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Telemonitoring: „Alle Systeme kochen ihre eigene Suppe“

Meißner, Marc

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EGK-Messung im Sessel – Patienten messen ihre Vitaldaten, wie EKG und Blutdruck, selbst und senden diese an ein Telemedizinisches Zentrum. Fotos: SHL
EGK-Messung im Sessel – Patienten messen ihre Vitaldaten, wie EKG und Blutdruck, selbst und senden diese an ein Telemedizinisches Zentrum. Fotos: SHL
Die demografische Entwicklung und der absehbare Ärztemangel lassen eine flächendeckende medizinische Versorgung immer schwieriger werden. E-Health-Maßnahmen, wie Telemonitoring, können eine wichtige Rolle dabei spielen, „auf Dauer ein qualitativ hochwertiges und trotzdem bezahlbares Gesundheitssystem sicherzustellen“, sagt Prof. Dr. Ing. Jörg Eberspächer, Vorsitzender des Forschungsausschusses des Münchner Kreises, bei der Eröffnung einer Fachkonferenz zu „Telemonitoring in Gesundheits- und Sozialsystemen“. Anfang Juli lud der Münchner Kreis Wissenschaftler und Vertreter aus Wirtschaft und Politik ein, dort über mögliche Telemonitoring-Anwendungen und die notwendigen Vor-aussetzungen für deren Verbreitung zu diskutieren. „Früher oder später sind wir alle Nutznießer oder Opfer von Telemonitoring“, betont Ebers-pächer. „Das Thema geht uns also alle an.“

Besonders bei chronischen Erkrankungen lohnt sich die Fernüberwachung von entsprechenden Vitalparametern. Die Patienten müssen seltener zu Kontrolluntersuchungen, werden aber, wenn sich die Werte verschlechtern, automatisch zum Arzt bestellt. Volker Heuzeroth von der Taunus BKK, Frankfurt, hat hierzu das Projekt „Mit Herz dabei“ vorgestellt – ein Versorgungskonzept für herzinsuffiziente Patienten, in dem Telemonitoring ein fester Bestandteil ist. Sogenannte High-risk-Patienten erhalten Geräte, mit denen sie zu Hause ihr EKG, ihren Blutdruck und ihr Gewicht kontrollieren können. Diese Daten übermittelt eine Basisstation an ein Telemedizinisches Zentrum, wo sie automatisch ausgewertet werden. Zeigen die Werte, dass sich die Krankheit verschlechtert, wird der Hausarzt oder Kardiologe informiert. Bei Anzeichen eines Notfalls wird der Patient sofort in eine Klinik eingewiesen.

Die regelmäßige Kontrolle der Vitalparameter erlaubt es, die Medikation der Patienten besser einzustellen. Notfalleinweisungen sind dadurch seltener notwendig. „Die Patienten gehen weniger oft ins Krankenhaus und auch weniger lang“, fasst Heuzeroth die Ergebnisse einer hauseigenen Studie zusammen. Durch das Telemonitoring reduzierten sich die Klinikeinweisungen um das 2,5-fache verglichen mit konventionell behandelten Patienten. Die Zahl der Krankenhaustage fiel sogar auf ein Drittel, und auch der Hausarzt musste seltener aufgesucht werden. „Telemedizinisch betreute Patienten kommen nur noch zum Arzt, wenn es notwendig ist“, erklärt er. Da das Meiste im Vorfeld abgeklärt werden könne, „hat der Arzt mehr Zeit für die Behandlung, und für den Patienten ist es weniger Aufwand.“ Vor allem in ländlichen Regionen, wo man unter Umständen länger zur Praxis unterwegs ist, sei dies von Bedeutung.

Telemedizinisches Zentrum – Die Vitalparameter der Patienten werden hier ausgwertert. Bei Abweichungen leitet das Zentrum entsprechende Maßnahmen ein.
Telemedizinisches Zentrum – Die Vitalparameter der Patienten werden hier ausgwertert. Bei Abweichungen leitet das Zentrum entsprechende Maßnahmen ein.
Die Betriebskrankenkasse konnte allein durch die geringe Zahl der Krankenhauseinweisungen circa 9 000 Euro pro Patient und Jahr sparen. Allerdings müsse dafür bei der ambulanten Versorgung mehr investiert werden, betont Heuzeroth. „Die Betreuung von Patienten über Telemonitoring ist für den Hausarzt zeitaufwendiger und muss auch entsprechend vergütet werden.“ Darüber hinaus zahlt die Kasse auch die notwendige Infrastruktur, wie Software, Geräte und Schulungen der Patienten. Die Kosten werden durch telemedizinische Betreuung aus dem stationären in den ambulanten Sektor verschoben, fallen insgesamt aber geringer aus.

Doch nicht nur chronisch Kranke können vom Telemonitoring profitieren. „Die bereits einsetzende Unterversorgung in den ländlichen Gebieten kann so verbessert werden“, ergänzt Eberspächer. Auch könnten ältere Menschen so länger ein selbstbestimmtes Leben in ihrer häuslichen Umgebung führen.

Kritisch äußerte sich hingegen Ingrid Hastedt vom Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg über Telemonitoring-Anwendungen im Bereich der ambulanten Pflegeeinrichtungen. Durch die Überwachung der Pflegebedürftigen könnten Mitarbeiter zwar entlastet werden. „Man muss sich aber überlegen, ob man menschliche Zuwendung in der Pflege durch Telemonitoring ersetzen will“, gibt sie zu bedenken. Diese würde bei einer Fernüberwachung sehr viel seltener stattfinden. Persönlicher Kontakt sei für die älteren Menschen jedoch meist wichtiger als die Kontrolle von Vitalparametern.

Nützlich sei Telemonitoring hingegen, um die Sicherheit der Pflegebedürftigen zu erhöhen, zum Beispiel durch Gehhilfen, die einen Sturz weitermelden können. Allerdings sind viele mit der Technik überfordert. „Gerade Menschen mit kognitiven Einschränkungen durch Demenz kommen mit elektronischen Systemen nicht mehr so gut zurecht“, stellt Hastedt fest.

Dass sich Telemonitoring-Anwendungen noch nicht flächendeckend etabliert haben, liegt nach Ansicht von Dr. med. Christoph Goetz, Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, an fehlenden technischen Standards. „Alle Systeme kochen ihre eigene Suppe. Deshalb ist man noch nie über eine Nischenlösung hinausgekommen“, sagt Goetz. Wer trägt die Kosten für Telemonitoring-Anwendungen? Wer betreut solche Systeme? – Auch diese Fragen seien noch nicht grundlegend geklärt, weshalb solche E-Health-Lösungen in der Regelversorgung noch nicht umgesetzt würden. Darüber hinaus betont Goetz, dass sich die notwendigen Geräte bisher zu wenig am Patienten orientierten. Dieser muss sie problemlos bedienen und in seinen Alltag integrieren können. Für den Arzt ist es hingegen wichtig, dass er den erhaltenen Daten vertrauen kann und diese auch kompatibel zu seiner Praxissoftware sind. Diese technischen wie organisatorischen Probleme zu lösen, ist nach Ansicht von Goetz die Voraussetzung dafür, dass Telemonitoring flächendeckend eingesetzt werden kann.

Auch Eberspächer rechnet nicht damit, dass Telemedizin schnell einen Weg in den Praxisalltag finden wird. „Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Einführung innovativer Lösungen – wie etwa der elektronischen Gesundheitskarte – oft nur schleppend vorangeht.“ Dass eine kostengünstige Techno-logie zur Verfügung steht, würde nicht ausreichen. Stationärer und ambulanter Sektor müssten besser verzahnt werden. „Dazu gehört es auch, eine sektorübergreifende elektronische Dokumentation und Kommunikation von medizinischen Daten zu realisieren.“

Dr. Günter Braun, Vorsitzender der interdisziplinären Projektgruppe ProTelemonitoring beim Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE), sieht hingegen in den integrierten Hausarztverträgen eine Chance, Telemonitoring schneller in die Regelversorgung aufzunehmen. „Alle Studien zeigen, dass mit Telemonitoring Kosten gespart werden und auch die Lebensqualität der Patienten steigt“, bekräftigt Braun. Mit Selektivverträgen könne dies auch schnell und ohne gesetzliche Regelungen umgesetzt werden.
Dr. rer. nat. Marc Meißner

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Der Münchner Kreis ist ein gemeinnütziger und übernationaler Verein, der sich mit Fragen der Informations-, Kommunikations- und Medientechnologie beschäftigt. Wie können Innovationen der Kommunikationstechnologie in der Gesellschaft etabliert werden? Inwieweit sind die Menschen bereit, die neuen Kommunikationsformen zu nutzen? Die Diskussion um diese Fragen zu fördern und zu begleiten, ist ein zentrales Anliegen des Münchner Kreises. Dazu bringt er Vertreter von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und den Medien auf Konferenzen, Kongressen und in Gesprächskreisen zusammen. Das Spektrum der Themen ist breit gefächert und reicht vom Digital Rights Management über vernetzte Automobile bis hin zu elektronischen Gesundheitsanwendungen.

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