ArchivRechercheBemühungen um eine Reichsärzteordnung

THEMEN DER ZEIT: Das besondere Buch

Bemühungen um eine Reichsärzteordnung

Dtsch Arztebl 1997; 94(21): A-1419 / B-1125 / C-1044

Herold-Schmidt, Hedwig

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LNSLNS Kaum obrigkeitsstaatlicher Reglementierung entronnen und 1869 in die Gewerbefreiheit entlassen, begann in der Ärzteschaft auch schon die Diskussion über die Vor- und Nachteile einer vom Staat zu erlassenden reichseinheitlichen Ärzteordnung. Diskussion und Beschlußfassung der Ärztetage darüber entsprachen allgemeinen sozial- und wirtschaftspolitischen Tendenzen des ausgehenden 19. Jahrhunderts im deutschen Kaiserreich.


Die Gewerbeordnung von 1869 hatte den Ärzten zahlreiche langgehegte Wünsche erfüllt. Zur Niederlassungsfreiheit und zur freien Vereinbarung des Honorars kam die Abschaffung des "Kurierzwangs" und weiterer staatlicher Reglementierungen. Andere Neuerungen jedoch, wie etwa die Einreihung der Heilkunde unter die Gewerbe und die Abschaffung des "Kurpfuschereiverbots", riefen schon bald erhebliche Unzufriedenheit hervor.
Besonders störend empfanden viele Ärzte die Degradierung ihrer Tätigkeit zum Gewerbe. Man war davon überzeugt, daß der Arztberuf "kein Gewerbe, sondern eine freie Wissenschaft und [. . .] Kunst" darstelle und deshalb mit höheren moralischen und ethischen Pflichten verbunden sei. Die rechtliche Gleichstellung mit niederen Berufen - so die gängige Meinung - schade dem Ansehen der Mediziner in der Allgemeinheit und vor allem unter den Akademikern.
Bereits auf den Ärztetagen 1874 und 1875 entbrannte eine lebhafte Diskussion über die Vor- und Nachteile der Gewerbeordnung. Spätestens seit dem Tode Richters im Jahr 1876, der auf die Unabhängigkeit vom Staat besonderen Nachdruck gelegt hatte, gewann die Opposition gegen die bestehenden gesetzlichen Vorgaben zunehmend an Boden. Man beklagte einen Anstieg der "Kurpfuscherei" sowie eine beschleunigte Erosion der Standeswürde. Insbesondere das Mitglied des Geschäftsausschusses, August Georg Brauser (1833-1901), forderte als Sprachrohr dieser Richtung das Ausscheiden aus der Gewerbeordnung und die Schaffung einer Deutschen Ärzteordnung nach dem Vorbild der Anwälte, an deren beruflicher Stellung und Sozialprestige sich die Mediziner besonders orientierten.
Eine staatlich anerkannte, reichseinheitliche Berufsordnung mit weitgehender Selbstbestimmung und Selbstkontrolle sollte die Vorteile der Gewerbeordnung erhalten, aber die Nachteile der freien Konkurrenz in einem System privatkapitalistischer Marktwirtschaft kompensieren. In der Forschung wurde dieses Vorgehen als Rückgriff auf zünftlerisch-ständische Ordnungsprinzipien interpretiert - eine Auffassung übrigens, die bereits Zeitgenossen im Jahre 1879 vertraten, als sie die Kritiker der Gewerbeordnung "ächt mittelaltlicher Zunftanschauung" ziehen. Letztere befürchteten bei einer Modifizierung der geltenden gesetzlichen Bestimmungen eine Wiedereinführung beamtenähnlicher Verpflichtungen wie des "Kurierzwanges".
Angesichts dieser Problemlage einigte man sich auf dem Ärztetag 1880 dahingehend, daß ein Ausscheiden der Ärzte aus der Gewerbeordnung nur bei gleichzeitiger Schaffung einer Deutschen Ärzteordnung in Frage käme. Diesbezüglich legte der Generalarzt Adolf Hoffmann (1822-1899) aus Karlsruhe zwei Jahre später einen Entwurf vor. Der zentrale Gedanke bestand in der Auffassung von der besonderen Bedeutung des Arztberufs für das Allgemeinwohl, was einerseits der Profession besondere Pflichten auferlege, andererseits aber auch den Staat gegenüber der Ärzteschaft verpflichte. Eine von Ärzten gewählte, staatlich anerkannte Standesvertretung (Reichsärztekammer) sollte die Mitwirkung bei allen gesundheitspolitischen Fragen sicherstellen und das Verhalten der Ärzte "in Ausübung ihres Berufes sowie außerhalb desselben" mittels vom Staat übertragener besonderer Disziplinarbefugnisse überwachen.


Stimmen gegen Reichsärzteordnung
Während einigen die Vorschläge Hoffmanns nicht weit genug gingen, überstiegen sie für einen Großteil der Kritiker das Maß des Erträglichen erheblich. Anstoß erregte insbesondere die Institution der Ehrengerichte, in denen viele lediglich ein Instrument gegen mißliebige Kollegen sahen. So fürchtete ein Dr. Runge aus Nassau, daß sich "die Schärfe des Ehrengerichts [. . .] immer nur gegen den Kleinen richten" werde, "welcher oft nur aus Unkenntnis gegen die Form sündigt [und] keine Konnexionen hat" und nicht gegen "einen Geheimrat und Professor". Ferner gingen die Auffassungen in der Frage weit auseinander, welche Einflußrechte dem Staat bei seinen Organisationen einzuräumen seien. Die vollständige Autonomie stellte zwar das Wunschziel dar, doch die Mehrheit stimmte darin überein, daß es ohne Zugeständnisse zu keiner staatlich sanktionierten Deutschen Ärzteordnung kommen würde. Vehement gegen eine Revision der Gewerbeordnung wandten sich die 1880 aus dem Ärztevereinsbund ausgeschiedene Berliner Medizinische Gesellschaft und der Frankfurter Ärzteverein, dessen Vorsitzender Victor Cnyrim sich zum Sprecher der Ablehnungsfront machte und eine Ärzteordnung überhaupt ablehnte.
Der schließlich auf dem Ärztetag von 1882 verabschiedete Entwurf beinhaltete Kriterien für die Zulassung als Arzt bzw. für den Approbationsentzug, legte die Rechte und Pflichten der Ärzte fest, lieferte Vorgaben für die Einrichtung von staatlich anerkannten Standesvertretungen sowie von ärztlichen Ehren- und Schiedsgerichten. Das angestrebte Ziel war mithin nicht die Unabhängigkeit vom Staat, sondern die Mitbestimmung. In diesem Sinne reflektierte der Entwurf die Hinwendung zum Staat in den nachliberalen Jahrzehnten des Kaiserreichs: Er suchte Rückendeckung zur Durchsetzung standespolitischer Ziele. Dies entsprach einem Zeittrend, der von den liberalen Prinzipien der Gewerbeordnung immer weiter wegführte, hin zum Protektionismus und Wiederanknüpfen an zünftlerische Bestrebungen, wie sie ebenfalls durch den Übergang vom Freihandel zum Schutzzoll in der Wirtschaftspolitik gefördert wurden.


Ablehnung Bismarcks
Auch die politischen Institutionen waren keineswegs einer Meinung. Nach jahrelangen Diskussionen, in deren Verlauf der Reichstag Zustimmung signalisierte, zahlreiche deutsche Länder jedoch eine reichseinheitliche Regelung ablehnten, entschied sich im Jahre 1889 Reichskanzler Bismarck definitiv gegen eine Deutsche Ärzteordnung. Vielmehr sollten die staatlich anerkannten ärztlichen Interessenvertretungen - soweit Bedarf bestünde - auf einzelstaatlicher Ebene ausgebaut werden. Dieser Weg wurde in der Folgezeit beschritten, so daß am Ende des Kaiserreichs der Großteil der deutschen Länder über solche Einrichtungen verfügte. Dabei drängte die Ärzteschaft vor dem Hintergund der steigenden Medizinerzahlen und der schwachen Verhandlungsposition gegenüber den Krankenkassen verstärkt auf die Übertragung von Disziplinarbefugnissen. Besonders heftig wurde in diesem Zusammenhang über die Einrichtung von Ehrengerichten in Preußen gestritten, die schließlich 1899 erfolgte. Widerstand regte sich vor allem auf seiten der Sozialdemokratie und der Krankenkassen sowie der Naturheilbewegung, die - nicht zu Unrecht - die Instrumentalisierung der Ehrengerichte zur Ausschaltung gegensätzlicher standespolitischer und fachlicher Meinungen befürchteten. Munition dafür lieferten nicht zuletzt die Standesvertreter selbst, wenn sie, wie der Vorsitzende Graf in einer Eingabe 1895, eine straffere Organisation der Ärzteschaft in Preußen damit rechtfertigten, "dass das Gift der Sozialdemokratie mehr und mehr in die Reihen der Aerzte eindringe". Weniger prominente Kollegen wählten noch drastischere Worte: Ein anonymer Autor forderte 1900 einschneidende gesetzliche Änderungen, denn die Ärzte wollten "keine Dienstmänner der rothen Internationale sein", sondern vielmehr "das Recht haben, im Quarré zu stehen, an dem sich die rothe Gefahr zerschellen soll". Trotzdem gelang es den Standesvertretern, bis zum Ersten Weltkrieg in den meisten deutschen Ländern eine staatlich anerkannte Ehrengerichtsbarkeit durchzusetzen.

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