ArchivRechercheÄrztemangel: Unterschiedliche Bedarfszahlen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zu Recht wird in der Fach-, aber auch Populärpresse darauf hingewiesen, dass der gerade in ländlichen Regionen bestehende Mangel an Hausärzten noch zuzunehmen droht. In ihrem Beitrag über Zwönitz schildert Sabine Rieser, dass faktisch ein kassenärztliches Versorgungsdefizit besteht, obwohl die offizielle Bedarfsplanung sogar von einer leichten „Überversor-gung“ mit Hausärzten ausgeht. Diese Diskrepanz liegt insbesondere an der Art, wie die Bedarfszahlen festgelegt wurden, die auch unter Ärzten oft nicht bekannt ist. „Bedarfsplanung“ – das klingt seriös, das vermittelt den Eindruck, die benötigte Zahl an Kassenärzten werde laufend mittels wissenschaftlicher Methoden bestimmt. Doch dies ist gerade nicht der Fall. Zwar ist die Bedarfsplanung bundeseinheitlich, aber der Begriff ist eine bundeseinheitliche Beschönigung und verhüllt, was ihm zugrunde liegt. Die Bedarfszahlen, nach denen geplant wird, haben nämlich ihren Ursprung in der Anzahl von Vertragsärzten der verschiedenen Fachrichtungen pro Bewohneranzahl eines Bereiches am 31. Dezember 1990. Mit dieser Festlegung wurden Istwerte zu Sollwerten erhoben und damals schon bestehende Versorgungsprobleme fortgeschrieben. Nun könnte man denken, dass in ländlichen Gebieten die Wege zu den Ärzten zwar weiter sind und das öffentliche Transportsystem weniger gut ausgebaut ist, aber immerhin seien die Bedarfszahlen für die unterschiedlichen Arztgruppen ja bundeseinheitlich. Dies sind sie jedoch nicht. Und dadurch ist in dünnbesiedelten Bereichen die fachärztliche Versorgung oft noch prekärer als die hausärztliche. Denn im Rahmen der Bedarfsplanungs-Richtlinien werden zehn verschiedene Kreistypen anhand der Einwohnerdichte unterschieden. Dies hat zur Folge, dass zum Beispiel ein kassenärztlicher Nervenarztsitz für 11 909 Einwohner einer Kernstadt vorgesehen ist. In ländlichen Kreisen wird dagegen nur ein Nervenarzt für 47 439 Einwohner vorgesehen (Grunddaten zur vertragsärztlichen Versorgung in Deutschland 2002 und Bedarfsplanungs-Richtlinien – Ärzte, zu finden unter: www.kbv.de). Die Landbevölkerung wird also gleich mehrfach benachteiligt. Anders als bei den Fachärzten streuen die Anhaltszahlen für Hausärzte allerdings weniger und liegen für die verschiedenen Kreistypen bei einem Hausarzt pro 1 474 bis 2 134 Bewohner. Aber durch die zugrunde gelegten Bedarfszahlen erklärt sich, warum offiziell von Überversorgung gesprochen werden kann, auch wenn realiter eine Unterversorgung besteht. Der Bundesregierung dürfte das nur recht sein. Sie kann so ihre Bemühungen vorantreiben, die Zahl kassenärztlicher Fachärzte zu verringern. In der Politik sehe ich auch insgesamt eine unheilvolle Tendenz, eine offizielle, wählerwirksame Wirklichkeit aufzubauen statt die wirklichen Probleme zu lösen. Man ist versucht von moderner DDR-isierung zu sprechen. Mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen wird gefordert, wo doch die Einnahmeseite für den Kassenarzt letztlich staatlich reglementiert ist. Gegen Probleme werden Bürokratisierung und immer mehr komplexe Regelwerke eingesetzt, die es auch Fachleuten schwer machen, den Durchblick zu bewahren und Politiker-Statements zur allerneuesten Reform zu widerlegen – Beispiel GKV-Modernisierungsgesetz. Hier war für mich besonders skurril, dass sogar die Zuzahlungsregelungen für die ambulante Soziotherapie genau festgelegt waren. (Es handelt sich dabei um eine Leistung für chronisch psychisch Kranke, die zum 1. Januar 2000 in das SGB V aufgenommen wurde – gedacht als ergänzende Leistung und insbesondere zur Vorbeugung neuerlicher Kranken­haus­auf­enthalte.) Doch in dieser Form existiert die ambulante Soziotherapie deutschlandweit fast noch immer nicht, wie meine Arbeitsgruppe 2003 bei einer Umfrage unter den AOKen und den Ge­sund­heits­mi­nis­tern der Länder feststellte (das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium beantwortete unsere Fragen nicht). Ein weiteres Beispiel für die Diskrepanz zwischen offiziellem Anschein und Wirklichkeit. Es bleibt nur zu hoffen, dass die politische (oder schon gesellschaftliche?) Tendenz zur virtuellen Realität nicht noch in virtuelle Patientenbehandlungen einmündet.
Dr. Nicolas Nowack,
Hochschule (FH) Magdeburg-Stendal,
StG Rehabilitationspsychologie, Osterburger Straße 25, 39576 Stendal
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.