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Von schräg unten: Fähigkeiten

Dtsch Arztebl 2019; 116(17): [48]

Böhmeke, Thomas

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Die berufliche Ausbildung ist die eine Seite, die praktische Tätigkeit häufig eine andere. So kann ich mir vorstellen, dass beispielsweise Ingenieure, die mit Planung und Ausführung von Flughäfen oder Bahnhöfen beschäftigt sind, plötzlich enorme Kompetenzen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, genauer gesagt für Formulierungen auf Pressekonferenzen zum Baustillstand, aufbieten müssen. So etwas fordert diese Menschen ganz abseits der Gesetze der Bauphysik.

Mit besagten Ingenieuren kann ich mitfühlen, denn abseitig sind auch die Fähigkeiten, die mein heutiger Patient von mir fordert. Er legt mir einen Entlassungskurzbericht aus dem Krankenhaus vor, aus dem zu entnehmen ist, dass man bei ihm eine Tachykardie, eine AVNRT nachgewiesen hätte. Weitere Informationen enthält der Bericht nicht.

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Mein Problem ist jetzt, dass ich die Anamnese so ganz und gar nicht mit dieser Rhythmusstörung in Einklang bringen kann, es fächern sich viele Fragen auf. „Wenn Sie ein Problem haben, können Sie ja meinen Hausarzt anrufen!“ Schwierig. Einerseits ist es ja streng genommen nicht mein, sondern sein Problem, um das meine Gedanken kreisen. Andererseits ist es halb zwei, der Kollege ist auf Hausbesuchen unterwegs und nicht in der Praxis erreichbar.

„Was stellen Sie sich so an? Kontaktieren Sie ihn doch auf dem Handy, die Nummer haben Sie doch sicher im Kopf!“ Das Memorieren von elf- oder zwölfstelligen Mobilfunknummern gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen, außerdem ist mir die Rufnummer des Kollegen nicht bekannt. „Na, irgendwie anders wird das wohl noch gehen!“ Oh, jetzt fühle ich mich außerordentlich geschmeichelt. Allerdings muss ich Ihnen mitteilen, dass meine Qualifikation in telepathischer Kommunikation rudimentär, bisweilen inexistent sind.

„Ja, ist ja gut. Dann gehen Sie halt ins Internet und holen sich das, was Sie brauchen!“ Da ist dummerweise der Datenschutz dazwischen, an dem sich Profis schon viele Jahre die Zähne zerbeißen und die Zungen zerbrechen. Wenn ich solch ein himmlisch begabter Programmierer und Datenschützer wäre, der diese Probleme gelöst hätte, dann säße ich jetzt nicht hier. „Na schön. Aber Sie könnten doch mal die Datenbank des Krankenhauses anzapfen, das muss doch drin sein, nicht wahr?!“ Es tut mir aufrichtig leid, meine Expertise, externe extrem gesicherte Datenbanken zu hacken, ist leider äußerst begrenzt, dafür sind andere Fachleute zuständig.

Er kramt seine Krankenversichertenkarte hervor. „Warum sind dann meine Daten nicht auf diesem Chip gespeichert? Die könnten Sie doch auslesen!“ Auch hier traut er mir Begabungen zu, die ans Übersinnliche grenzen. Es sind nur personenbezogene Daten gespeichert und keine medizinischen Befunde. Er wird zunehmend missmutig. Sein Blick wandert über meinen Schreibtisch, auf dem sich ein kleines Blumenarrangement um eine Dekorkugel schart. „Ich hab’s! Hier, die Kugel, da könnten Sie doch mal reinschauen!“ Es reicht! Ich bin Mediziner und kein Wahrsager!

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