ArchivRechercheTollwutimpfung: Die erste Tollwut-„Impfung“
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In dem Artikel ist einiges nicht dem Stand der Forschung (Geison, G. L.: The Private Science of Louis Pasteur. Princeton 1995) entsprechend dargestellt.

Üblicherweise gilt die Behandlung des neunjährigen Joseph Meister aus dem Elsass, der am 6.7.1885 mit seiner Mutter nach Paris zu Pasteur gekommen war, als erste Tollwut-„Impfung“ . . .

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Der Junge war zwei Tage zuvor von einem aller Wahrscheinlichkeit nach tollwütigen Hund mehrfach gebissen worden). Pasteur und zwei herangezogene Ärzte gingen . . . davon aus, dass er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erkranken würde. Der Junge hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine spezifischen Symptome, die Inkubationszeit beträgt beim Menschen ca. einen Monat bis ca. ein Jahr. Um es ganz kurz zu machen: Die Ergebnisse der Tierversuche, die vorher angestellt wurden, waren nicht so, dass von einer (einigermaßen) sicheren Wirkung und vertretbaren Nebenwirkungen der Impfung ausgegangen werden konnte. Pasteur hatte seit August 1884 versucht, 26 von tollwütigen Hunden gebissene Versuchshunde mit drei verschiedenen Methoden zu immunisieren. Doch als die Hunde dann virulente Kulturen injiziert bekamen, zeigte sich, dass in jeder Gruppe mehrere Hunde starben. Bemerkenswert ist auch, dass die Methode, die dann bei dem Jungen am 6.7.1885 angewandt wurde, zuerst am 13.4. (noch in modifizierter Form) bei Hunden getestet wurde. Noch bemerkenswerter ist, dass Pasteur schon am 2.5.1885 einen (wohl) schon Symptome zeigenden erwachsenen Tollwutkranken behandeln ließ (er durfte als Nichtarzt die Injektionen nicht selbst vornehmen). Die Leitung des Krankenhauses verbot aus nicht wirklich geklärten Gründen die zweite Injektion. Der Patient wurde nach einiger Zeit aus dem Krankenhaus entlassen, genaue Nachrichten über sein weiteres Schicksal fehlen. Dieser Heilversuch wurde in keiner einzigen Publikation von Pasteur erwähnt. Der beste Kenner des Sachverhalts mutmaßt, dass der Patient in der Folgezeit verstorben sei. Dies könnte jedenfalls die Nichterwähnung erklären. Erwähnt wurde von Pasteur auch nicht, dass er am 22.6.1885 ein Tollwutsymptome zeigendes Mädchen mit zwei Injektionen behandeln ließ, das einen Tag nach Behandlungsbeginn starb. Diese ersten Versuche waren Heilversuche bei erkrankten Patienten. Im Fall des jungen Joseph Meister waren aber noch keine Symptome aufgetreten, die Methode der Behandlung mit getrocknetem Rückenmark infizierter Tiere musste als gefährlich gelten, es handelte sich um eine „lebende“ Tollwutvakzine. Pasteurs Vorgehen lässt also einige Fragen offen. Man darf annehmen, dass – wie so oft – Menschenliebe und Ruhmsucht bei seiner Entscheidung für eine unausgereifte Behandlung eine Rolle spielten. Zu seiner Rechtfertigung konnte er im Fall von Joseph Meister, der die Behandlung überlebte und später keine Symptome zeigte, überdies anführen, dass die Mutter den Jungen zu ihm gebracht hatte. Das riskante Humanexperiment erfolgte also mit Zustimmung der Sorgeberechtigten. Durch den augenscheinlichen „Erfolg“ (vielleicht war der Junge ja gar nicht infiziert) erhielt Pasteur in der Folgezeit Reputation und vor allem – Spenden. Er konnte 1888 ein eigenes Institut gründen, das spätere Institut Pasteur, in dem er sich nur noch der Forschung widmen konnte.

Prof. Dr. Dr. Udo Benzenhöfer, Senckenbergisches Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, 60596 Frankfurt am Main

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