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Patientenbeteiligung: Kritik ist eine Form von Unternehmensberatung

Bathelt, Julia

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LNSLNS Benennung einer Patientenbeauftragten gilt als Fortschritt.

Patienten wünschen Information und Partizipation. Übernehmen Arzt und Patient gemeinsam die Verantwortung für die Behandlung, führt dies in der Regel zu einem besseren Behandlungserfolg. Das ist eines der Arbeitsergebnisse des Workshops „Patientenbeteiligung bei der Entwicklung von Qualitätsinstrumenten“, den die Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in der Medizin (AQS) vor kurzem in Berlin veranstaltete.
Patienten hängen an Hierarchien
Der Wunsch nach einem gleichberechtigten Arzt-Patient-Verhältnis sei allerdings auf den ambulanten Bereich beschränkt, erklärte Jürgen Moroff von der Unabhängigen Patientenberatung Bremen. Denn Patienten würden sehr an den Hierarchien im Krankenhaus hängen. Vielfach bevorzugten sie die Behandlung durch den Chef- oder Oberarzt, weil diese eine bestimmte Operation vermeintlich am längsten, häufigsten und damit am besten vornehmen würden, sagte Moroff. Dies führe oft dazu, dass die Kompetenz des vor- oder nachbehandelnden Arztes niedriger eingestuft werde als die des Klinikarztes.
Innerhalb eines Krankenhauses setzten die Patienten Kooperation und Kommunikation mit anderen Abteilungen und Fachärzten als Selbstverständlichkeit voraus. „Patienten denken nicht in Fachbereichen oder Abteilungen“, erläuterte Patientenberater Moroff. Die meisten Kranken hätten zudem eine sehr handwerkliche Vorstellung vom Arztberuf. Viele hielten die Aufklärung vor einer Operation für eine Formalie und meinten, dass der Arzt eine risikolose, erfolgreiche Operation garantieren könne. Deswegen sei wichtig, dass Patienten die Dimension eines Eingriffs verstünden, unterstrich Moroff.
Auf einen anderen Aspekt verwies Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg: dass Kritik ein wichtiger Baustein zur Qualitätssicherung ist. „Patientenbeschwerden müssen als kostenlose Unternehmensberatung betrachtet werden. Sie sind ein wesentlicher Anstoß für die Qualitätsentwicklung in Krankenhäusern und Praxen“, betonte er. Dies sei ein richtiger Ansatz, bekräftigte Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, Vorsitzender der AQS, denn dadurch könne viel Geld für teure Beratungsunternehmen gespart werden. Zudem lasse sich nur so ermitteln, wie das eigene Krankenhaus von Außenstehenden wahrgenommen werde. Auch sei es für Patienten wichtig, dass sie ihre Beschwerden loswerden könnten. „Patienten wollen ernst genommen werden; sie wollen, dass man ihnen zuhört und ihrer Sache nachgeht“, sagte Vilmar. Gute Krankenhäuser würden deshalb seit längerem Patientenbefragungen vornehmen. Verbraucherschützer Kranich erklärte, dass es wichtig sei, auf die Patienten zuzugehen und sie nach ihrer Zufriedenheit zu befragen. Aus Sorge vor negativen Konsequenzen würden viele davor zurückscheuen, sich unaufgefordert zu beschweren. „Wir brauchen eine Beschwerdekultur, eine Wertschätzung der Beschwerde“, so Kranich.
Patientenbeteiligung auf der Mikroebene, also beim Arzt-Patient-Kontakt, sei Voraussetzung für die Beteiligung von Patienten auf der Makroebene, also im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss – zu diesem Ergebnis gelangte die Arbeitsgruppe „Perspektiven der Selbstverwaltung“, zu der sich einige Teilnehmer des AQS-Workshops zusammengeschlossen hatten. „Unterschiedliche Interessen müssen benannt und dürfen nicht schöngeredet werden“, forderte Prof. Dr. med. Norbert Schmacke, stellvertretender Vorsitzender der AQS.
Transparenz auf allen Ebenen
Es müsse klar sein, wer wen vertritt und wer von wem finanziert und unterstützt wird. Ministerialrätin Dr. Hiltrud Kastenholz, im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung für Fragen der Qualitätssicherung zuständig, wertete die Benennung einer Patientenbeauftragten der Bundesregierung als großen Fortschritt für die Patientenpartizipation. In dieses Amt wurde am 17. Dezember die SPD-Bundestagsabgeordnete Helga Kühn-Mengel berufen. Die Patientenbeauftragte könne die Weiterentwicklung der Patientenrechte unterstützen und ihre Beratungs-, Informations- und Beteiligungsrechte fördern, sagte Kastenholz. Als positives Beispiel führte sie ferner das Mitberatungsrecht der Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss an. Mit dem neu erworbenen Antragsrecht für Beschlüsse des Bundes­aus­schusses könnten sie Einfluss auf die Qualität im Gesundheitswesen nehmen. Julia Bathelt
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