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POLITIK: Medizinreport

Mykologie: Erkrankungen durch Pilze nehmen zu

Dtsch Arztebl 2003; 100(7): A-376 / B-333 / C-317

Klinkhammer, Ferdinand

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Aspergillus restrictus Foto: Buzina et al.
Aspergillus restrictus Foto: Buzina et al.
Die gesundheitlichen Implikationen, die von Allergien bis zu toxikologischen Reaktionen auf Mykotoxine reichen, erfordern eine extensive Forschung.

Die ubiquitären Pilze spielen eine zunehmend wichtigere Rolle im täglichen Leben. „Schimmelpilze, die schwere gesundheitliche Schäden verursachen, werden immer zahlreicher“, erklärte Dr. Rob A. Samson
(Utrecht) auf der Jahrestagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft (MYK 2002) in München. Pilze in Innenräumen und an Arbeitsplätzen können zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Das Vorkommen von mykotoxikogenen Schimmelpilzen ist sehr häufig. Die gesundheitlichen Implikationen, die von Allergien bis zu toxikologischen Reaktionen auf Mykotoxine reichen, erfordern eine extensive Forschung durch gut ausgebildete Ärzte.
Nach Prof. Dr. Johann Bauer (München-Weihenstephan) kommen Mykotoxine als für Menschen und Tiere schädliche Sekundärstoffwechselprodukte insbesondere in den Arten der Gattungen Aspergillus, Penicillium, Fusarium und Stachybotrys vor. Sie können entweder auf der noch auf dem Feld stehenden Pflanze durch primär phytopathogene Pilzspezies (zum Beispiel Fusarium graminearum) gebildet werden, oder sie reichern sich bei der Lagerung von Nahrungsmitteln an, wenn saprobiontische Pilzarten günstige Wachstumsbedingungen vorfinden.
Daraus ergibt sich, dass Mykotoxine überwiegend mit der Nahrung oder auch durch Inhalation kontaminierter Stäube aufgenommen werden. Es sind niedermolekulare Substanzen, gegen die der Organismus keine Antikörper bilden kann. Von den bisher bekannten 500 Mykotoxinen kommt besondere Bedeutung dem Aflatoxin B1 (hepatotoxisch und karzinogen), dem Ochratoxin (nephrotoxisch und karzinogen), dem Deoxynivalenol (beeinträchtigt die Proteinbiosynthese), dem Zearalenon (östrogene Wirkung) und dem Fumonisin B1 (hepatotoxisch und leberzellnekrotisierend) zu.
Das Fusariumtoxin Deoxynivalenol (DON) ist in Deutschland sehr weit verbreitet. Bis zu 70 Prozent der untersuchten Weizen- und Maisproben sind mit DON kontaminiert bei Konzentrationen bis zu 25 mg/kg. Fumonisine kommen hierzulande in Mais und Maisprodukten vor, jedoch in so niedrigen Konzentrationen, dass mit akuten Intoxikationen nicht zu rechnen ist.
Über einen starken Anstieg der Inzidenz invasiver Aspergillus-Infektionen berichtete Dr. med. Markus Ruhnke (Berlin). Bei Patienten mit hämatologischen Neoplasien (zum Beispiel akuten Leukämien und für Empfänger allogener Blutstammzell- beziehungsweise Knochenmarktransplantate) zählen invasive Pilzinfektionen zu den Haupttodesursachen. Die hohe Letalität invasiver Aspergillosen wird durch eine Auswertung von 50 Publikationen aus den Jahren 1995 bis 1999 belegt. Von circa 2 000 erkrankten Patienten starben 58 Prozent; bei Aids-Patienten lag die Letalität bei 86 Prozent und bei Knochenmark- und Stammzelltransplantatempfängern bei 87 Prozent. Bei ZNS-Beteiligung oder disseminierter Aspergillose liegt die Sterblichkeitsrate bei fast 90 Prozent. Die Therapie invasiver Mykosen ist differenzierter und wirksamer geworden. Hierzu werden die älteren Substanzen Amphotericin B und 5-Fluorcytosin eingesetzt; heute stehen auch zahlreiche Azolderivate und Wirkstoffe aus neuen Substanzklassen, insbesondere Caspofungin, zur Verfügung. Die Ansprechraten liegen jedoch nicht über 75 Prozent.
Eine Arbeitsgruppe um Dr. Günther Rambach (Innsbruck) suchte nach den Ursachen der hohen Mortalitätsraten bei immunsupprimierten Patienten mit invasiven Aspergillus-Hyphen im Gehirn. Dazu wurde die Aktivierung des hirneigenen Komplementsystems und der Mikroglia bei zerebraler Aspergillose untersucht. Das Hirngewebe von Patienten mit zerebraler Aspergillose wurde immunhistochemisch auf Komplementsynthese und -aktivierung analysiert. Es zeigte sich im Vergleich zu neurologisch unauffälligen Patienten eine verstärkte Synthese von Komplementfaktoren und ein Anstieg von Aktivierungsprodukten der Komplementkaskade. In In-vitro-Experimenten wurde die Aktivierung von Mikroglia untersucht. Dabei ergab sich, dass Aspergillus nur eine unvollständige Aktivierung der Mikroglia induzieren kann, was zu der hohen Letalitätsrate bei zerebraler Aspergillose beitragen könnte.
Dr. Oliver A. Cornely (Köln) berichtete über eine multinationale Studie zur Sekundärprophylaxe invasiver Mykosen. Eine Fallsammlung wurde in 41 Zentren (Spanien, Schweiz, Österreich, Polen und Deutschland) durchgeführt und ergab, dass eine Sekundärprophylaxe nach nachgewiesener oder wahrscheinlicher invasiver Mykose häufig erfolgte, wobei verschiedene Therapieschemata angewendet wurden. Wegen der Inzidenz sekundärer invasiver Mykosen und der damit verbundenen hohen Letalitätsrate sind weitere Studien zur Sekundärprophylaxe dringend angezeigt.
Dass Pilze bei der Entstehung von chronischen und allergischen Erkrankungen der Atemwege, zum Beispiel chronische Rhinosinusitis (CRS) und Asthma eine immer größere Rolle spielen, wurde von Dr. Walter Buzina (Graz) et al. nachgewiesen. In einem Zeitraum von 28 Monaten wurde CRS-Patienten durch Spülung der Nase und auch endoskopisch sinunasaler Schleim entnommen. Die Pilze wurden aus dem Schleim isoliert und auf Agar-Platten kultiviert. Dabei wurden 608 Pilzkulturen von 234 Patienten gewonnen. Identifiziert wurden 84 verschiedene Arten mit einem Maximum von neun verschiedenen Arten je Patient. Die häufigsten Isolate gehören in die Gattungen Penicillium, Aspergillus, Cladosporium, Alternaria und Aurobasisium. Basidiomyceten hatten einen unerwartet hohen Anteil von 6,7 Prozent. Die Ergebnisse widersprechen eindeutig der vorherrschenden Meinung, dass Pilze in den untersuchten Körperregionen nur selten vorkommen.
Dr. rer. nat. Ferdinand Klinkhammer

Ein vom Umweltbundesamt entwickelter Leitfaden zur Vorbeugung, Untersuchung, Bewertung und Sanierung von Schimmelpilzwachstum in Innenräumen („Schimmelpilz-Leitfaden“) ist demnächst in gedruckter Version beim Zentralen Antwortdienst des UBA (ZAD, Postfach
33 00 22, 14191 Berlin) erhältlich oder kann als Online-Version über die UBA-Homepage (www.umweltbundes amt.de) abgerufen werden.
Der Arbeitskreis „Qualitätssicherung – Schimmelpilze in Innenräumen“ des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg hat in den letzten beiden Jahren einen Leitfaden zur „Untersuchung von Schimmelpilzen in Innenräumen – Standardisierung von Verfahrensvorschriften, Befundbewertung und Qualitätssicherung“ erstellt (www. landesgesundheitsamt.de).

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