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Stadtbibliothek Mainz: Bibliophile Kostbarkeiten

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Illuminierte Handschriften des 11. bis 15. Jahrhundert sind in Mainz zu bewundern.

Martyrologium aus dem St.-Agnes-Kloster Mainz. Die in gepflegter Textura geschriebene Handschrift lässt auf ein qualitativ hoch stehendes Skriptorium schließen und entstand in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts.
Martyrologium aus dem St.-Agnes-Kloster Mainz. Die in gepflegter Textura geschriebene Handschrift lässt auf ein qualitativ hoch stehendes Skriptorium schließen und entstand in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts.
Mit bibliophilen Kostbarkeiten zu Gast im Kloster Eberbach war bis Anfang November die Stadtbibliothek Mainz, die aus der 1477 gegründeten Mainzer Universitätsbibliothek hervorging und im nächsten Jahr ihr 200-jähriges Jubiläum feiern wird. Nach der Aufhebung der Universität durch die französische Regierung im Jahr 1798 wurde der reiche Bestand der Bibliothek 1803/05 in den öffentlichen Besitz der Stadt Mainz überführt, die damit über 1 285 Handschriften verfügt. Von den rund 800 dem Mittelalter zugeordneten bibliophilen Prachtbänden bilden die 650 Codices aus der Mainzer Kartause innerhalb der Sammlung die umfangreichste geschlossene Gruppe. Als weitere Provenienzen werden die Klöster der Benediktiner, Zisterzienser, Karmeliter, Augustiner, Kapuziner und Jesuiten genannt.

Die Exponate ermöglichen faszinierende Blicke auf die Arbeiten der Mönche und Laien: auf Lebenswerke, die unersetzlich sind. Sie reichen vom kleinformatigen Gebets-und Liederbuch über die französischen „Perlbibeln“ mit ihrem reichen Blatt- und Rankenwerk auf rosafarbigem Grund bis zu den großformatigen, schweren Bibeln in prachtvollen Einbänden.

Glanzstück dieser von Annelen Ottermann, der Leiterin der Mainzer Handschriftenabteilung, vorgestellten elitären Bücher-Schau ist das Hamburger Fragment eines um 1250 entstandenen Zisterzienser-Lektionars, von dem bedauerlicherweise nur vier Bildseiten, aber immerhin 21 Textseiten mit Lesungen zum Stundengebet erhalten sind. Das Hamburger Fragment und die berühmte (vollständig erhaltene) Aschaffenburger Evangelienhandschrift, das „Goldene Evangeliar“, entstammen mit Sicherheit demselben Buchmalerei-Atelier, das vermutlich in Mainz zu lokalisieren ist. Einiges deutet darauf hin, dass sie sogar vom selben Maler geschaffen wurden und – möglicherweise – nicht in einem klösterlichen Scriptorium, sondern in einem Laienatelier entstanden sind. Ebenso ausdrucksstark wie ausgewogen in Bildinhalt, -aufbau und Farbe, dokumentieren diese vier kostbaren Buchseiten künstlerischen Gestaltungswillen vom Allerfeinsten.

Lectionarium officii, mittelrheinisch, um 1250–1260 entstanden. Eine der vier erhaltenen Bildsciten der Hamburger Handschrift: Im oberen Teil eine vor Papst Leo kniende Zisterzienserin, im unteren Teil des zweigeteilten Buchstabens ein betender Mönch, in dem man den Beichtvater der Nonnen vermutet.
Lectionarium officii, mittelrheinisch, um 1250–1260 entstanden. Eine der vier erhaltenen Bildsciten der Hamburger Handschrift: Im oberen Teil eine vor Papst Leo kniende Zisterzienserin, im unteren Teil des zweigeteilten Buchstabens ein betender Mönch, in dem man den Beichtvater der Nonnen vermutet.
Die erste Bildinitiale zeigt Christus, wie er am Ostermorgen dem Grab entsteigt und eine Siegesfahne in der Hand hält. Die zweite hat seine Geburt zum Thema: Mit Ochs und Esel an der Krippe und einem recht nachdenklich abseits stehenden Josef. Die dritte versinnbildlicht die Aufnahme der Seele Marias in den Himmel: Christus hält die ganz kleine Gestalt seiner Mutter wie ein Kind an der Hand. Die zweigeteilte vierte Initiale stellt Papst Leo, vor dem eine winzige Zisterzienserin kniet, in Pontifikalgewändern an seinem Pult dar. Im unteren Segmentteil ist vor einem von Ranken umgebenen großen Blatt ein barfüßiger betender Mönch abgebildet.

Zu bewundern sind unter anderem auch die mit großen Ornamentinitialen geschmückten lateinischen Bibeln aus Nordfrankreich und dem Rheinland. Sie stammen aus dem Mainzer Jesuitenkolleg, aus Kloster Haina und aus der Zisterzienserabtei Arnsburg, dem reichsten und in künstlerischer Hinsicht bedeutendsten Kloster der Wetterau.
Britta Steiner-Rinneberg



Die Ausstellung „Illuminierte Handschriften des 11. bis 15. Jahrhunderts“ war bis zum 1. November im Kloster Eberbach zu sehen. Ab 4. November können die Handschriften im Lesesaal der Stadtbibliothek Mainz eingesehen werden. Weitere Informationen unter www.bibliothek.mainz.de.
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