ArchivRechercheWie die Hygiene im Krankenhaus zum politischen Zankapfel wurde

POLITIK: Medizinreport

Wie die Hygiene im Krankenhaus zum politischen Zankapfel wurde

Rüden, Henning; Daschner, Franz; Martin

Stellungnahme der Studienleiter der NIDEP-Studie zu dem Beitrag von Dr. med. Vera Zylka- Menhorn (DÄ 21 vom 24. 5. 1996)
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LNSLNS Nichterfassung von Infektionen: Es wird behauptet, daß die Untersucher viele nosokomiale Infektionen nicht erfaßt haben.
Richtig ist, daß die Untersucher 89 Prozent aller nosokomialen Infektionen sowie 99,3 Prozent aller Patienten ohne nosokomiale Infektionen richtig erkannt haben, wie in der Bedside-Validierung anhand von 200 Patienten gezeigt werden konnte. Diese Sensitivitäts- beziehungsweise Spezifitätsraten halten jedem internationalen Vergleich stand.
¿ Design einer Prävalenzstudie – Es wird behauptet, daß eine retrospektive Untersuchung durchgeführt wurde und daß 3 412 Patienten "sinnlos" erfaßt worden seien.
Richtig ist folgendes: Unter Prävalenz versteht man den Anteil der Erkrankten an der gesamten Untersuchungsgruppe an einem bestimmten Stichtag. Würde man, wie von Herrn Dr. Zastrow gefordert, einen Teil der Patienten ausschließen (zum Beispiel Patienten mit kurzer Aufenthaltsdauer), so würde dies zu einem systematischen Fehler führen.
Die NIDEP-Studie wurde prospektiv durchgeführt: Dies bedeutet, daß Patienten während ihrer Anwesenheit im Krankenhaus untersucht wurden. Hier besteht ein Unterschied zum Beispiel zur DKG-Studie, bei der ausschließlich retrospektiv nach Aktenlage entschieden wurde, ob eine Infektion vorlag oder nicht. Ein besonderer Vorzug gegenüber anderen internationalen Prävalenzstudien bestand darin, daß für die Analyse der Risikofaktoren zusätzlich sechs Tage retrospektiv untersucht wurden.
À Qualifikation der Studienärzte – Es wird behauptet, daß nur klinisch erfahrene Fachärzte in der Lage seien, nosokomiale Infektionen im Einzelfall zu diagnostizieren.
Richtig ist, daß es sich bei den Studienärzten um approbierte, erfahrene Ärzte handelte, die geschult und validiert wurden.
Übereinstimmend mit amerikanischen Untersuchungen fanden sich in der NIDEP-Studie in großen Krankenhäusern höhere Infektionsraten als in kleineren. Ursache hierfür ist am ehesten die Zusammensetzung des Patientengutes und nicht, wie behauptet, eine geringere diagnostische Kompetenz der ärztlichen Kollegen an kleineren Krankenhäusern.
Á Diagnostik nosokomialer Infektionen – Es wird behauptet, daß "Angaben zum diagnostischen Vorgehen fehlen".
Richtig ist, daß alle diese Angaben exakt in der Studie nachgelesen werden können. Wegen Fehlens deutschsprachiger Kriterien zur Erfassung von Krankenhausinfektionen wurden die sogenannten CDCKriterien, das heißt die Erfassungskriterien der Centers for Disease Control and Prevention (Atlanta, USA), der größten Krankenhausepidemiologie-Zentrale der Welt, verwendet. Die Summe der Informationen aus klinischer Inspektion, Dokumentation und Mitteilungen des klinischen Personals wurde zur Diagnose herangezogen. Damit sollte sichergestellt werden, daß nur tatsächlich vorhandene Infektionen erfaßt werden und nicht "maskierte" mögliche Infektionen.
 Auswahl der Krankenhäuser – Es wird behauptet, daß 25 Prozent der Krankenhäuser nicht nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden.
Richtig ist, daß alle Krankenhäuser repräsentativ ausgewählt wurden. Dies geschah anhand einer Zufallsstichprobe, im Anschluß an eine Stratifizierung der Krankenhäuser nach Größenklasse und alten/neuen Bundesländern. Bei Ablehnung eines Krankenhauses wurde selbstverständlich erneut nach dem Zufallsprinzip ein Krankenhaus aus dem gleichen Stratum gezogen.
Die Variabilität zwischen den einzelnen Prävalenzraten der unterschiedlichen Strata ist kein Beweis für eine fehlerhafte Auswahl der Krankenhäuser, sondern unterstützt allenfalls die Notwendigkeit, Krankenhäuser repräsentativ auszuwählen.
Es wird behauptet, daß in den neuen Bundesländern kein Krankenhaus der Maximalversorgung teilgenommen hat.
Richtig ist, daß das Kriterium für die Stratifizierung nicht die Versorgungsstufe, sondern die Größenklasse gewesen ist. Aus den neuen Bundesländern hat sich ein Krankenhaus mit mehr als 1 300 Betten beteiligt.
à Mikrobiologische Diagnostik – Es wird behauptet, daß die mikrobiologische Diagnostik für nosokomiale Infektionen unabdingbar ist.
Richtig ist jedoch, daß aufgrund der CDC-Kriterien sämtliche nosokomialen Infektionen auch ohne mikrobiologische Befunde diagnostiziert werden können. Mit Ausnahme der asymptomatischen Harnwegsinfektionen (deren klinische Bedeutung ohnehin umstritten ist). Die Tatsache, daß in kleineren Häusern einerseits häufig kein mikrobiologisches Labor vorhanden ist und andererseits die nosokomialen Infektionsraten dort nur sehr gering sind, muß nicht zwangsläufig bedeuten, daß gerade wegen des Fehlens von mikrobiologischer Laboranalysen in kleineren Häusern häufiger nosokomiale Infektionen übersehen werden. Mit anderen Worten: Das Vorhandensein eines mikrobiologischen Labors führt nicht per se zur besseren Diagnostik, sondern nur der vernünftige Einsatz der vorhandenen diagnostischen Möglichkeiten.
Ä Infektionsraten in anderen internationalen Studien – Es wird behauptet, daß die Prävalenzraten in anderen, nichtdeutschen Studien höher liegen. Richtig ist, daß die Prävalenzraten in einigen anderen nichtdeutschen Studien zwar höher liegen, aber wegen des unterschiedlichen methodischen Vorgehens weder untereinander noch mit den NIDEP-Raten vergleichbar sind (Beispiele: Einladungsprinzip statt – wie bei NIDEP – repräsentative Auswahl der Krankenhäuser, nicht alle Krankenhausgrößenklassen statt – wie bei NIDEP – alle Größenklassen).
Aus diesem Grunde ist auch der von den Kritikern durchgeführte Vergleich mit den Daten der EPIC-Studie nicht zulässig, denn hier werden bekanntlich hohe Infektionsraten von Intensivstationen mit den Raten von Allgemeinstationen ver-glichen. Die in der NIDEP-Studie ermittelte nosokomiale Infektionsrate für Intensivstationen beträgt 15,3 Prozent und liegt damit im Bereich der Daten der EPIC-Studie, in der Raten von 9,7 bis 31,6 Prozent ermittelt wurden.


Prof. Dr. med. Henning Rüden
Institut für Hygiene der Freien Universität Berlin
Nationales Referenzzentrum für Krankenhaushygiene


Prof. Dr. med. Franz Daschner
Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der
Albert Ludwigs-Universität Freiburg
Nationales Referenzzentrum für Krankenhaushygiene


Prof. Dr. rer. nat. Martin Schumacher
Institut für Medizinische Biometrie und Medizinische Informatik der Albert Ludwigs-Universität Freiburg

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