ArchivRecherche„Ärzte unterm Hakenkreuz“: Fesselnde Bilder, aber kein Gesamtbild

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„Ärzte unterm Hakenkreuz“: Fesselnde Bilder, aber kein Gesamtbild

Dtsch Arztebl 2004; 101(18): A-1222 / B-1008 / C-980

Benzenhöfer, Udo

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Foto: zdf/Gruppe5/akg-images
Foto: zdf/Gruppe5/akg-images
Der ZDF-Dreiteiler konnte mit seiner Darstellung
von Karl Brandt nicht überzeugen.

Es ist sicher nicht einfach, unter den aktuellen Fernsehproduktionsbedingungen eine Dokumentation über Ärzte im Dritten Reich zu drehen. Man soll belehren, soll aber nicht belehrend wirken. Man soll keine Interviews über 30 Sekunden einbauen. Man soll den Zuschauer fesseln. Nach diesen Maßstäben ist der Dreiteiler „Ärzte unterm Hakenkreuz“, der am 13., 14. und 15. April im Spätprogramm des ZDF lief, nicht gescheitert.
Es gab zwar vieles, was man schon kannte (zum Beispiel aus den Ernst-Klee-Filmen). Es gab unnötige Spielszenen (zum Beispiel Fahrten im „Oldtimer“-Mercedes). Es gab einen relativ monotonen Sprecher und aufdringliche Musik (zu viel Klarinette). Doch es gab auch viele interessante Bilder, die als solche „fesselnd“ waren.
Fehler in der Konzeption
Woran ist der Film dennoch gescheitert? Meines Erachtens an seiner Konzeption. Die Drehbuchautoren Dr. med. Ulrich Knödler und Christian Feyerabend hatten als dramaturgische Grundidee, die im Gefängnis verfassten Tagebuchaufzeichnungen von Karl Brandt, dem ranghöchsten Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess, mit der Realität der NS-Medizin zu konfrontieren. Es wurden also gleichsam zwei Filme gedreht, deren Verbindung aufgrund ungenügender Anknüpfungspunkte im Tagebuch Brandts häufig unmotiviert erschien.
Die Auswahl der Themen für den ersten Film, den „Realitäts“-Film, war nicht schlecht. Doch es gelang nicht, den schwierigen Stoff so zu präsentieren, dass ein Gesamtbild entstand. Zu bemängeln sind auch sachliche Fehler: Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde nicht am 14. Juli 1933 „verkündet“; es gab nicht genau 37 „Kinderfachabteilungen“; das Datum des „Euthanasie“-Stopps war nicht der 28. August 1941 und anderes mehr.
Noch problematischer war der „Film im Film“ über Karl Brandt. Offenkundig ist, dass die Aufzeichnungen Brandts über sein Leben und „Werk“ in der Nürnberger Todeszelle apologetischen Charakter hatten. Den Autoren gelang es nicht, dies deutlich zu machen. Am Ende sagte etwa der Sprecher: „Als Gefolgsmann Hitlers ließ er [Karl Brandt] sich in Verbrechen eines Unrechtsstaates verwickeln. [. . .] Hatte er Einsicht in seine Verstrickung in Schuld und Verbrechen? Bis zuletzt nicht.“ Doch Karl Brandt, zunächst nur Begleitarzt Hitlers, später ranghöchster Arzt im deutschen Gesundheitswesen, war nicht nur in die Medizinverbrechen „verstrickt“. Dies sei durch zwei Beispiele belegt, deren Nichtberücksichtigung unverständlich ist, da sie den Drehbuchautoren bekannt waren.
Es existiert eine Notiz, die zeigt, dass Brandt direkt in die „Aktion T 4“ eingriff. Die Notiz, die kurz nach dem 10. März 1941 entstand, ist im Bundesarchiv Berlin (R 96 I/2, S. 127398) erhalten, sie trägt die Überschrift: „Entscheidungen der beiden Euthanasie-Beauftragten hinsichtlich der Begutachtung (unter Einbeziehung der Ergebnisse der Besprechung in Berchtesgaden am 10. März 1941).“ Mit den beiden „Euthanasie-Beauftragten“ können nur Brandt und Reichsleiter Philipp Bouhler von der Kanzlei des Führers gemeint sein, die im Oktober 1939 durch den bekannten „Erlass“ Hitlers die Pseudo-Legitimation für den Krankenmord erhalten hatten. In dieser Notiz wird unter Punkt eins festgehalten: „Ausscheidung aller derjenigen, die unfähig sind, auch nur in Anstalten produktive Arbeit zu leisten, also nicht nur von geistig Toten.“ Im Film wurde Brandt zitiert mit der Aussage, dass „Euthanasie“ die „Erlösung unheilbar Kranker von ihrem Leiden“ sei.
Ermächtigung durch Brandt
Als zweites Beispiel für „Unterschlagenes“ in Bezug auf Brandt ist eine Aktion aus der zweiten Phase der „Euthanasie“ zu nennen. Diese bislang wenig beachtete Aktion wurde zentral gedeckt und unterstützt (etwa durch Medikamentenlieferung) und dezentral durchgeführt (Selektion und Tötung). Es handelt sich um den von dem Psychiater Paul Nitsche so genannten „Euthanasie-Auftrag Prof. Brandt“. Nitsche hatte am 25. August 1943 aus Heidelberg an den Psychiater Max de Crinis in Berlin geschrieben: „Was unsere Aktion bei Prof. Br[andt] anlangt, so habe ich ihn in den 14 Tagen meiner Berliner Anwesenheit jetzt nicht sprechen können, doch hat er mir durch Herrn Blankenburg die Ermächtigung erteilt, im Sinne meines ihm mündlich gemachten E.-Vorschlages vorzugehen“ (Bundesarchiv, R 96 I/2, S. 127999). Nitsche und de Crinis hatten am 23. Juni 1943 Brandt getroffen. Die in dem Brief nur angedeutete Aktion lief auch an, wie zum Beispiel der Direktor der Anstalt Waldheim in Sachsen in einem Brief an Nitsche bestätigte. Brandt hatte hier also als ranghöchster deutscher Arzt die Ermächtigung für eine spezielle Krankenmordaktion erteilt.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Udo Benzenhöfer
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