ArchivRecherchePrüfstand „Reha“
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LNSLNS In der aktuellen Spardiskussion zur beabsichtigten Einschränkung medizinischer Rehabilitationsleistungen (1997 um rund 2,5 Milliarden DM bei der gesetzlichen Rentenversicherung) werden politisch oftmals negative Assoziationen zu Fango/Tango aus "Opas Kurmedizin" geweckt. So läßt sich mit gezielter Diskreditierung der Weg zum ethisch und sozialpolitisch problematischen Abbau notwendiger Heilmaßnahmen nach folgenreichen Primärbehandlungen oder bei chronischen Erkrankungen bahnen. Nun hat der Gesetzgeber mit den Begriffen der "Vorsorge- und Rehabilitationskuren" diese Vermengung erleichtert. Wenn im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter Hinweis auf Goethes angebliche Kurschatten von "Lobbyisten von Fango, Moor und Säuerling" gesprochen wird und ein "steigendes Kurinteresse im Osten" mit einem Anstieg von 169,6 Prozent in den letzten drei Jahren bei Anschlußheilbehandlungen belegt wird, mag dies noch journalistischer Unschärfe entsprechen, von Ärztefunktionären sollte man jedoch Differenzierungen erwarten können.
Wie kann Dr. Frank Ulrich Montgomery, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes, "Kuren und Reha auf den Prüfstand" fordern, pauschal nach Wirksamkeitsnachweisen fragen und selbst im - unterstellten - Fall einer erfolgreichen Vermeidung von Rente "Juristische Begleiterscheinungen" antizipieren? Ist es nicht seit jeher die Kunst der Ärzte, differenzierte Überlegungen zu Diagnosen und Therapiestrategien anzustellen, um einem Patienten zu helfen? Wird diese Kunst im "Verteilungskampf" absichtlich vernachlässigt, geht es gar nicht so sehr um den "Patienten Gesundheitswesen"? Um Ausbildungsplätze für den Ärztenachwuchs wird es wohl nicht gehen, dies wird zwischenzeitlich die (negative?) Reaktion der in der Rehabilitation tätigen Ärzte gezeigt haben. Unterstellt, es stünde nicht ein unheiliger ärztlicher Verteilungskampf ("Schlammtanz der Kur" würde zur "Schlammschlacht der Ärzte") hinter verzerrenden Vereinfachungen, geht es dann um Dogmen? Gerade im gern zitierten Ausland, das angeblich keine Kur (. . . und Reha?) kennt, hat das Krankheitsfolgenmodell der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) (impairments - disabilities - handicaps) mit seinen Hinweisen auf die sozialen Auswirkungen (Lebensqualität) längst Eingang in das ärztliche Denken gefunden, während man hier noch das Ziel in einer ausreichenden "Patienten-Versorgung" mit High-Tech-Medizin sucht. Die ("sprechende") Rehabilitationsmedizin und ihre wissenschaftlichen Grundlagen haben sich in den letzten zehn Jahren mit einer neuen Sichtweise des chronisch Kranken oder an Krankheitsfolgen leidenden Menschen etabliert, aber mit der ihr ethisch zukommenden Bedeutung bei entsprechender Akzeptanz der Betroffenen. Dabei wurde versäumt, sozialmedizinisches und rehabilitatives Know-how außerhalb des Kreises der Betroffenen publik zu machen. Auch wurde manche problematische Fragestellung von Indikationsforschung, Therapiezielen und Wirksamkeitsnachweisen nicht offensiv genug bearbeitet.
Kann dies jedoch für ärztliche Kritiker schon Grund sein, um den notwendigen Weg hilfreicher Differenzierungen zu verlassen? Beispiel hierfür: "Wir leisten uns ein Kuren-Rehabilitationssystem, das etwa in gleichem Schritt wächst wie die Zahl der Frührentner."


Schaden begrenzen
Der Nebel von in der Öffentlichkeit diskutierten Zahlen über die Höhe und die Gründe des Ausgabenanstiegs seit 1990 ist schwer zu durchdringen: Der Aufbau derRehabilitations-Struktur Ost, GSG-Folgen (Verschiebung ambulant zu stationär), eine veränderte Verschreibe- und Nachfragepraxis sind wohl die Hauptfaktoren. Der angebliche Mißbrauch wird sich wohl in Grenzen halten, wenn jährlich nur drei Prozent der Erwerbstätigen und 1,4 Prozent der Nichterwerbstätigen Rehabilitations-Maßnahmen in Anspruch nehmen (Basis 1993). Sind wir so arm geworden, daß die "freiwillige" Leistung (bei Nichterwerbstätigen) einer Rehabilitation zum Beispiel nach Krebstherapie nicht mehr von der Solidargemeinschaft übernommen werden kann? (Diskussion um § 31 SGB VI).
Der politische Wille der Bundesregierung zur Budgetierung der Ausgaben für die medizinische Rehabilitation wird wohl umgesetzt werden. Es muß Sache der Ärzte sein, den Schaden am Patienten zu begrenzen und auch die irreführende Subsumierung der stationären medizinischen Rehabilitation unter das "Kurwesen" abzubauen zu helfen.
Prof. Dr. Rudolf Schröck, Scheidegg

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