von durchschnittlich mehr als 20 000 pro Monat die Führungsrolle übernommen.
  • Der Übergang zur Publikation des kompletten medizinisch-wissenschaftlichen Teils auf Deutsch und Englisch: Heute erscheint jeder Artikel im medizinischwissenschaftlichen Teil vollständig auf Englisch in der kostenfreien Online-Zeitschrift Deutsches Ärzteblatt International.
  • Mit der Zweisprachigkeit war die Aufnahme in die seit einigen Jahrzehnten für die Literatursuche so wichtigen Datenbanken verbunden: etwa in Embase und Medline (zugänglich über das Portal PubMed), um nur zwei der größten zu nennen.
  • Der Erhalt eines Impact-Faktors, der für die Autoren – anders als noch in den frühen 1980er-Jahren – heute eine entscheidende Rolle spielt, und der mit derzeit 4,257 der höchste aller auch oder nur auf Deutsch erscheinenden medizinischen Fachzeitschriften ist.
  • Die vermehrte Einwerbung von systematischen Übersichtsarbeiten und randomisierten Studien – zwei Textformen, die in der evidenzbasierten Medizin einen besonderen Stellenwert besitzen. Gleichzeitig bleibt die narrative („selektive“) Übersichtsarbeit ein für das Ärzteblatt und seine Leser zentraler Artikeltyp.
  • Die Aufnahme in das International Committee of Medical Journal Editors, eine Gruppe von 14 Fachzeitschriften (unter anderem New England Journal of Medicine, Lancet und JAMA), die Regeln für wichtige Aspekte des Publizierens vorschlägt, wie etwa zu Autorendefinition, Erklärung von Interessenkonflikten oder Data Sharing.

Breit gefächertes Themenangebot

Inhaltlich hat die medizinisch-wissenschaftliche Redaktion stets versucht, der Entwicklung der Medizin insgesamt Rechnung zu tragen, was sich auch an der inhaltlichen Vielfalt der Beiträge ablesen lässt. Dies betrifft sowohl neue diagnostische Methoden als auch therapeutische Verfahren in allen Fachgebieten. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit hat zugenommen, was sich in Publikationen von Autorenteams anstelle einzelner Autoren niederschlägt. Auch die psychologische und soziale Dimension des Krankseins wurde in zahlreichen Beiträgen aufgegriffen.

Gleichwohl sind die Medizin insgesamt und die ärztliche Tätigkeit im Besonderen bedroht durch die maßlose Öko­nomi­sierung und Bürokratisierung des gesamten Gesundheitswesens. Hier ist ein Umdenken erforderlich, und das Deutsche Ärzteblatt ist ein geeignetes Publikationsorgan, um Initiativen zur Revitalisierung des Gesundheitswesens durch die Ärzteschaft zu transportieren.

Resümee

Natürlich gab es im Verlauf der 35 Jahre, die ich überblicke, auch Kontroversen, die aber stets im Zusammenwirken mit den Herausgebern und den jeweiligen Chefredakteuren des Deutschen Ärzteblattes sowie mit der Geschäftsführung konstruktiv gelöst werden konnten. Nach wie vor wünschenwert wäre aus meiner Sicht:

  • die knappe Seitenzahl, die der medizinisch-wissenschaftlichen Redaktion zur Verfügung steht, zu erhöhen und
  • die Buchrezensionen, die einfach zu einer wissenschaftlichen Zeitschrift gehören, wieder aufzunehmen.

Persönlich habe ich die Diskussionen in den Redaktionskonferenzen sowie die gesamte Arbeit für das Deutsche Ärzteblatt als sehr bereichernd erlebt. Ist dies doch eine einmalige Möglichkeit, mit der gesamten Medizin in Verbindung zu bleiben und hoch kompetente Kolleginnen und Kollegen in Fach- und akademischen Fragen zu Rate ziehen zu können. Und dies gilt eben auch für die Leser, denen ein unter den deutschen Fachzeitschriften einmaliges Themenspektrum geboten wird.

Meine weitgehend parallele Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer (1984–2012, über zehn Jahre ebenfalls als stellvertretender Vorsitzender) verschaffte mir die Gelegenheit, in beiden Gremien an der Erarbeitung von Stellungnahmen und Richtlinien mitzuwirken, die für die gesamte Ärzteschaft bedeutsam sind.

So verlasse ich nun die Redaktion mit ein wenig Wehmut, mit Dankbarkeit und einem zufriedenen Rückblick auf die bisherige Entwicklung des Deutschen Ärzteblattes, an der ich lange mitwirken durfte, und schließlich mit dem Wunsch, künftig als Leser eine positive Weiterentwicklung der Wissenschaft in dieser wichtigen Zeitschrift verfolgen zu können.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h. c. Helmut Remschmidt
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Philippsuniversität Marburg
Schützenstraße 49
35039 Marburg
remschm@med.uni-marburg.de

Zitierweise
Remschmidt H: Continuity and innovation. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 793–4. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0793

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Philippsuniversität, Marburg: Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h. c. Remschmidt

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