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SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zukunft

Dtsch Arztebl 2019; 116(13): [44]

Böhmeke, Thomas

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Jeder Verwandlung wohnt ein Zauber inne. Dies gilt explizit nicht für den Antigenshift der Grippeviren, die uns wieder mal so zusetzen, sondern der euphemistischen Umdeutung verschiedener Begrifflichkeiten. Hieß es früher Spionage und Seilschaft, so heißt es heute Transparenz und Netzwerk. Diese Umdeutung war erforderlich, damit auch solch skeptische alte Säcke wie ich die Schönheit des digitalen Zeitalters begreifen, in dem sich durch lückenlose Durchleuchtung und globaler Vernetzung alles zum Besseren wendet.

Ist das wirklich so? Um dies zu überprüfen, versetze ich mich gedanklich in das Jahr 2024. Und um es einfacher zu machen, finde ich mich an einem sonnendurchfluteten Samstagmorgen im Bett wieder. Samstag! Der ideale Tag, sich von den Widrigkeiten der Woche zu erholen, sich eine Prise Hedonismus zu gönnen.

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Ich liege also, faul wie alter Abszess, noch in den Federn und gucke im Netz mal so nach, was alles auf der Welt so passiert ist. „Anstatt Ihre Zeit mit Durchsicht von Nachrichten zu vergeuden, könnten Sie besser wissenschaftliche Artikel durcharbeiten. Ihre Ärztekammer!“ poppt mittendrin eine Meldung auf.

Nein, Samstag ist mein Tag, die hehre Wissenschaft hat Zeit bis morgen. „Ihr Fortbildungskonto ist aufgrund Ihrer Renitenz um drei Punkte geschrumpft. Ihre Ärztekammer!“ Das ist jetzt nicht wahr!

Wahr ist aber auch, dass ich den Tag in Angriff nehmen muss. Nämlich die elektronische Einkaufsliste für den Roboter-Supermarkt fertig machen. Eine gute Flasche Rotwein muss drin sein, diese als Geschenk für den Nachbarn, der mir gestern im Garten geholfen hat. „Aufgrund Ihres Alkoholkonsums erhöht sich der monatliche Beitrag um 10 Prozent. Ihre Krankenkasse!“ Halt, rufe ich aus, die ist für den Nachbarn! Das haben die allgegenwärtig lauschenden Mikrofone natürlich mitgekriegt. „Es wird überprüft, ob die Hilfe des Nachbarn den Tatbestand einer gesetzwidrigen Schwarzarbeit erfüllt. Ihr Finanzamt!“ Schweinebande, denke ich mir, diese Schweinebande nutzt wirklich die mikroskopischste Gelegenheit. „... Da Sie uns gerade mit ‚Schweinebande‘ tituliert haben, werden umgehend 300 Euro von Ihrem Konto abgebucht. Ihr Finanzamt!“ Ha! Ich habʼ aber nix gesagt! rufe ich den Mikrofonen zu. „Ihr in der Cloud hinterlegter Wortschatz sowie ihr Psychopathogramm ergeben dies mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent!“ Na und? Denken wird man doch wohl noch dürfen, oder? „Die aktuelle BGH-Entscheidung erachtet einen mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung ermittelten Gedanken als rechtskräftig. Die 300 Euro sind bereits abgebucht. Ihr Finanzamt!“ Das ist ja unerhört! Das ist eine bodenlose Frechheit, mein Blutdruck ist schon weit über 300 mmHg! Solch eine Zukunft kann mir gestohlen bleiben!

Nein, natürlich nicht. Ich liege ganz entspannt im Hier und Jetzt auf dem Sofa und stelle mir meine Zukunft in den rosigsten Farben vor. Ich werde eine hypermoderne Praxis aufmachen, befreit von allen Computern, versehen mit Störsendern, die jeden Lauschangriff unmöglich machen. Alle Informationen werden auf gutem, altem Papier notiert. Die Patienten werden mir die Bude einrennen! Denn ich biete ihnen etwas, was kein Netzwerk oder Seilschaft, keine Transparenz oder Spionage bieten kann, aber die Grundlage eines gesunden Patienten-Arzt-Verhältnisses ist: Vertrauen und Vertraulichkeit.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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