ArchivRechercheForschende Chirurgen: Vorauseilender Gehorsam
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Die kritische Bestandsaufnahme gegenwärtiger Forschungsbewertung, die Herr Vahl vorgelegt hat, ist auch aus Sicht anderer, kleinerer Fächer, in meinem Fall der Psychosomatik, zu begrüßen. Die angeschnittenen Probleme sind nicht spezifisch für die Chirurgie, sondern sie betreffen im Grunde alle Bereiche klinischer Forschung. Es ist nicht zu verkennen, dass die Wissenschaftsförderer mit Programmen zur Förderung „Klinischer Studien“ und der Psychotherapieforschung in unserem Bereich positive Akzente gesetzt haben, an denen auch die Psychosomatik gut partizipieren konnte und kann. Trotzdem bleibt das Problem der fachfremden Bewertung, ja Bezeichnung psychosomatischer Forschung bestehen. Forschung zur Entstehung, Erkennung und Behandlung psychosomatischer Krankheiten auf ihre neuronalen Grundlagen reduzieren zu wollen, wie das z. B. in der Zuordnung der Psychosomatik zum Bereich „Klinische Neurowissenschaften“ in der DFG zum Ausdruck kommt, greift inhaltlich systematisch zu kurz und führt strukturell zu gravierenden Fehlentwicklungen. Nicht die geringste dieser Fehlentwicklungen ist, ähnlich den von Herrn Vahl für die chirurgische Nutzung der Grundlagenwissenschaft beschriebenen Tendenzen, der „vorauseilende Gehorsam“ innerhalb des eigenen Fachs, d. h. die Vorstellung, nur mit neurobiologisch „unterlegten“ Forschungsdesigns habilitieren oder in anderer Weise wissenschaftlich reüssieren zu können, unter Hintanstellung z. B. aller psychologisch-sozialwissenschaftlicher Ansätze. Es wäre an der Zeit, wie von Herrn Vahl gefordert, in eine öffentliche(re) Diskussion über die Grundlagen der Forschungsbewertung in der klinischen Medizin einzutreten.

Prof. Dr. med. Peter Henningsen,
Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar der TUM, Langerstraße 3, 81675 München
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