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Arztgeschichten: Umdenken notwendig

Dtsch Arztebl 2005; 102(20): A-1438 / B-1204 / C-1140

Seeliger, Wolfgang

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LNSLNS Sicher mag es Fälle geben, wo ein Patient zu früh „aufgegeben“ wird und es sich im Nachhinein herausstellt, dass es richtig war, eine intensivmedizinische Behandlung fortzusetzen. Viel häufiger scheint mir aber das Gegenteil zu sein. Die Tatsache, dass wir alle dem Prozess des Älterwerdens, des Gebrechlich-Werdens und schlussendlich auch des Sterbens unterworfen sind, wird in unserer Gesellschaft doch zunehmend verdrängt. Es herrscht unumschränkt der medizinische Machbarkeitswahn. Ausgedehnte operative Eingriffe und maximale Pharmakotherapie – natürlich auch durch pekuniäre Interessen bedingt – selbst bei Hochbetagten sind die Regel geworden. Es kommt vor, dass 85-Jährige in der Sprechstunde vor einem sitzen und absolut nicht begreifen können, dass sie nicht mehr so gut laufen können oder nicht mehr so belastbar sind wie mit 50. Dasselbe gilt für die Angehörigen solcher Patienten. Bisheriger trauriger „Höhepunkt“ in meiner Praxis war der Fall einer 90-jährigen Heimbewohnerin, die seit mehr als zehn Jahren dement war und nur durch intensive Pflege und Ernährung via PEG-Sonde am Leben erhalten wurde. Diese Patientin wurde mit einer Pneumonie ins Krankenhaus eingeliefert. Als es zum terminalen kardiorespiratorischen Versagen kam, wurde eine Reanimationsbehandlung eingeleitet, die erst nach 45 Minuten infolge Erfolglosigkeit abgebrochen wurde! Aus meiner Sicht handelt es sich hier um Körperverletzung. Wenn hier nicht ein Umdenken einsetzt, wird es noch gewaltige Probleme geben, wenn der demographische Wandel erst voll durchschlägt.
Dr. med. Wolfgang Seeliger, Wunderstraße 8, 46049 Oberhausen
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