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Kinderärzte: Neues Profil mit Blick auf die Jugendlichen

Dtsch Arztebl 1999; 96(44): A-2796 / B-2380 / C-2233

Kanders, Joseph

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LNSLNS Die Pädiater sorgen sich um den Bestand ihrer Facharztgruppe und wollen der Jugendmedizin mehr Gewicht verleihen.


Stirbt der Kinderarzt aus? Die Sorge ist nicht unberechtigt, denn von den jüngsten Krankenhausschließungen sind besonders die Kinderkliniken und -abteilungen betroffen. Die Folge: Die Zahl der Weiterbildungsstellen für Pädiater sinkt. Geht das so weiter, kann nach Überzeugung von Dr. med. Wolfram Hartmann vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJD) der Bedarf an Fachärzten vom Jahr 2010 an nicht mehr gedeckt werden.
In der Bevölkerung herrscht noch die Meinung vor, der Kinderarzt sei der Facharzt für Säuglinge und Kleinkinder. Dabei hat sich das Bild des Kinderarztes seit 1995 deutlich verändert. Damals rief der Verband erstmals zu einem Jugendmedizin-Kongreß auf - seither kämpft er um die Anerkennung des Titels "Kinder- und Jugendarzt". Gefolgt sind diesem Anliegen bislang Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. In Hessen, Bayern und Saarland sollen entsprechende Anträge gestellt werden. Der Präsident des BVKJD, Dr. med. Klaus Gritz, hofft, daß auch die übrigen Bundesländer den Kinderärzten gestatten werden, auf das Praxisschild "Kinder- und Jugendarzt" zu schreiben.
Galten die 12- bis 16jährigen lange Zeit als gesundheitlich unauffällig, so weisen heute zwischen 40 und 60 Prozent der Jugendlichen behandlungsbedürftige Gesundheitsstörungen auf. Drogen-, Nikotin- und Alkoholmißbrauch zerstören zudem frühzeitig das Bild vom gesunden Heranwachsenden. Zahlen aus einer Untersuchung des Sonderforschungsbereiches Prävention und Intervention bei Kindern und Jugendlichen der Universität Bielefeld untermauern das. Danach sind 35 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren Raucher, viele seit ihrem zwölften Lebensjahr, 25 Prozent trinken regelmäßig Alkohol, manche seit dem zehnten Lebensjahr, 20 Prozent der Schulkinder haben bereits Erfahrung mit Drogen, fünf Prozent nehmen sie regelmäßig. Das Einstiegsalter für Nikotin und Alkohol liegt zwischen zehn und 13 Jahren, für Drogen bei 13 Jahren, ab der siebten beziehungsweise achten Klasse wenden sich viele bereits härteren Drogen zu.
Auch das Sexualverhalten der Heranwachsenden hat sich verändert. Vorsichts- und Verhütungsmaßnahmen werden wieder stärker außer acht gelassen, wie eine Studie des Emnid-Instituts aus dem vergangenen Jahr im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt. Gesundheitserziehung als Pflichtfach in den Schulen
Eine der Hauptforderungen des Verbandes, die auf einer Seminartagung in Kassel an die Kultusbehörden der Länder gerichtet wurde: Die Gesundheitserziehung muß an den Schulen Pflichtfach werden. Dr. med. Uwe Büsching, niedergelassener Pädiater aus Bielefeld, Mitstreiter des Bielefelder Jugendforschers Prof. Klaus Hurrelmann, und seit drei Jahren im Rahmen eines Versuchs "Kooperation von Lehrern und Ärzten in der schulischen Gesund­heits­förder­ung" an einer Bielefelder Grundschule tätig, zeigte in seinem Zwischenbericht, den er in Kassel vorlegte, wie wichtig die ärztliche Beratungsstunde mittlerweile für die Kinder ist. "Es geht nicht darum", so Büsching "die Sprechstunde in die Schule zu verlagern. Mehr als 60 Prozent der Kinder kommen aus anderen als primär gesundheitlichen Gründen. Es geht zum Beispiel um die Fragen, welche Auswirkungen das Rauchen des Vaters auf das Kind hat, Ängste der Kinder, wenn Eltern sich streiten, oder ob ein elfjähriges Mädchen dem Drängen seines 14 Jahre alten Freundes nach sexuellem Verkehr nachgeben soll. Nach Büschings Beobachtung kommt inzwischen mehr als die Hälfte der Kinder aller vierten Klassen in die schulärztliche Beratungsstunde. Dabei können psychosoziale und psychosomatische Probleme rechtzeitig erkannt, Konflikte beseitigt und Krankheiten frühzeitig entdeckt werden. Finanziert werden diese Beratungsstunden, die mittlerweile an 70 nordrhein-westfälischen Schulen abgehalten werden, nicht über die Krankenkassen, sondern über Fördervereine der Schulen.
Hurrelmann hat die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Kinder- und Jugendärzten in drei Felder gegliedert:
- gemeinsame Entwicklung von Gesundheitsunterricht;
- Gesundheitsberatung in der Schule;
- gesundheitliche Begleitung der schulischen Arbeitsprozesse.
Eine weitere Forderung des Verbandes richtet sich an den Gesetzgeber: die Verankerung von Maßnahmen zur Prävention in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung. Vorbeugen sei besser und billiger als heilen, meinen die Kinderärzte. Deshalb müßten die vorbeugenden Maßnahmen außerhalb der Budgetierung bezahlt werden. Der kurative Anteil an der Kinder- und Jugendmedizin könne weiter reduziert, der präventive Teil müsse ausgebaut werden. So verweist der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte darauf, daß nach dem zweiten Lebensjahr die Beteiligung an Früherkennungsuntersuchungen stark abnimmt und lediglich noch 60 Prozent aller Schulanfänger ein "lückenloses" Kinderuntersuchungsheft aufweisen. Zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen seien deshalb für Drei- und Achtjährige erforderlich. Joseph Kanders

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