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Sexualisierte Gewalt: Das System hat versagt

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 120

Koch, Joachim

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Mit dem institutionellen sexuellen Missbrauch von Schülern der Odenwaldschule befassen sich zwei Bücher: Eines schildert die Geschichte der Entlarvung des Täters und Schulleiters Gerold Becker. Das andere fragt aus sozialpsychologischer Perspektive, wie es so weit kommen konnte.

Zufahrt zu dem Internat im hessischen Ober-Hambach kurz vor der Schließung im Jahr 2015. Foto: dpa
Zufahrt zu dem Internat im hessischen Ober-Hambach kurz vor der Schließung im Jahr 2015. Foto: dpa

Unglaublich erscheinen die Ereignisse in der Odenwaldschule, die in den letzten Jahrzehnten vor sich gegangen sind und denen Jürgen Oelkers (1) in seinem außerordentlichen Werk nachgeht. Er schildert minutiös die Geschichte der Entlarvung des Sexualtäters Gerold Becker. Was sich teilweise spannend wie ein Krimi liest, lässt auf der Seite der Betroffenen unsagbares Leid erahnen. So spielt der Tod eine bedeutende Rolle: nach schweren Traumatisierungen haben sich einige Betroffene das Leben genommen.

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Angeleitet hat den Erziehungswissenschaftler Oelkers die Frage, wie jemand in der Pädagogik Karriere machen konnte, der in Wahrheit ein Pädokrimineller war. Gerold Becker (1936–2010) war Schulleiter und Haupttäter des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener an der Oderwaldschule. Es gelang ihm, ohne eine pädagogische Ausbildung Leiter der Odenwaldschule zu werden und sich als begnadeter Pädagoge zu inszenieren. Becker wurde ein gefragter Redner und Berater in Schulfragen und gefeierter Autor. Der Aufstieg in die Spitze der Gesellschaft (als Leiter der Odenwaldschule) und das gleichzeitige Verweilen am Rand der Gesellschaft (als skrupelloser Triebtäter) waren ihm möglich, weil er von mächtigen Personen protegiert wurde.

Bedrängt, bedroht, verleumdet

Schockierend ist zu sehen, wie viele Menschen weggeschaut und die Betroffenen ihrem Leid überlassen haben. Becker selbst hat alles getan, damit nichts an die Öffentlichkeit gelangen konnte: Betroffene oder andere Beteiligte wurden bedrängt, bedroht und verleumdet, von der Schule entfernt. Wie Becker vorging, um Jugendliche sexuell auszubeuten, schildert Oelkers so: „Er nahm immer wieder Kontakte zu Jugendlichen auf, die in irgendeiner Notlage waren und denen gegenüber er sich fürsorglich zeigte. Damit machte er die Jugendlichen emotional abhängig (...).“

Die erste Entlarvung Beckers als Täter gelingt erst im Jahr 1999. Es ist erschütternd zu erfahren, dass sie wirkungslos bleibt. Becker spielt weiter den progressiven Pädagogen. Sein Freund, der Reformpädagoge und Publizist Hartmut von Hentig, hilft bei seiner Wiedereingliederung und die Öffentlichkeit schaut nicht richtig hin: Becker war glaubwürdiger als die Opfer. Es braucht bis März 2010, als die Fassade einstürzt. Beckers Doppelleben ist aufgefallen, die Beweise für seine Taten waren überwältigend. Aus einem gefeierten Reformpädagogen wurde eine Unperson, der jeglicher öffentlicher Kredit entzogen wurde. Becker selbst hat persönliche Schuld nicht wirklich eingestanden, kein Mitgefühl mit dem Leid der Opfer gezeigt oder zeigen können. Päderasten idealisieren das, was sie Kindern antun, schreibt Oelkers dazu: „Ich habe eine gute Zeit gehabt“, sagt der Narzisst Becker und verhöhnt damit wieder seine Opfer. Hentig beteuert, dass er nichts von dem gewusst habe, was seinem langjährigen Freund vorgeworfen werde. Er sagt auch, dass es sein könne, dass Becker „verführt worden ist“. „Dieses Zitat“, schreibt Oelkers, „kostet Hentig den Kopf und ist der Schlüssel zu seinem Sturz.“

Ende der Vorstellung: Im Jahr 2015 muss das Landerziehungsheim der deutschen Reformpädagogik Insolvenz anmelden und wird geschlossen. Der massive Missbrauch bricht der Odenwaldschule das Genick. Wissenschaftler haben inzwischen damit begonnen die Missbrauchsgeschichte an der Odenwaldschule aufzuarbeiten.

Sozialpsychologische Forschung

Der ehemalige Schulleiter Gerold Becker während des Unterrichts in den 70er-Jahren. Er gilt in der Missbrauchsaffäre der Odenwaldschule als Hauptbeschuldigter.
Der ehemalige Schulleiter Gerold Becker während des Unterrichts in den 70er-Jahren. Er gilt in der Missbrauchsaffäre der Odenwaldschule als Hauptbeschuldigter.

Ein gutes Stück der weiteren wissenschaftlichen Aufarbeitung haben Keupp et al. gerade vorgenommen (2). In diesem sozialpsychologischen Forschungsprojekt wurde mit qualitativen Interviews gearbeitet. Dabei standen zwei Fragen im Mittelpunkt: Worin bestanden die strukturellen und kulturellen Bedingungen, die die Entstehung und Aufrechterhaltung sexualisierter Gewalt über eine so lange Zeit begünstigt haben? Wie ging die Institution mit Hinweisen auf sexualisierte Gewalt in ihren eigenen Reihen um und warum blieben diese bis zum Jahr 2010 weitgehend im Dunkeln? Zur ersten Frage haben die Forscher drei zentrale Analysekategorien herausgearbeitet, die die institutionelle Struktur kennzeichnen. Es handelt sich um Fragmentierung, Regellosigkeit und Selbstreferenzialität. Zum Begriff Fragmentierung ist festzustellen, dass Berichte über die Odenwaldschule deutliche Widersprüche aufwiesen und dass es die Schule als konsistente soziale und pädagogische Formation nicht gab. Es hatten sich verschiedene Subkulturen herausgebildet, in denen die Schüler ganz unterschiedliche Erfahrungen machen konnten. Sexualisierte Gewalt war nicht offen legitimiert. Viele Familienoberhäupter arbeiteten in ihrer Pädagogik sehr wohl mit klaren Regeln, die die persönlichen und körperlichen Grenzen der ihnen anvertrauten Schüler respektierten, und sie stellten bestimmte Entwicklungsanforderungen an die Jungen und Mädchen. Innerhalb der fragmentierten Struktur konnten sich Räume der Regellosigkeit herausbilden. Schädigende Subsysteme entwickelten sich weitgehend unbehelligt. Hier muss auf die ausgeprägte Autarkie der einzelnen Internatsfamilien hingewiesen werden. Weil es keine auf der Basis eines umfassenden Fachdiskurses validierte Sexualpädagogik gab, waren die Schüler in ihrer sexuellen Sozialisation ihren Familienoberhäuptern in gewisser Weise ausgeliefert.

An der Odenwaldschule war eine Regelunsicherheit verbreitet, auch ein Misstrauen gegenüber Regeln. Grundlage war ein ideologisch begründeter Verzicht auf Regeln (und damit eine Ablehnung von Gesetz, Ordnung, Autorität, Macht und Gewalt), überkommene Erziehungsvorstellungen wurden abgelehnt. Die Kinder sollten nicht verbogen werden, sondern sich frei entfalten können. Diese praktizierte Regellosigkeit war institutionell mehr oder weniger akzeptiert. Die Regellosigkeit bereitete den Boden für sexualisierte Gewalt und erschwerte deren Aufdeckung. Selbstreferenzialität als drittes Strukturelement bezieht sich auf den Gesichtspunkt, dass sich die Odenwaldschule als „eigene Welt“ konstruierte. Die kritische Reflexion der eigenen Pädagogik, der Austausch mit anderen Bildungsträgern fehlte nahezu völlig. Zur zweiten Frage stellt das Autorenteam grobe Versäumnisse aller Akteure fest. Fast durchgängig glaubten die Eltern ihren Kindern nicht und nahmen sie in ihrer Not gar nicht wahr. Es fehlte ihnen auch an Wissen über sexualisierte Gewalt. Trotz gegenteiliger Information hielten sie an der Überzeugung fest, dass ihre Kinder an einem „guten Ort“ untergebracht waren.

Ringe des Schweigens

Im Weiteren analysieren die Autoren die Beteiligungen der Lehrer, der Schulleitungen sowie der externen Instanzen und es wird gezeigt, wie Ringe des Schweigens um die sexualisierte Gewalt gelegt wurden. Der Leitung kommt bei der Aufdeckung sexualisierter Gewalt innerhalb einer Institution eine besondere Bedeutung zu. Von 1972 bis 1985 war über die Schulleitung keine Aufdeckung der sexualisierten Gewalt möglich, weil Gerold Becker als verantwortlicher Leiter selbst der Haupttäter war. Wie bei fast allen Aufarbeitungsprojekten ist auch bei der Odenwaldschule die entscheidende Initiative von ehemaligen Schülern ausgegangen.

Aus einem wichtigen schulischen Reformversuch ist ein System von vielfältigen Grenzüberschreitungen und Missbrauchshandlungen entstanden, von dem die Institution schließlich zerstört wurde. In verschiedenen Phasen hätte das Missbrauchssystem analysiert und überwunden werden können. Dass dies nicht geschah, darf nicht nur an einzelnen Tätern festgemacht werden, sondern ist einem Jahrzehnte währenden Systemversagen geschuldet. Schließlich stellt das Autorenteam die Fragen, ob wir trotz gesellschaftlicher Diskurse, gesetzlicher Veränderungen und institutioneller Schutzkonzepte inzwischen weitergekommen sind und ob zentrale Fragen der Macht und des Machtmissbrauchs in pädagogischen Institutionen inzwischen hinreichend in Augenschein genommen werden. Joachim Koch

1.
Oelkers J: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Weinheim: Beltz Verlag 2016.
2.
Keupp H, Mosser P, Busch B, Hackenschmied G, Straus F: Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Heidelberg: Springer Verlag 2019.
1.Oelkers J: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Weinheim: Beltz Verlag 2016.
2.Keupp H, Mosser P, Busch B, Hackenschmied G, Straus F: Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Heidelberg: Springer Verlag 2019.

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