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Psychotherapeutengesetz: „Weiterbildung aus einer Hand“

Sartorius, Ariadne; Walz-Pawlita, Susanne

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Die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung hat eine neue Dynamik bekommen. Zwölf Ausbildungs- und Berufsverbände legten Mindestvoraussetzungen für die notwendige Praxis in einer psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung vor.

Die Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung schreitet zügig voran. Nachdem beim 25. Deutschen Psychotherapeutentag (DPT) 2014 in München eine weitreichende Reform der Ausbildung beschlossen wurde, die ein Hochschulstudium der Psychotherapie mit Approbation als Abschluss und anschließender mehrjähriger Weiterbildung zur Erlangung der Fachkunde vorsieht, hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) angekündigt, noch in diesem Jahr Reformeckpunkte vorzulegen. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) leistet hierbei fachliche Beratung. Zur Koordination aller Beteiligten und der in der Profession relevanten Perspektiven wurde ein aufwendiges „Projekt Transition“ in Gang gesetzt, das auf der Basis eines strukturierten Dialogs den Kontakt mit den politischen Entscheidungsträgern ermöglicht. Beim 27. DPT, der am 14. November in Stuttgart stattfand, sprachen sich die Delegierten dafür aus, dass die BPtK diesen Transitionsprozess zur Klärung der Details einer reformierten Aus- und Weiterbildung fortsetzen soll.

Wenige Tage zuvor, am 5. November, fand in Berlin eine Diskussionsveranstaltung statt, zu der zwölf Berufsverbände und Fachgesellschaften (Kasten) eingeladen hatten. Bei dem Symposium „Reform des PsychThG – Unverzichtbare Praxisinhalte für die psychotherapeutische Aus- und Weiterbildung“ wurde ein Positionspapier zu den Mindestvoraussetzungen für die Umsetzung der Forderungen des 25. DPT zur Reform vorgestellt, das im Vorfeld von den zwölf Verbänden erarbeitet worden war. In diesem Papier wurden notwendige Eckpunkte eines Approbationsstudiums und einer reformierten Weiterbildung festgehalten (Kasten).

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Wissenserwerb in der Praxis

Wie Psychotherapeuten in Ausbildung praktische Kompetenzen entwickeln, stellte Prof. Dr. phil. Svenja Taubner, Klinische Psychologie an der Universität Klagenfurt in ihrem Vortrag „Vom Laienhelfer zum Experten“ vor. Grundlage ihrer Ausführungen war ihre Studie zum Thema „Kompetenzentwicklung von Psychotherapeutinnen in Ausbildung“, die sie zusammen mit Prof. phil. Heidi Möller, Universität Kassel, durchgeführt hat. In dieser Studie wurde verfahrensübergreifend der Ausbildungsprozess von 153 Kandidaten aus 17 Ausbildungsstätten in einem Zeitraum von drei Jahren in verschiedenen Kompetenzebenen (fachlich-theoretische, persönliche und Beziehungskompetenz sowie Therapieerfolg) untersucht. Es zeigte sich im Ausbildungsverlauf – bei gleichbleibend hoher Motivation und Zufriedenheit mit der psychotherapeutischen Tätigkeit – zum einem ein signifikanter Anstieg sowohl der Selbstzweifel als auch der Stressbelastung bei anhaltend hoher Hilfemotivation. Es zeigte sich zudem, dass Wissenserwerb sowie der Erwerb von Fallkompetenzen vor allem in der Praxisphase der Ausbildung in direktem Patientenkontakt erworben werde. Von den Ausbildungsteilnehmern wurden besonders die Selbsterfahrung, die Supervision und die eigene Behandlungspraxis als entscheidende Motoren ihrer eigenen Kompetenzentwicklung beschrieben.

In seinem Vortrag über „Erfahrungswissen und soziale Kompetenzen der pädagogischen Wissenschaften“ skizzierte Prof. Dr. phil. Ulrich Müller, Medizinische Hochschule Hannover, zunächst die denkgeschichtliche Entwicklung der Pädagogik. Seit der Bildungsreform in den 70er Jahren sei dann die Entwicklung der Pädagogik davon geprägt, die immanente Praxisferne der akademischen Pädagogik durch die Entwicklung neuer Studiengangmodelle an den Hochschulen zu erweitern. Pädagogik wurde in der Lehrerausbildung, in der Sozialpädagogik und in anderen pädagogischen Anwendungsfeldern im Hinblick auf die Anforderungen in der Praxis angepasst. Es gebe erstaunliche Analogien zur derzeitigen Diskussion über die Konzeptualisierung eines Psychotherapiestudiengangs. Dieser neu zu entwickelnde Studiengang „Psychotherapie“ müsse daher interdisziplinär (Psychologie, Medizin, Pädagogik) gestaltet werden. Die in den pädagogischen Studiengängen vorhandenen Erfahrungen „reflektierter Praxis“ müssten daher als wesentliches Erfahrungswissen aus Bildungsprozessen in das Curriculum eines Psychotherapie-Studiengangs aufgenommen werden.

Wichtige Patientenkontakte

Mit Überlegungen aus der Medizin ergänzte der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Dr. med. Gottfried Maria Barth, Medizinische Universitätsklinik Tübingen, die Ausführungen seiner Vorredner. „Erfahrungen aus dem ‚Unterricht am Krankenbett‘ und seine Bedeutung für die Ausbildung zum Arzt“ lautete der Titel seines Vortrags. Barth hat sich als Mitglied des Tübinger Instituts für Medizindidaktik seit Jahren mit besonderen Formen der „Lehre am Krankenbett“ (bedside teaching) für die Entwicklung medizinischer Kompetenz befasst. Eine besondere Rolle spielten hier eine intensive Betreuung und Supervision realer Patientenkontakte, die nicht durch Rollenspiele ersetzt werden könnten. Fehler der Vergangenheit, wonach ein Abbau der direkten Patientenkontakte zu abnehmendem Kompetenzerwerb der Medizinstudenten geführt hätten, seien in jüngster Zeit durch eine Erhöhung der Praktischen Erfahrungen mit Patienten in den neuen Curricula mit mindestens 476 Stunden „bedside teaching“ ausgeglichen worden.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik und Ministerien, der Bundes­psycho­therapeuten­kammer und der veranstaltenden Verbände verwies Martin Klett, Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. (bvvp), auf die Notwendigkeit, die Weiterbildung in den Länderkammern zu diskutieren. Dabei stellte er besonders die „Weiterbildung aus einer Hand“ heraus. Auch sei es erforderlich, die finanzielle Ausstattung für die Durchführung der ambulanten Weiterbildung in den Instituten sicherzustellen.

Dirk Heidenblut (SPD), Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestags, betonte, dass die Politik eine Lösung der bekannten Problematik noch in dieser Legislaturperiode anstrebt. Notwendig sei es zudem, die Finanzierung der Weiterbildung im Auge zu behalten. „Ein Bundesgesetz, das die Finanzierung nicht mitbedacht hat, führt bei der Umsetzung in den Ländern zu Problemen“, sagte er. Als Beispiel führte er die unklare Finanzierungssituation für die jüngst bundesgesetzlich geregelte Ausbildung von Rettungssanitätern an. Dies dürfe sich bei der Neuordnung des Psychotherapeutengesetzes nicht wiederholen. Heidenblut hofft auf die baldige Vorlage eines ersten Referentenentwurfs durch das BMG. Dies sei dann die Grundlage für vertiefte Auseinandersetzungen mit der Thematik und den notwendigen Veränderungen und Anpassungen.

Kein Staatsexamen-Studium

Einem einheitlichen Staatsexamens-Studiengang analog dem Medizinstudium widersprach Ministerialreferent Andreas Diekmann vom Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft, Sachsen-Anhalt. Er forderte eine Beibehaltung der Bachelor-Master-Struktur in den Hochschulen und eine Öffnung für verschiedene Studiengänge, in denen die für eine Approbation erforderlichen Kompetenzen erworben werden könnten. Schließlich seien die finanziellen Ressourcen der Hochschulen begrenzt.

Ministerialrat Ansgar Lottermann, Ministerium Arbeit und Sozialordnung Baden-Württemberg, forderte einen Einbezug der Gesundheitsbehörden der Länder in den Diskussionsprozess mit dem Bundesministerium. Dies sei bisher noch nicht erfolgt.

Ariadne Sartorius (BVVP),
Susanne Walz-Pawlita (DGPT)

Mindestvoraussetzungen

Notwendig ist ein gut ausgestatteter Psychotherapie-Studiengang für mindestens 2 500 Absolventen. Dieser soll besonders den Erwerb praktischer Kenntnisse und Kompetenzen in der Vermittlung der vier Grundorientierungen der Psychotherapie sowie der zugehörigen psychotherapeutischen Verfahren als Grundlage für eine psychotherapeutische Approbation ermöglichen.

Hierzu müssen die Hochschulen mit entsprechend praxiserfahrenen und fachkundigen Psychotherapeuten für alle Altersgruppen ausgestattet werden.

Zudem sollen mindestens 40 ECTS (European Credit Transfer and Accumulation System)* praxisbezogene Lehre in Lehreinrichtungen mit unmittelbarem Patientenkontakt sowie ein ausreichendes Angebot von mindestens 40 Doppelstunden Selbsterfahrungs-Lehreinheiten vorgehalten werden.

Zur Wahrung der bisherigen Ausbildungsqualität und des Patientenschutzes muss die Weiterbildung nach dem Psychotherapiestudium „aus einer Hand“ durch die derzeitigen Ausbildungsstätten, die in Weiterbildungsstätten überzuleiten sind, koordiniert und organisiert werden.

Dazu bedarf es einer Neuregelung der Finanzierung von stationärer und ambulanter Weiterbildung, um eine Anstellung der Weiterbildungsteilnehmer zu ermöglichen. Für die Sicherung des Berufsstandes durch entsprechenden Nachwuchs sind bundesweit 2 250 Weiterbildungsplätze jährlich anzustreben.

* Ein ECTS entspricht 30 Stunden

die Verbände

  • AGHPT – Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie
  • AVM – Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation
  • AVP – Arbeitsgemeinschaft Ausbildungsinstitute und VPP für wissenschaftlich begründete Psychotherapieausbildung
  • BKJ – Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V.
  • bvvp – Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V.
  • DFT – Deutsche Fachgesellschaft für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie e.V.
  • DGPT – Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V.
  • DGVT – Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e.V.
  • DGSF – Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie
  • GwG – Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V
  • SG – Systemische Gesellschaft
  • VPP – Verband Psychologischer Psychotherapeuten im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)

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