ArchivRechercheHippolyte Bernheim (1840 bis 1919): Wegbereiter der Psychotherapie

THEMEN DER ZEIT

Hippolyte Bernheim (1840 bis 1919): Wegbereiter der Psychotherapie

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 74

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der französische Arzt und Hypnoseforscher Hippolyte Bernheim schuf mit seiner Suggestionslehre Grundlagen für die moderne Psychotherapie und Psychoanalyse. Sigmund Freud erhielt von ihm wesentliche Anregungen. Er starb vor 100 Jahren.

Hippolyte Bernheim sah alle hypnotischen Phänomene als rein psychische Erscheinungen an. Foto: picture alliance
Hippolyte Bernheim sah alle hypnotischen Phänomene als rein psychische Erscheinungen an. Foto: picture alliance

Seit den Anfängen der Medizin war die Krankenbehandlung in die Bereiche Chirurgie, Innere Medizin und Arzneimittellehre sowie eine Art Psychotherapie unterteilt. Letztere meinte ärztlichen Rat und Verhaltensregeln für die Kranken. Vorstellungen von Wechselwirkungen zwischen dem einzelnen Menschen und seiner Umwelt einschließlich der Gestirne waren Teil des magischen, astrologischen und alchemistischen Denkens. So findet sich in der Imaginationslehre des Paracelsus die Annahme, die Verzweiflung des Menschen könne die Pest hervorrufen. Diese Vorstellung griff der romantische Arztdichter Justinus Kerner auf, als er im frühen 19. Jahrhundert von der „geängstigten Imagination“ sprach, mittels deren man sich dämonische Krankheiten wie Pest und Cholera zuziehen könne; der „produktiven Imagination“ schrieb er heilende Wirkung zu. Ende des 18. Jahrhunderts wandte der Arzt Johann Christian Reil sich der „Irrenheilkunde“ und der „psychischen Kur“ zu. Psychotherapie als speziellen medizinischen Begriff führte jedoch der französische Arzt Hippolyte Bernheim ein. Mit seiner Suggestionslehre schuf er „die Grundlage für die moderne Psychotherapie und Psychoanalyse“ (Schott/Tölle). Sigmund Freud erhielt von ihm wesentliche Anregungen.

Anzeige

Gründung der Neuropathologie

1840 wird Bernheim in Mulhouse/Elsaß geboren. Er studiert in Straßburg und wird 1867 zum Doktor der Medizin promoviert. Danach arbeitet er als Lektor an der Universität und als Psychiater in eigener Praxis.

Mit Beginn der Neuzeit widmete sich die anatomische und physiologische Forschung zunehmend dem Gehirn und Nervensystem. Der schottische Arzt William Cullen (1710 bis 1790) begründete eine Neuropathologie, die alle Krankheiten direkt oder indirekt als Erkrankungen des Nervensystems auffasste. Dabei prägte er auch den Begriff „Neurose“. Seit der Antike sah man die Gebärmutter als Quelle zahlreicher Frauenkrankheiten an. Zwar erklärte der englische Anatom Thomas Willis die Hysterie im 17. Jahrhundert zur Hirnkrankheit, doch auch Cullen beschrieb den klassischen hysterischen Anfall noch als Affektion der Gebärmutter.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessiert sich der französische Neurologe Jean Marie Charcot für die Beschwerden der Hysterischen. Eine körperlich fassbare Ursache für ihre Leiden findet er nicht. Daher postuliert er für die Entstehung der Hysterie psychische Faktoren wie „wiederholte Schrecken“ und „Erinnerungen an Aufregungen aus der Jugend“. Berühmt sind seine Demonstrationen hysterischer Anfälle unter Hypnose. Dabei sieht er Hypnose als Symptom der Hysterie und ist der Ansicht, dass nur Hysterische hypnotisiert werden können. Den großen Anfall („grande hysterie“) unterteilt er in vier Phasen, die jedoch nicht alle vorhanden sein müssen.

Suggestion und Heilwirkung

Kritiker sehen in seinen Demonstrationen lediglich Akte der Dressur, welche nichts beweisen. Zu ihnen gehört Hippolyte Bernheim. Er verehrt Charcot als seinen „ausgezeichneten Lehrer“, doch folgen mag er ihm hier nicht. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg zieht er nach Nancy, wo er 1879 Professor für Innere Medizin wird. Vom Landarzt Auguste Liébault lernt er eine bestimmte Methode des Hypnotisierens: „Die Methode Liébaults besteht darin, wenn der Patient eingeschlafen ist, mit lauter Stimme vor ihm das Aufhören der Symptome, welche er verspürt, zu behaupten. (…) Im Jahre 1882 begann ich zunächst ohne alles Zutrauen schüchtern Versuche mit der suggestiven Therapie zu machen (…) Heute ist diese Methode auf meiner Klinik gang und gäbe, (…) und es vergeht vielleicht kein Tag, an dem ich (…) nicht zeigen kann, wie irgend eine functionelle Störung, ein Schmerz, eine Muskelschwäche, eine unangenehme Empfindung, Schlaflosigkeit etc. durch dieselbe augenblicklich behoben oder gemildert wird“, schreibt er in seinem Buch „Die Suggestion und ihre Heilwirkung“. Klar ist für ihn, dass Hypnose kein Krankheitssymptom ist und dass nicht nur Hysterische hypnotisiert werden können: „Es muss mit aller Entschiedenheit gesagt werden: Der hypnotische Schlaf ist kein pathologischer Zustand. Der Hypnotismus ist keine Neurose analog der Hysterie. (…) Die angeblichen physischen Phänomene der Hypnose sind nichts Anderes als psychische Phänomene; die Katalepsie, der Transfert, die Contracturen sind nichts als Wirkungen der Suggestion. (…) Der Schlaf ist selbst nur Wirkung einer Suggestion.“

Während Bernheim alle hypnotischen Phänomene als rein psychische Erscheinungen ansieht, postulieren Charcot und andere, wenigstens zum Teil, physiologische Veränderungen. In seiner Vorrede zu Bernheims Buch versucht der Übersetzer Freud, die Auseinandersetzung durch eine Definition der Suggestion zu entschärfen. Gegen den „schwankenden und vieldeutigen Gebrauch“ des Wortes fasst er Suggestion als eine Art der psychischen Beeinflussung. Im Unterschied zu anderen Arten der Beeinflussung, etwa „Befehl, Mitteilung oder Belehrung“ sei sie dadurch gekennzeichnet, „dass bei ihr in einem zweiten Gehirn eine Vorstellung erweckt wird, welche nicht auf ihre Herkunft geprüft, sondern so angenommen wird, als ob sie in diesem Gehirne spontan entstanden wäre.“ Ähnlich definiert Bernheim Suggestion als einen „Vorgang, durch welchen eine Vorstellung in das Gehirn eingeführt und von ihm angenommen wird“. Hypnotisieren lässt sich nur, wer daran glaubt: „Man darf sagen: Niemand kann hypnotisiert werden, der nicht daran glaubt, dass er hypnotisiert werden wird (...).“ Dabei besteht „die Aufgabe der hypnotischen Therapie (...) also darin, diesen besonderen psychischen Zustand durch den Hypnotismus hervorzurufen und die so künstlich herbeigeführte Steigerung der Suggerirbarkeit (sic!) zu Zwecken der Heilung oder Linderung von Leiden auszubeuten“. Im Unterschied zu Charcot widmen Liébault und Bernheim sich dem gesamten Spektrum funktioneller Störungen. Neben „hysterischen Affectionen“, die praktisch kaum eine Rolle spielen, behandeln sie Neurosen bei „organischen Erkrankungen des Nervensystems“, Neuropathien, „functionelle Lähmungen“, „Affectionen der Verdauungsorgane“, Schmerzen, „rheumatische Affectionen“ und Menstruationsbeschwerden. Klar ist für Bernheim: „Der menschliche Geist ist eine grosse Macht, und der Arzt, der heilen will, soll sich dieser Macht bedienen.“ Ziel der Psychotherapie ist es demnach, „den Geist eingreifen zu lassen, um den Körper zu heilen“. Mittel der Wahl bei der suggestiven Therapie ist das Wort. Manchmal müsse man alle Künste der Überredung anwenden, denn „im Schlafen wie im Wachen behält jeder Mensch seine psychische Individualität mit all den Eigenthümlichkeiten seines Charakters (…) bei“.

Unerwünschte Wirkungen der Behandlung sieht Bernheim darin, dass Menschen, die oft hypnotisiert wurden, zuweilen „zu leicht hypnotisierbar“ sind. Und manche Personen werden nach häufiger Hypnose „auch im wachen Zustande suggerirbar und hallucinationsfähig“. Hinweise auf eine geistige Schädigung durch Hypnose findet er nicht. Geisteskranke sind der Suggestivtherapie nicht oder nur sehr schwer zugänglich. Denn bei jeder Behandlung kämpft laut Bernheim die bewusste Fremdsuggestion des Therapeuten gegen die krankmachende Autosuggestion des Patienten. Machtlos ist die Therapie dann, wenn die Autosuggestion nicht durch ärztliche Suggestion korrigiert werden kann. Geisteskranke sind für Bernheim unheilbare „Autosuggestionisten“. Die meisten Psychiater teilen seine Einschätzung.

Können Hypnose und Suggestion Menschen zu Mördern machen? 1890 steht in Paris Gabrielle Bompard vor Gericht. Sie behauptet, ihr Geliebter habe ihr eingegeben, einen Mann in ihre Wohnung zu locken und zu töten. Der Prozess wird zu einer Auseinandersetzung der Schulen von Charcot und Bernheim. Während Charcot die Frage verneint, kann man laut Bernheim gewisse Somnambule mittels Suggestion „in Diebe, Fälscher und Mörder verwandeln“.

Bernheims Klinik in Nancy entspricht dem modernen Verständnis einer psychosomatischen Klinik. Laut Schott/Tölle ist im 19. Jahrhundert keine andere Klinik bekannt, in der körperliche Beschwerden primär psychotherapeutisch behandelt wurden. Etliche folgen Bernheims Einladung und besuchen ihn, um sich selbst ein Bild zu machen, etwa Freud, August Forel und Joseph Delboeuf. Ganz anerkannt ist die Hypnose gleichwohl nie. Ihren Kritikern ist sie nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Und Freud will die Hypnose überwinden. Zwar spricht er zunächst noch davon, „das reine Gold der Analyse mit dem Kupfer der Suggestion zu legieren“. Doch seine Aussage von der „zudeckenden“ Hypnose gegenüber der „aufdeckenden“ Psychoanalyse weist Hypnose und Suggestion eine nachrangige Bedeutung zu. Psychiatriehistorisch ist Hypnose mehr als nur eine Vorstufe auf dem Weg zur modernen Psychotherapie und Psychoanalyse. Im Rahmen ihrer Weiterentwicklung nutzen Therapeuten sie heute auch als einen Weg zum Unbewussten, und hypnotische Verfahren, etwa bei der Schmerzbehandlung, kommen gemeinsam mit anderen psychotherapeutischen Verfahren zum Einsatz.

Bernheim stirbt am 2. Februar 1919 in Paris. Christof Goddemeier

1.
Bernheim H: Die Suggestion und ihre Heilwirkung. Leipzig: Franz Deuticke Verlag 1888.
2.
Bernheim H: Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie. Leipzig: Franz Deuticke Verlag 1892.
3.
Bugmann M: Hypnosepolitik. Köln: Böhlau Verlag 2015.
4.
Nicolas S: L’hypnose: Charcot face à Bernheim. Paris: L’Harmattan 2004.
5.
Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
1. Bernheim H: Die Suggestion und ihre Heilwirkung. Leipzig: Franz Deuticke Verlag 1888.
2. Bernheim H: Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie. Leipzig: Franz Deuticke Verlag 1892.
3. Bugmann M: Hypnosepolitik. Köln: Böhlau Verlag 2015.
4. Nicolas S: L’hypnose: Charcot face à Bernheim. Paris: L’Harmattan 2004.
5. Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige