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Chronischer Schmerz: Kommunikationsstörung auf vielen Funktionsebenen

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 134

Koch, Joachim

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Auf überzeugende Weise konzipiert Hanne Seemann chronischen Schmerz in ihrem neuen Buch als eine Kommunikationsstörung auf vielen Funktionsebenen: Sie vertritt ein hypnosystemisches Schmerzverständnis (Hypnotherapie nach Milton Erickson und Systemische Therapie), das sie im ersten von drei Buchteilen einem psychoanalytischen entgegenstellt und mit einem verhaltenstherapeutischen Schmerzkonzept vergleicht. Sie stellt fest, dass die verhaltenstherapeutische Schmerztherapie auch heute noch erheblich an dem Vorgehen krankt, dass dem Patienten zuerst einmal vor Augen gehalten wird, was alles mit seinem Schmerz negativ zusammenhängt und wie schlecht es ihm wirklich geht.

Statt eines Krankheitsmodells legt die Autorin dem Schmerzgeschehen ein Störungsmodell zugrunde, das eine solche pessimistische Sichtweise nicht rechtfertigt. Schmerzen werden als Notruf des Körpers gesehen, die verstanden werden müssen. Deshalb helfen standardisierte Tests und Fragebögen nicht in erster Linie weiter, sondern Diagnostik und Therapie haben sich der Eigensprache des Patienten und der Sprache seines individuellen Körpers zuzuwenden. Bei Schmerzen ohne Organbefund besteht die Schmerzdiagnostik aus systemischer Sicht darin, danach zu schauen, wann und wo der Schmerz nicht da ist, wann und wo das psychophysische System gut und störungsfrei funktioniert.

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Im zweiten Buchteil stellt Seemann die hypnosystemische Schmerztherapie in der Praxis vor. Nach Erstgespräch und Beratung geht es im weiteren therapeutischen Verlauf darum, auf Imbalancen und Einseitigkeiten zu achten. In einem Kapitel über therapeutische Wirkfaktoren werden die Wichtigkeit der Beziehungsgestaltung, die Beziehung des Patienten zu sich selbst und die Macht der inneren Bilder thematisiert. Das system- und hypnotherapeutische Vorgehen fordert von Therapeuten eine besondere Haltung: Sie „verführen“ ihre Patienten dazu, ihre eigenen Wege zu gehen (gegensätzlich ist die direktiv-verhaltenstherapeutische Anwendung von Hypnose). Die Autorin illustriert das alles wieder mit vielen Fallbeispielen aus ihrer langjährigen Praxis.

Äußerst spannend ist auch der dritte Teil des Buches, in dem die Migräne, Spannungskopfschmerzen, das Fibromyalgie-Syndrom, Rückenschmerzen sowie Schmerzen in Zusammenhang mit einem Trauma behandelt werden. Die Autorin bricht eine Lanze für die multimodale Schmerztherapie in psychosomatischen Kliniken, aus deren breitem Angebot sich die Patienten selbst nützliches heraussuchen können und sie besteht auf der Wichtigkeit selbst organisierten Tuns. Diese individuellen Suchprozesse sollen von Therapeutenseite immer angeregt und gefördert werden. Joachim Koch

Hanne Seemann: Schmerzen – Notrufe aus dem Körper. Hypnosystemische Schmerztherapie. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018. 277 Seiten, kartoniert, 29,00 Euro

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