ArchivRechercheDas Reizdarmsyndrom: Luft schlucken

MEDIZIN: Diskussion

Das Reizdarmsyndrom: Luft schlucken

Dtsch Arztebl 2001; 98(21): A-1404 / B-1170 / C-1094

Schade, Christa

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Jürgen Hotz Dr. med. Ahmed Madisch Prof. Dr. med. Paul Enck Prof. Dr. med. Harald Goebell Dr. rer. nat. Inge Heymann-Mönnikes Prof. Dr. med. Gerald Holtmann Prof. Dr. med. Peter Layer in Heft 48/2000
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LNSLNS Es ist enttäuschend, wenn dieser Symptomkomplex eine Abkürzung (RDS) hat, einfache Erklärungen – wie die Aerophagie – aber fehlen. „Charakteristisch ist die Diskrepanz zwischen der oft eindringlichen Schilderung der Beschwerden und dem in der Regel normalen
körperlichen Befund bei gutem Allgemeinzustand.“, unter den Beschwerden: „postprandiales Völlegefühl, nichtsaures Aufstoßen“; ich denke dabei unter anderem an Luftschlucken. Vor vielen Jahren konnte ich bei Patienten, die mit ähnlichen Beschwerden nach aufwendigsten Untersuchungen ohne pathologischen Befund in die internistische Ambulanz einer Universitätsklinik kamen, um endlich herauszubekommen, was sie denn nun hätten, nicht vertreten, sie noch einmal mit dem ganzen diagnostischen Repertoire einschließlich der damals noch üblichen Röntgenaufnahmen zu konfrontieren. Es wäre einfach und üb-
lich gewesen, hätte den Patienten nur nicht geholfen. Es war nicht schwierig, den Menschen das Luftschlucken als Erklärung anzubieten. Der Volksmund kennt Redewendungen wie: der schluckt alles runter, eine Kröte schlucken, armer Schlucker und die Aufforderung: schluck es runter! Der emotionale Bezug ist im Volk bekannt. Nach Rülpsern gefragt, antwortete ein Patient ganz entsetzt, dass er doch gut erzogen sei. „Ist das wie Luft, was aufgestoßen wird?“, wird positiv beantwortet und es ergibt sich die Frage, was nach Meinung der Fachkollegen wohl im Magen „wie Luft“ entstehen kann. Wenn jemand versucht, das Rülpsen zu unterdrücken, bleibt der Luft nur der Weg über den Magen-Darm-Trakt, der für den Transport von Luft nicht geeignet ist. Was dann passiert, zeigt am besten ein Gartenschlauch, der im Sommer lange in der Sonne gelegen hat und den Wasserdampf im Wasser dann fauchend und rülpsend abgibt. Wen wundert es, dass größere Gasblasen vor Falten und Engstellen des Darms hängen bleiben und den Darm dehnen, was bekanntlich schmerzt. Ich nehme auch an, dass der deutsche Ausdruck „Grimmdarm“ etwas mit „Bauchgrimmen“ zu tun hat, auch hier könnte der Zusammenhang mit Emotionen und ein Hinweis auf lange bestehende Erfahrungen im Volk gesehen werden.
Meiner Erfahrung nach lohnt es sich, dem Patienten diese Erklärung anzubieten und bei Bedarf Polysiloxan in höherer Dosierung zu empfehlen. Bei der Bauchdiagnostik wird Luft schnell entfernt, warum nicht bei Aerophagie? Wer Luft schluckt, wird es bei Problemen immer wieder tun und immer wieder das Gefühl haben, nicht richtig ernst genommen zu werden. Er eignet sich damit als „Milchkuh“ für den behandelnden Arzt, für unnötige diagnostische und teuere therapeutische Versuche und/oder zur Abqualifizierung als „psychisch labil“, was der Patient bemerkt und auch wieder „hinunterschlucken“ muss. Medizinische Arroganz ist hier fehl am Platz.

Dr. med. Christa Schade
Hauptstraße 19 c, 21465 Wentorf

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