ArchivRechercheStudienmängel
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Die Studie (1) weist aus unserer Sicht erhebliche – im Text jedoch nicht benannte – Mängel auf, welche die Ergebnisse kaum interpretierbar machen:

  • Die Daten, die nur von 5,8 % der angesprochenen Ärzte stammen, sind alles andere als repräsentativ.
  • Der verwendete DSQ-Fragebogen (DSQ, Depression Screening Questionnaire) wurde für ein Screening entwickelt und lässt es nicht zu, eine klinische Diagnose zu stellen. Damit hat ein nennenswerter Teil der im Test positiven Patienten gar keine Depression – wie bei der niedrigen Spezifität des Tests deutlich wird (2). Zudem bildet der Test immer nur wenige Wochen ab, nach denen gefragt wird. Das aber verbietet das Stellen einer Diagnose Depression, da zum Teil nur situative Verstimmungen gemessen werden (3).
  • Die Bildung eines Durchschnittswertes, der Patienten mit Verdacht auf leichte bis schwere Depression einschließt, ist fehlleitend, insbesondere wenn es um die Beurteilung der Behandlungsgüte geht. Denn die medikamentöse Therapie einer leichten, selbst einer mittelschweren Depression wird in der zum Studienzeitpunkt gültigen sowie in der aktuellen Version der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) (4) explizit als nicht ausreichend evidenzbasiert bezeichnet; gleiches findet sich in den internationalen Leitlinien.

Abgesehen von der – fehlerhaften Studie – bleibt also festzustellen, dass die Behandlung der (durch die Hausärzte selbst, ohne Fragebogen, gefundenen) depressiven Patienten sehr gut erscheint. Die Therapiequoten betragen bei schweren, mittleren und leichten Depressionen 97 %, 87,5 % und 79,1 %. Aus solchen Ergebnissen aber auf eine Unterversorgung zu schließen und daraus wiederum die Notwendigkeit einer „Vermittlung differenzierter Fähigkeiten zur Diagnose und Indikationsstellung“ abzuleiten, ist nicht haltbar. Sie lässt vielmehr die Tendenz der Autorinnen und Autoren aufscheinen.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0133a

Prof. Dr. med. Heinz-Harald Abholz (Emeritus)
Institut für Allgemeinmedizin, Universität Düsseldorf

Dr. med. Günther Egidi
Abteilung Allgemeinmedizin, Universität Göttingen

Prof. Dr. med. Michael M. Kochen, MPH, FRCGP (Emeritus)
Abteilung Allgemeinmedizin, Universität Göttingen
Lehrbereich Allgemeinmedizin, Universität Freiburg

Dr. med. Uwe Popert
Abteilung Allgemeinmedizin, Universität Göttingen
uwe.popert@web.de

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Trautmann S, Beesdo-Baum K, Knappe S, et al.: The treatment of depression in primary care—a cross-sectional epidemiological study. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 721–8 VOLLTEXT
2.
Becker N, Abholz H-H: Prävalenz und Erkennen von depressiven Störungen in deutschen Allgemeinarztpraxen – eine systematische Literaturübersicht. Zeitschr Allg Med 2005; 81: 474–81 CrossRef
3.
Sielk M, Altiner A, Janssen B,et al.: Prävalenz und Diagnostik depressiver Störungen in der Allgemeinpraxis – ein kritischer Vergleich zwischen PHQ-D und hausärztlicher Einschätzung. Psychiat Praxis 2009; 36:169–74 CrossRef MEDLINE
4.
DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (eds.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression: S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Edition. Version 5. 2015. www.depression.versorgungsleitlinien.de (last accessed on 30 January 2018).
1.Trautmann S, Beesdo-Baum K, Knappe S, et al.: The treatment of depression in primary care—a cross-sectional epidemiological study. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 721–8 VOLLTEXT
2.Becker N, Abholz H-H: Prävalenz und Erkennen von depressiven Störungen in deutschen Allgemeinarztpraxen – eine systematische Literaturübersicht. Zeitschr Allg Med 2005; 81: 474–81 CrossRef
3.Sielk M, Altiner A, Janssen B,et al.: Prävalenz und Diagnostik depressiver Störungen in der Allgemeinpraxis – ein kritischer Vergleich zwischen PHQ-D und hausärztlicher Einschätzung. Psychiat Praxis 2009; 36:169–74 CrossRef MEDLINE
4.DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (eds.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression: S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Edition. Version 5. 2015. www.depression.versorgungsleitlinien.de (last accessed on 30 January 2018).

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