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Sprechstunden: Behandlungsstunden entfallen

PP 16, Ausgabe Mai 2017, Seite 237

Mayr, Ursula

Seit 1. April müssen Psychotherapeuten auch Sprechstunden und Akutbehandlungen anbieten. (Heft 4/2017 „Ein Schlag ins Gesicht“ von Petra Bühring).
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Jetzt gibtʼs Sprechstunden und die Patienten haben eine erste Anlaufstelle – soweit erst einmal gut. Früher hatten sie einen endlosen Telefonmarathon zu bewältigen, ihren Berichten und meiner Erfahrung zufolge gehört es bei vielen Psychotherapeuten offenbar zum schlechten Ton, Hilfesuchende nicht einmal zurückzurufen, selbst wenn sie dies auf ihrem Anrufbeantworter anbieten – schließlich wolle man nicht nach Feierabend noch Anrufe – abschlägig – beantworten. Erreichbarkeit gehört zur Erfüllung unseres Versorgungsauftrages und ein sich dergestalt verhaltender Arzt – mit denen wir ja honorarmäßig immer gern gleichgestellt wären, freilich ohne die Unbequemlichkeiten, denen diese unterworfen sind – würde hier schnell große Schwierigkeiten bekommen. Diese Konsequenz ist auch von einem Teil von uns Psychotherapeuten mitverursacht; man sollte nicht immer den Patienten einbleuen, den eigenen Anteil an Konflikten zu erkennen und andererseits selbst eine Identität als verfolgtes Opfer eines ungerechten Systems pflegen.

Praxispersonal einzustellen und ein Wartezimmer anzubauen (so, jetzt das große Gejammer) ist dafür sicher nicht nötig, man kann als Telefonzeit die Stunden angeben, in denen man sonst auch seine Bürokratie und die geliebten Kassenanträge erledigt und die Sprechstunde als Bestellpraxis gestalten – da genügt ein Stühlchen in einer Praxisecke und ein paar Zeitschriften, wie wir es bisher auch größtenteils alle hatten. Da bricht die Existenz nicht zusammen.

Die Lösung für die Patienten haben wir damit aber immer noch nicht: Bei mehreren Zigtausend Therapeuten bayernweit entfallen jetzt 4-mal Zigtausend Behandlungsstunden und mit den „anderen Hilfsangeboten“ sehe ich vor allem im ländlichen Bereich schon ziemlich schwarz: Kollegen haben keine Behandlungsplätze, Beratungsstellen jeglicher Couleur Wochen bis Monate Wartezeit, Kliniken fünf Monate bis ein Jahr – also wohin mit den Leuten? Bleiben nur die Bezirkskrankenhäuser für Akutaufnahmen, davon das hiesige mit einem hohen Prozentsatz an Unterbesetzung mit Assistenzärzten, da stehen die Patienten nach drei Tagen wieder bei uns auf der Matte. Dieser Systemfehler ist damit nicht behoben.

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Nach meiner Erfahrung als Lehranalytikerin und Supervisorin arbeiten die meisten Therapeuten sehr viel, mehr als ihnen gut. tut und oft auch mehr, als es den Patienten guttut, diejenigen die weniger arbeiten, haben ihre guten Gründe dafür, die respektiert werden sollten.

Was wir brauchen, sind mehr niedrigschwellige (was für ein blödes Wort, eigentlich sollte es da gar keine Schwellen geben!) Angebote zur Krisenintervention in Form von Tag- oder Nachtkliniken – die ambulanten Praxen sollten vom Druck der Krisenpatienten entlastet werden, da sie die erforderliche Betreuung und vor allem Beaufsichtigung der Patienten ohnehin nicht gewährleisten können. Wer kennt nicht die durchzitterten Nächte am Telefon, in denen man sich fragt, ob man den Patienten nicht doch lieber in die Akutklinik hätte einweisen sollen, die man ihm gern erspart hätte, oder ob er es noch schafft. Hier sollte die nächste Strukturreform den Hebel ansetzen.

Ursula Mayr, 83236 Übersee am Chiemsee

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