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Krebs: Große Potenziale der Prävention

Dtsch Arztebl 2019; 116(4): A-132 / B-114 / C-114

Brenner, Hermann; Mons, Ute

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In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 480 000 Menschen neu an Krebs, circa 220 000 Menschen sterben daran. Ein großer Anteil dieser Erkrankungs- und Sterbefälle könnte durch konsequente Prävention vermieden werden.

Foto: MicroStockHub/iStock
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In der medizinischen Literatur überschlagen sich die Erfolgsmeldungen in der Bekämpfung von Krebserkrankungen. Am häufigsten finden sich darunter Erfolgsmeldungen über signifikante Verlängerungen der medianen Überlebenszeit, die sich häufig in der Größenordnung weniger Tage, Wochen oder Monate bewegen, von Patienten mit metastasierten Tumorerkrankungen durch neue, in der Regel sehr teure Therapien.

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Aus Public-Health-Perspektive sehr viel relevanter ist aber ein Blick auf die Entwicklung der Sterberaten an Krebs, wenn es darum geht, ein Gesamtbild der Fortschritte in der Krebsbekämpfung zu erhalten: Die auf die Weltbevölkerung altersstandardisierte Krebsmortalitätsrate sank in Deutschland zwischen 1994 und 2014 um fast ein Viertel (um 23,2 Prozent), von 156,4 auf 120,0 pro 100 000 (1). Ohne diesen Rückgang hätte die Zahl der Krebstodesfälle alleine aufgrund der demografischen Entwicklung von circa 210 000 auf circa 290 000 zugenommen. Nur dank des Rückgangs der altersspezifischen und damit auch der altersstandardisierten Mortalitätsraten konnten die Zunahme auf circa 10 000 Krebstodesfälle und die Zahl der Krebstodesfälle in 2014 auf circa 220 000 begrenzt werden.

Dies sollte aber keinesfalls zum Anlass genommen werden, selbstzufrieden auf Erfolge in der Krebsbekämpfung zurückzuschauen. Im Gegenteil: Der Rückgang der altersstandardisierten Sterberate an Krebs zwischen 1994 und 2014 blieb mit 23,2 Prozent erheblich hinter dem Rückgang der Gesamtsterberate (um 32,1 Prozent) und insbesondere dem Rückgang der Sterberaten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (um 47,9 Prozent) zurück. Die stärksten Rückgänge der krebsbedingten Mortalitätsraten fanden sich bei Krebsarten, bei denen der Rückgang im Wesentlichen einen Rückgang der Neuerkrankungsraten widerspiegelte, insbesondere bei Magenkrebs (Rückgang um 55,0 Prozent), Darmkrebs (Rückgang um 39,2 Prozent) und Lungenkrebs bei Männern (Rückgang um 31,4 Prozent). Diese Rückgänge sind also nicht in erster Linie auf Fortschritte der Therapie und Fortschritte der Prognose zurückzuführen. Sie spiegeln vielmehr in erster Linie das Potenzial der Primärprävention (Magenkrebs: verbesserte Hygiene und Lebensumstände, insbesondere bezüglich der Nahrungsmittelkonservierung sowie Rückgang der Prävalenz der Infektion mit Helicobacter pylori; Lungenkrebs bei Männern: Rückgang der Raucherprävalenz) und Sekundärprävention (Darmkrebs: Entdeckung und Entfernung von Darmkrebsvorstufen im Rahmen der Vorsorge-Koloskopie oder diagnostischen Koloskopien) wider (24).

Vermeidbare Risikofaktoren

Natürlich sind mehr als 220 000 Todesfälle an Krebs pro Jahr weiterhin viel zu viele. Und ein großer Teil davon ließe sich durch die weitere konsequente Umsetzung seit Langem vorliegender und neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse in konsequente Präventionsstrategien vermeiden. Die beste Medizin ist immer noch diejenige, die den Menschen nicht nur den Tod an einer Krebserkrankung, sondern das Schicksal einer Krebserkrankung mit all den damit verbundenen schwerwiegenden Einschnitten in ihr Leben insgesamt erspart.

In der Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts vom 3. September 2018 wurden Berechnungen vorgestellt, in welchem Umfang bekannte und etablierte Krebsrisikofaktoren zur Krebshäufigkeit in Deutschland beitragen (57). Damit sollen der Gesundheitspolitik, aber auch Ärzten und Mitarbeitern im Gesundheitswesen Anhaltspunkte dafür gegeben werden, wie viele Krebserkrankungen durch Vermeidung dieser Risikofaktoren verhütet werden könnten. Hier sollen konkrete Daten über die großen, noch viel zu wenig genutzten Potenziale der Krebsprävention bereitgestellt, die Gesundheitspolitik und Ärzteschaft in ihrem Bemühen um eine effektivere Krebsprävention unterstützt werden.

Konkret wurde berechnet, wie viele der insgesamt im Jahr 2018 im Alter zwischen 35 und 84 Jahren zu erwartenden circa 440 000 neu diagnostizierten Krebserkrankungen in Deutschland auf Risikofaktoren zurückzuführen sind, deren ursächlicher Zusammenhang mit verschiedenen Krebsarten als gesichert oder in hohem Maße wahrscheinlich anzusehen ist.

Trotz eines allmählichen Rückgangs der Raucherprävalenz in den letzten Jahren bleibt das Rauchen der wichtigste Krebsrisikofaktor, dem allein mehr als 85 000 Krebserkrankungen (19 Prozent) zuzuschreiben sind, darunter circa 46 000 Lungenkrebserkrankungen, die nach wie vor eine sehr schlechte Prognose haben. Ungesunde Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht und Bewegungsmangel sind weitere wichtige Faktoren, die für mindestens 34 000 (8 Prozent), 30 000 (7 Prozent) bzw. 27 000 (6 Prozent) der Krebserkrankungen verantwortlich sind. Aber auch hoher Alkoholkonsum (circa 10 000 Fälle, 2 Prozent) und spezifische Infektionen (>17 000 Fälle, 4 Prozent) sind häufige und zu großen Teilen vermeidbare Risikofaktoren. Insgesamt gehen den Berechnungen zufolge mindestens 37 Prozent der zu erwartenden Krebsfälle auf vermeidbare Risikofaktoren zurück. Da für die genannten Risikofaktoren Zusammenhänge mit zahlreichen weiteren Krebsarten gefunden wurden, die derzeit aber noch nicht als hinreichend gesichert gelten und die daher nicht in die Berechnungen einflossen, ist davon auszugehen, dass die genannten Zahlen eine sehr konservative Schätzung der Krebslast darstellen, die diesen potenziell vermeidbaren Risikofaktoren zuzuschreiben ist. Zudem gehen insbesondere die lebensstilbedingten Faktoren auch mit einem erhöhten Risiko weiterer chronischer Erkrankungen des höheren Lebensalters einher, insbesondere auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sodass das Präventionspotenzial einer Vermeidung oder Reduzierung dieser Risikofaktoren noch weit über das Präventionspotenzial von Krebserkrankungen hinausgeht (8, 9).

Erfolge nicht zum Nulltarif

„Trotz eines Rückgangs der Raucherprävalenz bleibt das Rauchen der wichtigste Krebsrisikofaktor.“ Hermann Brenner, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg. Foto: DKFZ
„Trotz eines Rückgangs der Raucherprävalenz bleibt das Rauchen der wichtigste Krebsrisikofaktor.“ Hermann Brenner, Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg. Foto: DKFZ

Vor diesem Hintergrund und angesichts der fortschreitenden demografischen Alterung sind verstärkte Bemühungen um eine effiziente Prävention vordringlicher denn je. Neben der bestmöglichen Information und Aufklärung über die Bedeutung eines gesunden Lebensstils und der individuellen Verantwortung jedes Einzelnen für einen solchen Lebensstil ist hier insbesondere auch die Gesundheitspolitik gefordert, Rahmenbedingungen für eine bestmögliche Prävention zu schaffen. Angesichts der oben genannten Zahlen ist es geradezu skandalös, dass Deutschland bezüglich der Umsetzung einer wirksamen Tabakpräventionspolitik europaweit weiterhin zu den Schlusslichtern gehört. In Ländern wie Großbritannien oder Australien, in denen konsequente Tabakpräventionsstrategien umgesetzt werden, die beispielsweise deutlich höhere Tabaksteuern, Tabakwerbeverbote und umfassende Rauchstoppunterstützung beinhalten, fordert das Rauchen zwischenzeitlich weit weniger Krebsopfer als in Deutschland (1013). Großer gesundheitspolitischer Handlungsbedarf besteht auch bezüglich der sich weltweit epidemie-artig ausbreitenden Risikofaktoren Übergewicht und Bewegungsmangel, die häufig in Kombination auftreten und zunehmend bereits ihren Ursprung im frühesten Lebensalter nehmen (14). Eine gesundheitsförderliche Preispolitik durch gestaffelte Mehrwertsteuersätze, die finanzielle Anreize für eine gesunde Ernährung setzt, und die Schaffung von Lebenswelten, in denen ausreichende Bewegung und die Vermeidung von Übergewicht wieder zum „Normalfall“ für Kinder, Jugendliche und Erwachsene wird, ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der höchste politische Priorität eingeräumt werden sollte (15).

Neben der Stärkung der Primärprävention sollten aber auch die Potenziale der Sekundärprävention besser ausgeschöpft werden. So könnte beispielsweise der Rückgang der Inzidenz und Mortalität an Darmkrebs noch erheblich beschleunigt werden, wenn die im Nationalen Krebsplan seit Jahren geforderte Einführung eines organisierten Früherkennungsprogramms mit gezielter Einladung der Betroffenen endlich konsequent umgesetzt würde. Und schließlich sollte die Präventionsforschung, die im Vergleich zu der um ein Vielfaches stärker finanzierten Therapieforschung bestenfalls ein Nischendasein fristet, sehr viel stärker und konsequenter gefördert werden.

Dies alles wird nicht zum Nulltarif zu erreichen sein. Nicht zuletzt angesichts der explodierenden Kosten für Krebsmedikamente, die in vielen Fällen allenfalls eine kurzfristige Verlängerung des Überlebens ermöglichen, ist Vorbeugen aber auch aus gesundheitsökonomischer Sicht ohne Frage besser als Heilen.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2019; 116(4): A 132–3

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Hermann Brenner
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 581
69120 Heidelberg

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0419
oder über QR-Code.

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Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg: Prof. Dr. med. Brenner, PD Dr. sc. hum. Mons

Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), DKFZ, Heidelberg: Prof. Dr. med. Brenner

Stabsstelle Krebsprävention, DKFZ, Heidelberg: PD Dr. sc. hum. Mons
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Avatar #759674
planetzero3@live.de
am Samstag, 2. Februar 2019, 12:50

Was ist ein erfülltes Leben?

Inklusive Studium begleiten mich seit über 37 Jahren epidemiologische Zaubertricks und 10-Jahrespläne im Kampf gegen den Krebs.

Zu dem Artikel von Herrn Brenner et al. deswegen einige ketzerische Gedanken:

- die epidemiologische Effekt-Quantifizierung eines singulären pathogenetischen Faktors ist bestenfalls approximativ, zumeist aber spekulativ.
- die projektive Umrechnung dieser Quantifizierung auf "vermeidbare" Todesfälle durch Modifizierung dieses singulären Faktors ist bei einer pathogenetisch derart komplexen Krankheitsgruppe wie den malignen Neoplasien selbst für vergleichsweise dominante Faktoren wie den Nikotinkonsum in meinen Augen unseriös und Ausdruck einer Überdehnung epidemiologischer Möglichkeiten.
- die beschriebene Mortalitätsabnahme bei malignen Neoplasien ist nicht Ausdruck gesunkener Inzidenz dank primärer Prävention, sondern gerade trotz gestiegener Inzidenz zu beobachten.
- auch der Effekt sekundärer Prävention wird bei den meisten Entitäten deutlich überschätzt (ein gutes Beispiel: der angeblich deutlich mortalitätssenkende Effekt des immense Kosten verursachenden Mammographiescreenings).
- dies weist auf andere Gründe (u.a. verbesserte therapeutische Möglichkeiten) für die Mortalitätsabnahme als den Effekt von Prävention hin.
- vermeidet man eine Krebserkrankung, ermöglicht man dadurch eine andere oder aber eine zum Tod führende Nichtkrebserkrankung.
- die Konzentration auf (vermeintlich) optimale Prävention verschiedenster Erkrankungen schrumpft die menschliche Existenz auf ihr natürliches Mängelwesen und fixiert die Lebensperspektive auf letztendlich nicht vermeidbare biographische Endpunkte. Es kommt quasi zur iatrogenen Hypochondrisierung.
- die Onkologie hat in vielen Bereichen in den letzten dreißig Jahren für unsere Patienten sehr gewinnbringende Entwicklungen durchlaufen und Perspektiven eröffnet; die Perspektive auf das, was unser Leben lebenswert macht, verengte sich meines Erachtens aber leider gleichzeitig.
- wenn der alleinige und hauptsächliche Sinn des Lebens die Optimierung von Lebenszeit und körperlicher Gesundheit ist, dann ist das ein armes Leben. Denn auch die Bündelung aller Ressourcen wird das unterschwellige Ziel dieser Bemühungen - leider? zum Glück? - niemals erreichen können: unsere Befreiung von der Sterblichkeit.



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