ArchivRechercheTherapie depressiver Erkrankungen: Weg von rein medikamentösen Ansätzen

POLITIK: Medizinreport

Therapie depressiver Erkrankungen: Weg von rein medikamentösen Ansätzen

Dtsch Arztebl 2002; 99(46): A-3074 / B-2599 / C-2428

Heim, Thomas

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LNSLNS Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin in Göttingen wurden erstmals zertifizierte
Leitlinien zur „Psychotherapie der Depression“ vorgelegt.

Leitlinien zur Behandlung depressiver Erkrankungen beschränkten sich bisher im Wesentlichen auf Empfehlungen zu pharmakotherapeutischen Ansätzen. Erstmals liegen jetzt von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zertifizierte Leitlinien zur „Psychotherapie der Depression“ vor. Diese geben einen Überblick über die Wirksamkeit der gängigsten Verfahren, beschreiben psychotherapeutische Grundprinzipien und informieren praxisnah über den Umgang mit depressiven Patienten. Zielgruppe sind klinisch tätige ärztliche und psychologische Psychotherapeuten, Psychiater und Nervenärzte; aber auch Allgemeinärzte und Gebietsärzte, die mit der Behandlung depressiver Patienten befasst sind.
„Die neuen Leitlinien tragen der hohen epidemiologischen und versorgungspolitischen Bedeutung depressiver Erkrankungen Rechnung“, betont Prof. Henning Schauenburg (Göttingen). Sie sollen dazu beitragen, die auch unter Ärzten noch verbreitete Einschätzung infrage zu stellen, bei Depressionen seien überwiegend Arzneimittel indiziert. Hier wolle man zu einem Umdenken beisteuern – zumal viele Patienten eine Psychotherapie bevorzugen als die dauerhafte Einnahme von Medikamenten. Zudem gebe es Studien, die darauf hinweisen, dass Psychotherapie mit geringeren Abbruchquoten assoziiert ist und eine bessere prophylaktische Wirkung hat als die Behandlung mit Antidepressiva.
Für die Erstellung der Leitlinien wurden zunächst alle Metaanalysen aus dem Zeitraum von circa 1985 bis 2002 ausgewertet, die sich mit der Psychotherapie der Depression befassen. Fehlten diese, wurde auf Studien der nächstniedrigen Evidenzgrade zurückgegriffen. Der Wirksamkeitsnachweis der gängigsten Therapieverfahren konnte dabei aufgrund von Metaanalysen randomisierter kontrollierter Studien mit dem Evidenzgrad I a bewertet werden (Tabelle). Nach Angabe von Schauenburg könne man daraus nicht schließen, dass andere Therapieverfahren, für die ein vergleichbarer Wirksamkeitsnachweis nicht vorliegt, unwirksam seien. Die neuen Leitlinien seien vielmehr eine Aufforderung an die Vertreter anderer Verfahren, fehlende Studien nachzuliefern.
Darüber hinaus geben die Leitlinien praxisnahe und zum Teil Therapieschulen übergreifende Handreichungen zum Umgang mit depressiven Patienten, beispielsweise zur Intervention in der akuten Depression oder bei Suizidalität; zu Behandlungsdauer und Rezidivprophylaxe werden Empfehlungen gegeben. Zudem gehen die Autoren auf typische Behandlungsfehler ein. „Leitlinien spiegeln immer einen ständig voranschreitenden Evidenz- und Konsensfindungsprozess wider“, sagte Schauenburg. Insofern seien die Leitlinien zur Psychotherapie der Depression keineswegs endgültig. Die nächste Überarbeitung sei für Frühjahr 2004 angekündigt.
Der langwierige Leitlinienprozess habe erneut gezeigt, wie komplex das Thema „Depression“ sei. Depressive Störungen seien die Endstrecke von vielfältigen biopsychosozialen Prozessen. Deshalb sei fraglich, ob es sinnvoll sei, depressive Erkrankungen im formalisierten Raster eines Disease-Management-Programmes unterzubringen, wie dies zeitweilig geplant worden war. Die Leitlinien zur Psychotherapie der Depression sind unter www.awmf.de im Internet abrufbar. Thomas Heim

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