ArchivRecherche„Chemische Zwangsjacke„, Therapie-Ersatz oder Therapeutikum?

MEDIZIN: Diskussion

„Chemische Zwangsjacke„, Therapie-Ersatz oder Therapeutikum?

Schimmler, Walter; Windgassen, Klaus; Tölle, Rainer

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Dieter Platt in Heft 36/1995
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LNSLNS Ergänzungen notwendig
Der Beitrag sollte durch eine kritische und selbstkritische Reflexion der Faktoren, die die im Artikel zitierten Vorurteile von Laien aufrechterhalten, ergänzt werden. Dies hat nämlich sehr viel damit zu tun, daß in der Ärzteschaft selbst die künstliche Entgegensetzung von Pharmako- und Psychotherapie noch sehr weit verbreitet ist.
Nach meiner Erfahrung ist es unbestreitbar, daß ein bedeutender Teil der nervenärztlich Tätigen die Behandlung chronisch schizophrener Patienten weiterhin als eine ausschließlich medikamentöse mißversteht, bis hin zu dem Skandal, daß es in mehreren mir bekannten Praxen üblich ist, daß sich die Patienten alle zwei Wochen ihre Depotspritze abholen, ohne des Arztes in der Regel überhaupt angesichtig zu werden. Natürlich kann man sich einen derartig laxen Umgang mit der Neuroleptika-Prophylaxe nur leisten, indem man "zur Sicherheit" chronisch überhöhte Dosen verwendet, da ja die feinen und unscheinbaren Anzeichen eines drohenden Rezidivs, die nur im ausführlichen ärztlich-psychotherapeutischen Gespräch festzustellen wären, bei dieser Art der Patientenführung der Diagnostik entgehen.
Ein anderes Beispiel: im Informationsblatt der Arznei­mittel­kommission "Arzneiverordnung in der Praxis" erscheint ein Artikel zur Bewertung der Benzodiazepine, immerhin von zwei Universitätskollegen (Psychiater, keine Pharmakologen). Sie beurteilen viele Indikationen (zu Recht) kritisch; aber unter der Überschrift "Alternativen" fallen auch ihnen ausschließlich Medikamente ein, obwohl es doch wohl unbestreitbar ist, daß bei den meisten Indikationen, für die Benzodiazepine vielfach unkritisch eingesetzt werden, die unterschiedlichen Formen von Psychotherapie das Mittel der Wahl sind.
Kein Wunder scheint es mir da zu sein, daß in der Laienmeinung und in der Presse der Psychiater immer noch häufig als derjenige erscheint, der die Leute "mit Beruhigungsmitteln vollstopft". Es ist an uns selbst, diesem Vorurteil die Grundlage zu entziehen!


Walter Schimmler
Hindenburgstraße 46 b 28717 Bremen


Schlußwort
Herrn Kollegen Schimmler ist leider zuzustimmen, "daß in der Ärzteschaft selbst die künstliche Entgegensetzung von Pharmako- und Psychotherapie noch sehr weit verbreitet ist". Wie wir in unserem Beitrag herausgestellt hatten, widerspricht dies dem nicht nur durch klinische Erfahrung, sondern auch durch die Ergebnisse empirischer Forschung gesicherten Wissensstand. Die von Herrn Schimmler angesprochene Vernachlässigung psychotherapeutischer Ansätze in der Schizophreniebehandlung ist also keineswegs in der Pharmakotherapie selbst begründet. Entsprechend stellt J. Angst in der Monographie über die somatische Schizophreniebehandlung auch fest: "Die Verschreibung eines Psychopharmakons bedeutet gleichzeitig die Übernahme einer psychotherapeutischen Behandlung."
Das Wissen um die notwendige psychotherapeutische Grundhaltung als Basis der somatischen Behandlungsverfahren in der Psychiatrie ist weder neu noch auf die Psychopharmakotherapie beschränkt. In bezug auf die Insulinbehandlung etwa schrieb Max Müller (1935): "Mit der Insulinbehandlung zum Beispiel kann ein Optimum der therapeutischen Wirkung nur erreicht werden, wenn… diese… mit einer sachgemäßen Psychotherapie verbunden wird."
Derselbe Autor mahnte aber auch später, "daß bei vielen Psychotherapeuten eine Unkenntnis darüber besteht, was im Kranken während einer somatischen Behandlung seelisch in Wirklichkeit vorgeht". Ebenso bedenklich wie die angesprochene einseitig somatotherapeutische Ausrichtung der Schizophreniebehandlung ist umgekehrt die Vernachlässigung der Pharmakotherapie, wie sie gerade bei psychotherapeutisch ambitionierten Ärzten gelegentlich anzutreffen ist. Die Folgen sind ähnlich verhängnisvoll: Neuroleptika werden entweder unter- oder überdosiert, oder die Pharmakotherapie wird von einem anderen Arzt durchgeführt ohne ausreichenden Bezug zu den subtilen Veränderungen im Befinden und Erleben des Patienten, die in der Psychotherapie zutage treten. In dem (keineswegs ganz seltenen) Extremfall wird eine notwendige neuroleptische Rezidivprophylaxe mit Einleitung der Psychotherapie unterbrochen oder der Beginn einer Psychotherapie mit dem Hinweis auf die noch bestehende neuroleptische Medikation abgelehnt.
Was hier nur in bezug auf Psychotherapie und Pharmakotherapie angesprochen wurde, gilt in gleicher Weise für Soziotherapie und Rehabilitation. Schizophren krank zu sein betrifft den Menschen in seiner Gesamtheit. Die Forschung muß sich aus methodischen Gründen zwar häufig reduktionistisch auf den biologischen, den intrapsychischen oder den interpersonellen Aspekt beschränken; aber deshalb kann Schizophreniebehandlung trotzdem niemals eindimensional sein.


Literatur bei den Verfassern


Prof. Dr. med. Klaus Windgassen
Prof. Dr. med. Rainer Tölle
Direktor der Klinik für Psychiatrie der Westfälischen Wilhelms-Universität
Albert-Schweitzer-Straße 11
48149 Münster

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