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Aachen feiert seinen Kaiser: Geschichten über Karl den Grossen

Wiegandt, Iris

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LNSLNS Nur wenige Fakten sind wirklich gesichert.

Eifrig bemüht sich die tätige Schar: die einen hauen den Marmor zurecht für hochragende Säulen und führen die Mauern der Burg auf; andere wälzen eifrig die Steinblöcke herbei. Hier bemühen sich andere, warme Heilquellen zu erschließen, fassen das von Natur kochende Wasser des Bades in Mauerwerk ein und hauen aus marmornen Stufen schöne Sitzbänke.“ Die Zeit: gegen Ende des 9. Jahrhunderts; der Schauplatz: Aachen. „Dort bauen wieder andere dem ewigen König mit gewaltiger Anstrengung einen herrlichen Tempel: schon ragt zu den Sternen das heilige Haus mit geglätteten Mauern. Es geht und kommt die heilige Schar, und verteilt über die Stadt hin, schafft sie um die Wette Baumaterial herbei für das hohe Rom“, – ein zweites, neues Rom mitten im Wald, mitten im Kernreich der Franken.
„Da steht in seiner Pfalz der huldreiche Karl, bezeichnet die einzelnen Plätze, bestimmt, wo die ragenden Mauern verlaufen des künftigen Rom.“ Wer Karl dem Großen, „dem Haupt der Welt, dem Liebling, der Zier seines Volkes, dem Gipfel Europas“ eine solch flammende Schrift in lateinischen Versen widmete, ist nicht sicher. Die Historiker streiten noch, ob es ein Zeitgenosse Karls oder ein Nachgeborener war, und sie zweifeln an der Glaubwürdigkeit des so genannten Karlsepos.
Eines ist aber sicher. Karl der Große zählte zu den Mächtigsten seiner Zeit. „Drei Personen nahmen auf der Welt bisher die höchste Stelle ein, nämlich der Papst in Rom, der den Stuhl des heiligen Apostelführers Petrus als Stellvertreter innehat, dann die kaiserliche Würde und weltliche Macht Byzanz und an dritter Stelle die königliche Würde, zu der Euch, als Lenker des christlichen Volkes, mächtiger als die genannten, hehrer an Weisheit, erhabener durch die Würde des Reiches, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus erhoben hat. Auf Dir allein beruht das ganze Wohl der Kirchen Christi“, so beschreibt sein wichtigster Berater, der Universalgelehrte Alkuin, die politische Großwetterlage im Jahr 799 in einem Brief an Karl.
Riesig war sein Reich schon, als Karl es übernommen hatte und anfangs gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Karlmann regierte. Nach Karlmanns Tod besiegte er dann noch die Langobarden, bekehrte die Sachsen zum Christentum und unterwarf die Bayern. Gegen Ende des Jahrhunderts stand der größte Teil der lateinischen Christenheit unter seiner Herrschaft.
In Sachen Städtebau und Architektur allerdings hinkte Karl hinter den Mächten in Rom und Byzanz her. Er war wie seine Vorfahren ein Reisekönig ohne festen Wohnsitz, saß mehr auf dem Rücken eines Pferdes als auf einem Thron. Was er auf seinen Reisen im Süden gesehen hatte, muss ihn animiert haben, seiner Macht nun gleichfalls ein Zentrum, ein würdiges architektonisches Gesicht zu geben, um auch auf diesem Gebiete mit Rom und Byzanz wenigstens gleichzuziehen. Rom kannte er gut, sowohl das christliche als auch das antike. In Byzanz war er nie, aber im byzantinischen Ravenna mit den Kirchen und Palästen des Theoderich. Das waren die Vorbilder für sein neues, zweites Rom, nördlich der Alpen.
Wenig ist davon erhalten geblieben. Aachens Rathaus steht auf den Fundamenten von Karls Königshalle. Fünf Geschosse des Granusturms, der wahrscheinlich seine Privaträume beherbergte, stam-men noch aus karolingischer Zeit und das Oktogon, der achteckige Zentralbau des heutigen Münsters. Viele der Könige und Kaiser, die nach Karl in Aachen gekrönt wurden, haben den Kuppelbau erweitert, mit Schätzen ausgestattet und geschmückt. Zwei Jahrhunderte aber hat kein Bau im nördlichen Europa das Oktogon an Höhe übertrumpfen können. Und die Masse, die Maße, die Proportionen legen noch heute eindrucksvoll, wuchtig ein steinernes Zeugnis von Karls Macht und Einfluss ab.
Warum aber baute er ausgerechnet in Aachen? Keine großen Ereignisse, nichts, was den Ort vor anderen ausgezeichnet hätte, sprach dafür. Er war 765 mit seinem Vater Pippin einmal da gewesen, dann rund 30 Jahre nicht mehr. Erst seit 794/95 verbrachte er regelmäßig die Winter dort. „Karl liebte die Dämpfe heißer Naturquellen und schwamm sehr viel und so gut, dass es niemand mit ihm aufnehmen konnte“, überliefert Einhard, sein Berater und erster Biograf. „Darum baute er seinen Palast in Aachen und verbrachte seine letzten Lebensjahre ununterbrochen bis zu seinem Tode dort.“
Das leuchtet ein, war vielleicht einigen Nachgeborenen des großen Karl zu schlicht. Die Legende dich-tete ihm jedenfalls ein ganz anderes Motiv an: die Liebe zu Fastrada, seiner dritten Ehefrau. Sie sei eine wun-derschöne, aber grausame Frau gewesen, heißt es. Nicht nur zu Lebzeiten habe sie großen Einfluss auf den Monarchen ausgeübt, vielmehr auch ihre zauberischen Kräfte genutzt, um Karl selbst nach ihrem Tod an sich zu binden. Der völlig verzweifelte Kaiser habe sich demnach um nichts in der Welt von ihr trennen wollen und sich mit ihrer Leiche tagelang im Turmzimmer eingeschlossen. Einer göttlichen Eingebung folgend, sei schließlich Bischof Turpin mit zugehaltener Nase ins Turmzimmer aufgestiegen und habe Fastrada einen Ring vom Finger gezogen, den sie schon zu Lebzeiten immer getragen hatte. Erst danach habe Karl sich entschließen können, Fastradas Leichnam bestatten zu lassen. Turpin war erleichtert, hatte aber nicht bedacht, dass nun Karls „Zuneigung“ auf ihn übergehen würde, da er ja Fastradas Zauberring hatte. Dem Bischof wars peinlich, und er warf den Ring in einen See bei Aachen. Karl fasste nun eine besondere Zuneigung zum Ort und ließ sich deshalb dort Palast und Dom erbauen.
Nicht immer ist, was die Jahrhunderte über Karl den Großen wussten oder zu wissen vorgaben, so eindeutig der Geschichts- oder den Ge-schichtenschreibern zuzu-ordnen. Nur wenige Fakten sind wirklich gesichert. Die Historiker gehen davon aus, dass ein Drittel der Dokumente und Quellen gefälscht ist. Der Privatgelehrte Heribert Illig geht noch weiter. Illig leugnet ganze 300 Jahre Geschichte. 300 Jahre Mittelalter seien einschließlich all ihrer Ereignisse und Protagonisten – auch Karls des Großen – schlichtweg erfunden und die prächtige Pfalz erst im 12. Jahrhundert errichtet worden.
Die Historiker rümpfen die Nase über Illigs „Erfundenes Mittelalter“. Unbeirrbar schreitet die Forschung voran. Karl der Große hat Konjunktur, denn es mehren sich die Jubiläen wichtiger Ereignisse seiner Regierungszeit: 799 zum Beispiel. Dieses Datum war vergangenes Jahr in Paderborn der Anlass für ein 1 200-jähriges Jubiläum. Mit einer Reihe von Veranstaltungen und einer Ausstellung erinnerte die Stadt an das Treffen Papst Leos III. und Karls an der Pader.
Dieses Jahr fühlen sich die Aachener nun berufen, dem Größten ihrer Geschichte besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ende Januar gedenken sie seiner ohnehin jedes Jahr. Schließlich ist er am 29. Januar 814 dort gestorben. Damit niemand Anspruch auf seine kostbaren Gebeine erheben könne, wurde er noch am selben Tag nach 47 sagenumwobenen Regierungsjahren im Alter von 72 oder vielleicht auch schon mit 67 Jahren begraben.
Tod und Beisetzung ergeben allerdings kein rundes Jubiläum, aber am 25. Dezember dieses Jahres jährt sich die Kaiserkrönung zum 1 200. Mal. Nicht in Aachen fand das Ereignis statt, sondern in Rom: Gekleidet wie ein römischer Patrizier, kniete Karl an den Schranken der Confessio in der alten Basilika Sankt Peter nieder. Als er sich erhob, um der Messe beizuwohnen, setzte Papst Leo III. ihm die Krone auf. Karl reagiert mit einem überraschten Blick. So stellt Alfred Rethel das Ereignis 1840 auf seinen Entwürfen für die Karlsfresken im Aachener Rathaus dar.
Was könnte Karl verärgert haben? Immerhin machte Leo ihn zum ersten Nachfolger der römischen Caesaren nördlich der Alpen. Kaiser Franz II. war der letzte, gut 1 000 Jahre später. Am 6. August 1806 legt Franz sein Amt als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches ab und nannte sich von nun an nur noch Kaiser von Österreich.
Zurück ins Jahr 800. Karls erster Biograf Einhard gibt Auskunft. Karl sei nach Rom gereist, um nach dem Aufstand gegen Leo die verworrenen Zustände der Kirche zu ordnen. Von Krönungsplänen kein Wort, aber „bei dieser Gelegenheit erhielt er den Kaiser- und Augustustitel, der ihm anfangs so zuwider war, dass er erklärte, er würde die Kirche selbst an jenem hohen Feiertage freiwillig nicht betreten haben, wenn er die Absicht des Papstes geahnt hätte.“
Kaiser wider Willen? Unwahrscheinlich. Vieles spricht dafür, dass die Entscheidung schon in Paderborn gefallen war. Einhard habe Karl nur eine gewisse Bescheidenheit angedichtet, mutmaßen die Historiker. Vielleicht habe er auch diplomatische Rücksichtnahme mit Blick nach Byzanz walten lassen. Dort hatten die Kaiser des Imperium Romanum ihren Sitz, legitimiert durch die bruchlos auf Augustus zurückgehende Tradition. In Byzanz saß nun aber auf dem Thron kein Kaiser, sondern „nur“ eine Kaiserin. Die hatte zudem noch ihren eigenen Sohn geblendet. Der Thron des höchsten weltlichen Herrschers galt somit als vakant. Karl der Große besetzte ihn. Der Moment war günstig, und über die Macht und das Reich verfügte er ohnehin seit geraumer Zeit.
Die offenen Fragen werden auch nicht im Aachener Karlsjahr zu lösen sein. Aber es ist spannend, welches Karlsbild im Vordergrund stehen wird. Iris Wiegandt

Als er sich erhob, um der Messe beizuwohnen, setzte Papst Leo III. ihm die Krone auf.
Karl reagiert mit einem überraschten, wenn nicht sogar verärgerten Blick.


J. Kehren nach A. Rethel (1858):
„Krönung Karls des Großen“, 1944 zerstörtes Fresko aus dem Aachener Rathaus, Detail

Ausstellung: „Krönungen“; 11. Juni bis 3. Oktober in Aachen
Informationen: Telefon: 2 41/18 07-1 76

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