ArchivRecherchePerspektiven in Diagnostik und Therapie degenerativer Gelenkerkrankungen

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Perspektiven in Diagnostik und Therapie degenerativer Gelenkerkrankungen

Günther, Klaus-Peter; Scharf, Hans-Peter; Puhl, Wolfhart

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LNSLNS Fünfzig Wissenschaftler aus Europa und den Vereinigten Staaten nahmen am internationalen Symposium teil, das die Orthopädische Klinik der Universität Ulm unter der Leitung von Wolfhardt Puhl am 11. und 12. November 1996 veranstaltete. Ziel der Tagung sollte sein, den aktuellen Kenntnisstand in der Diagnostik und Therapie degenerativer Gelenkerkrankungen sowohl aus klinischer als auch grundlagenwissenschaftlicher Sicht zusammenzufassen und künftige Forschungsaktivitäten zu koordinieren.
Mit der zu erwartenden Veränderung unserer Altersstruktur wird die bereits jetzt erhebliche sozialmedizinische Bedeutung degenerativer Gelenkerkrankungen weiter zunehmen. Deshalb besteht ein dringender Bedarf an der Entwicklung und Anwendung standardisierter Kriterien in Diagnostik, Verlaufsbeurteilung und Einschätzung therapeutischer Maßnahmen bei Arthrosen.

Klinische Ziele
Zu Beginn der Tagung standen Vorträge zur klinischen Diagnostik bei Hüft- und Kniegelenkarthrosen, die den weitaus größten Teil der behandlungsbedürftigen Fälle ausmachen, im Vordergrund. Unter der wissenschaftlichen Moderation von H. H. Raspe, Lübeck, stellte M. Wildner, München, unterschiedliche, in der Vergangenheit gebräuchliche und aktuell entwickelte Meßinstrumente zur Beurteilung der Ergebnisse vor. Einige in aktuellen wissenschaftlichen Studien angewendete Punkte zur Beurteilung der Behinderung und Beeinträchtigung wurden von W. Willauschuss, Erlangen, H. Roos, Lund, und A. Carr, Bristol, vorgestellt. Die Referenten kamen überein, daß in künftigen klinischen und epidemiologischen Untersuchungen zu Entstehung und Verlauf degenerativer Gelenkerkrankungen die vom Patienten als unterschiedlich relevant empfundenen Beschwerden, Störungen und Funktionsbeeinträchtigungen in mehreren Dimensionen erfaßt werden müssen. Die dabei angewendeten Methoden sollten testtheoretisch abgesichert und patientenorientiert sein, da nur dann eine zuverlässige und relevante Beurteilung der Ergebnisse möglich wird.


Bildgebende Diagnostik
Auch aus Beiträgen zur bildgebenden Diagnostik bei degenerativen Gelenkerkrankungen konnten neue Vorschläge zur Standardisierung der Befunderhebung abgeleitet werden. K.-P. Günther, Ulm, demonstrierte anhand eines Vergleiches von Literaturdaten mit den im Arbeitskreis "Arthrose" der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (DGOT) erarbeiteten Ergebnissen, wie wichtig die Erfahrung des Untersuchers bei der Beurteilung von Röntgenbildern ist. Die radiologische Befundung der Progression von Hüft- und Kniegelenkarthrosen stellt unter Beachtung dieser Voraussetzung weiterhin eine zuverlässige Methode gerade in der Beurteilung von Therapieerfolgen dar. Diese Aussage wurde auch von M. Dougados, Paris, unterstrichen. Dabei sollte bei den vermehrt durchgeführten und multizentrisch konzipierten klinischen Untersuchungen darauf geachtet werden, daß die Beurteilung und Interpretation von Röntgenbildern durch erfahrene Untersucher in einem einzigen Zentrum vorgenommen wird.
I. Watt, Bristol, unterstrich die enorme Bedeutung der kernspintomographischen Diagnostik zur Beurteilung von frühen Knorpelveränderungen. Die in experimentellen und klinischen Studien bisher gesammelten Ergebnisse deuten darauf hin, daß die kernspintomographische Frühdiagnostik in der Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Die momentan in den meisten Instituten verfügbare apparative Ausrüstung und ein noch teilweise unzureichendes Wissen um frühe Matrixveränderungen limitiert jedoch noch den Einsatz der Kernspintomographie in der Routinediagnostik.


Marker-Analyse
Schließlich wurde noch die Möglichkeit einer laborchemischen Erfassung von frühen Stadien degenerativer Gelenkveränderungen diskutiert. Wie S. Lohmander, Lund, E. Thonar, Chicago, und T. Saxne, Lund, zeigen konnten, sind mit sogenannten "Knorpelmarkern" einzelne in Körperflüssigkeiten nachweisbare Proteinfragmente aus dem Knorpelmetabolismus bereits längerfristig in der präklinischen und klinischen Testung. Die veränderte Konzentration von Proteinen (Hyaluronsäure, Keratansulfat, Comp und andere), welche bei einem Knorpelschaden sowohl im Blut als auch im Urin und in den betroffenen Gelenken selbst nachzuweisen sind, kann Informationen zum Schweregrad der Erkrankung, zum Verteilungsmuster und möglicherweise auch zur Prognose geben. Dabei ist nach Einschätzung von K. Kuettner, Chicago, dem Leiter des WHO-Referenzzentrums für degenerative Gelenkerkrankungen, durchaus zu erwarten, daß entsprechende Markerveränderungen konventionelle Techniken bei der Beurteilung der Wirksamkeit von Medikamenten und anderen therapeutischen Maßnahmen in der Zukunft ergänzen.


Therapeutische Perspektiven
Zum Abschluß des Workshops wurde ausführlich über neue Perspektiven medikamentöser Therapieformen bei Arthrose diskutiert. K. Sampath, Hopkinton, stellte die in der Vergangenheit erzielten Fortschritte in Entwicklung und Anwendung von Wachstumsfaktoren dar. Die bisherige Grundlagenforschung und entsprechende tierexperimentelle Ergebnisse sowie erste klinische Studien zeigen, daß mit der Verabreichung von Proteinen, welche den Chondrozytenmetabolismus beeinflussen, in frühen Phasen degenerativer Gelenkerkrankungen ein positiver Effekt auf die Stoffwechselleistung der Knorpelzelle erwartet werden kann.
Neue Forschungsergebnisse von E. Bartnik und R. Raiss, Wiesbaden, unterstützen diese Perspektiven, da unterschiedliche Testmodelle wie Proteinanalysen in Zell- und Gewebekultursystemen sowie neueste molekularbiologische Untersuchungsverfahren bereits zur Charakterisierung des Effektes von unterschiedlichen Substanzen eingesetzt worden sind.
Insgesamt bot die Tagung klinisch orientierten Wissenschaftlern und Grundlagenforschern aus dem universitären und industriellen Bereich nicht nur eine von allen Teilnehmern als effektiv eingeschätzte Möglichkeit zum interdisziplinären Gedankenaustausch, sondern sie hat einen spürbaren Fortschritt bei der Bemühung um die Vereinheitlichung von diagnostischen und therapeutischen Konzepten erzielt. In Zeiten einer fortschreitenden Öko­nomi­sierung des Gesundheitswesens müssen international gültige Standards und auch Qualitätskontrollmaßnahmen, insbesondere bei den sozialmedizinisch überaus relevanten degenerativen Gelenkerkrankungen, entwickelt werden, um die Fortentwicklung moderner Therapieansätze und deren kritische Beurteilung durch die Fachgesellschaften sicherzustellen.
Dr. med. Klaus-Peter Günther
Priv.-Doz. Dr. med. Hans-Peter Scharf
Prof. Dr. med. Wolfhart Puhl
Orthopädische Abteilung des RKU
Orthopädische Klinik mit Querschnittgelähmtenzentrum der Universität Ulm
Oberer Eselsberg 45 89081 Ulm

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