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POLITIK: Kommentar

Krankenhaushygiene: Forschungsbedarf

Daschner, Franz

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LNSLNS Die Hauptursache von Krankenhausinfektionen ist nicht mangelnde Hygiene, sondern die Zunahme invasiver Maßnahmen bei immer älteren und abwehrgeschwächten Patienten (zum Beispiel operative Eingriffe, Beatmung, Venenkatheter, Blasenkatheter und anderes). International, so auch in Deutschland, kann auch mit den besten Hygienemaßnahmen nur rund ein Drittel aller Krankenhausinfektionen verhütet werden. Die bisher einzige repräsentative, vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium geförderte Studie an nahezu 15 000 Patienten in 72 Kliniken (NIDEP 1: Nosokomiale Infektionen in Deutschland, Erfassung und Prävention) ergab eine Prävalenz von 3,46 Prozent. In der ebenfalls vom Bundesministerium geförderten Folgestudie NIDEP 2 wurde gezeigt, dass durch gezielte Intervention, vor allem durch Qualitätszirkel, die Häufigkeit von Krankenhausinfektionen um 26 Prozent gesenkt werden kann, durch Surveillance allein um zehn Prozent. Soweit sich der Krankenhaushygienestandard aus der Häufigkeit von Krankenhausinfektionen ablesen lässt, muss sich Deutschland vor europäischen und anderen Ländern nicht verstecken. Anlass zur Besorgnis gibt allerdings die zunehmende Häufigkeit von Kran-kenhausinfektionen, verursacht durch Methicillin-resistente S. aureus und andere multiresistente Erreger.
In Deutschland gibt es viel zu wenig epidemiologische Untersuchungen über Krankenhausinfektionen, und es gibt viel zu wenig Hygienelaboratorien, die molekularbiologische Typisierungsverfahren durchführen können, um Übertragungswege zu analysieren. Es wird immer noch zu viel ungezielt desinfiziert, zu viel Einwegmaterial weggeworfen, anstatt wieder aufbereitet, es werden viel zu viele unnötige Umgebungsuntersuchungen gemacht (zum Beispiel Abklatschuntersuchungen, Luftkeimzahlmessungen im Operationssaal, routinemäßige Legionellenuntersuchungen in Wasserleitungen). Die Krankenhaushygiene macht immer noch zu viele unnötige Auflagen beim Bau und Umbau von Krankenhäusern. Praktisch alle in der Hygienerichtlinie des Robert Koch-Instituts (Berlin) empfohlenen Baumaßnahmen sind wissenschaftlich nicht gesichert. Wir benötigen mehr Krankenhaushygieniker. Alle Zahlen, die über Todesfälle durch Krankenhausinfektionen in Deutschland kursieren – einmal wurden von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. 20 000, einmal 40 000 Tote in die Öffentlichkeit getragen –, sind falsch. Es gibt in Deutschland keine einzige repräsentative Studie über Letalität und Mortalität durch Krankenhausinfektionen. Erforderlich sind mehr Studien zu Kosten von Krankenhausinfektionen, Kosteneinsparungen durch Weglassen überflüssiger Hygienemaßnahmen und zur Umweltbelastung durch die Krankenhaushygiene.
In Deutschland fühlen sich viele Institutionen berufen, Empfehlungen zur Krankenhaushygiene abzugeben. Die Empfehlungen der Vereinigung der Hygienefachkräfte der Bundesrepublik Deutschland, des Deutschsprachigen Arbeitskreises für Krankenhaushygiene und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene e.V. sind kaum evidenzbasiert. Die meisten dieser Empfehlungen werden ohne Literaturstelle publiziert. Die Richtlinie des Robert Koch-Instituts (früher Bundesgesundheitsamt) ist juristisch betrachtet keine Richtlinie, sondern eine Expertenempfehlung, die vor 1998 publizierten Anlagen sind ebenfalls nicht evidenzbasiert. Die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium neu berufene Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention ist auf dem richtigen Weg und publiziert – beraten vom Nationalen Referenzzentrum für Krankenhaushygiene – seit 1998 evidenzbasierte und kategorisierte Empfehlungen; sie müssen beachtet werden.
Die Gesundheitspolitik hat die richtigen Maßnahmen ergriffen, indem sie von einer Expertenkommission evidenzbasierte Empfehlungen erarbeiten lässt, ein Nationales Referenzzentrum für Krankenhaushygiene einrichtete, am Robert Koch-Institut die Infektionsepidemiologie verstärkte und Forschungsprojekte zur Verhütung und Bekämpfung von Krankenhausinfektionen finanziert (zum Beispiel KISS, das Krankenhausinfektionssurveillancesystem des Referenzzentrums für Krankenhaushygiene in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut). Das neue, ab 2001 gültige Infektionsschutzgesetz schreibt die Surveillance von Krankenhausinfektionen und die Registrierung multiresistenter Erreger vor.
Ein Appell an die Experten der Krankenhaushygiene: nicht kritisieren, lamentieren und theoretisieren, sondern experimentieren und studieren, und dies in Zusammenarbeit mit Mikrobiologen, Klinikern und niedergelassenen Ärzten! Wir brauchen dringend gute Studien, die zeigen, dass nicht Keime, sondern Krankenhausinfektionen reduziert werden. Prof. Dr. med. Franz Daschner
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