ArchivRechercheErik H. Erikson: Pionier der Identitätskrise und Freidenker

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Erik H. Erikson: Pionier der Identitätskrise und Freidenker

PP 18, Ausgabe Mai 2019, Seite 220

Goddemeier, Christof

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Vor 25 Jahren starb der Psychoanalytiker und Ich-Psychologe Erik H. Erikson. Er gilt als bedeutender Vertreter der Psychoanalyse nach dem Zweiten Weltkrieg.

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„Die Psychoanalyse muss neben der Autonomie des Ichs auch eine Autonomie des sozialen Geschehens anerkennen.“ Erik H. Erikson, 1957. Foto: ullstein
„Die Psychoanalyse muss neben der Autonomie des Ichs auch eine Autonomie des sozialen Geschehens anerkennen.“ Erik H. Erikson, 1957. Foto: ullstein
p class="Grundschrift_Initial">Weltoffen und kreativ suchte er seine psychotherapeutische und wissenschaftliche Arbeit mit der des Schriftstellers, Kulturhistorikers und Pädagogen zu verbinden und entwickelte seine eigene Auffassung von der Psychoanalyse. Ein geschlossenes Gedankengebäude hinterlässt er nicht. „Ich bin von der Kunst her zur Psychologie gelangt, was den Umstand erklären, wenn auch nicht rechtfertigen mag, dass der Leser zeitweise finden wird, ich malte Zusammenhänge und Hintergründe, wo er lieber Hinweise auf Fakten und Begriffe sähe“, schreibt er. Mit seinem Buch „Kindheit und Gesellschaft“ wurde Erikson über psychologische Fachkreise hinaus bekannt. Theoretisch entwickelte er die klassische Ich-Psychologie weiter. Mit seiner Betonung kultureller Zusammenhänge sowie ethischer, humanistischer und religiöser Faktoren rückt sein Denken in die Nähe von Vertretern der Neopsychoanalyse, etwa Karen Horney und Erich Fromm.

Rätsel der Herkunft

1902 wird Erikson in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter Karla Abrahamsen entstammt einer wohlhabenden jüdischen Familie in Dänemark. Kurz nach ihrer Hochzeit mit dem Börsenmakler Valdemar Salomonsen verlässt dieser seine schwangere Frau. Doch Salomonsen ist nicht Eriks Vater. Als Erik drei Jahre alt ist, heiratet seine Mutter den Karlsruher Kinderarzt Theodor Homburger. In dessen Haus erlebt Erikson eine behütete Kindheit. Früh zeigen sich musikalische und künstlerische Begabung. Mutter und Stiefvater verschweigen ihm den Namen seines leiblichen Vaters, zeitlebens gelingt es Erikson nicht, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen. Homburgers Wunsch, er möge Medizin studieren und seine Praxis übernehmen, entspricht Erikson nicht und durchlebt sieben überwiegend ziellose Jahre. Mehrmals beginnt er eine künstlerische Ausbildung und bricht sie wieder ab. Er selbst beschreibt sich in dieser Zeit als „borderline-Charakter (…) an der Grenze zwischen Neurose und Jugendpsychose“. 1927 bittet ein Jugendfreund ihn, in einer neu gegründeten Wiener Privatschule die Kinder amerikanischer Psychoanalyse-Anhänger zu unterrichten. Hier kommt Erikson mit der Psychoanalyse in Berührung. Er absolviert eine Analyse bei Anna Freud und studiert die Pädagogik Maria Montessoris.

Schon Sigmund Freud hatte in seinen Schriften Probleme des Ich erörtert. In ihrem Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ (1936) fasst Anna Freud die ich-psychologischen Erkenntnisse erstmals in einem System zusammen. Drei Jahre später veröffentlicht Heinz Hartmann „Ich-Psychologie und Anpassungsproblem“. Gemeinsam mit den jüngeren Psychoanalytikern, etwa Harald Schultz-Hencke, Horney und Fromm, wertet er das Ich auf und weist der Sexualität im Seelenleben eine untergeordnete Rolle zu. Hartmann spricht von einer „konfliktfreien Zone im Ich“. Damit anerkennt er eine gewisse Autonomie des Ich.

1929 heiratet Erikson die aus Kanada stammende Joan Serson. Im Laufe der Jahre werden vier Kinder geboren. 1934 emigriert Erikson mit seiner Familie in die USA, fünf Jahre später wird er amerikanischer Staatsbürger und nennt sich seitdem Erik H.(omburger) Erikson. In Boston arbeitet er in eigener kinderanalytischer Praxis. Seine Karriere ist bemerkenswert: Ohne einen Hochschulabschluss wird er in den folgenden Jahrzehnten Professor einer Elite-Universität, mehrfacher Ehrendoktor und Pulitzer-Preisträger.

Entwicklung: Folge von Krisen

Freud hat die Entwicklung im Kindes- und Jugendalter dargelegt. Erikson beschreibt nun die menschliche Entwicklung bis ins hohe Alter, fasst sie als Folge von Krisen auf und verbindet sexuelle und soziale Entwicklung. Zudem benennt er Wechselwirkungen zwischen der Kindererziehung und den Lebensformen und -zielen der Gesellschaft. In „Kindheit und Gesellschaft“ (1950) führt er die acht Stufen des menschlichen Lebenszyklus aus – das „Herzstück der Eriksonschen Theorie“ (Conzen). Demnach ist jedes Individuum von der Geburt bis zum Tod mit acht Grundproblemen der menschlichen Existenz konfrontiert, die es im Wechselspiel mit der Gesellschaft zu bewältigen gilt. Bleibt eine Aufgabe unerledigt oder gelingt ihre Bewältigung nur zum Teil, wird sie zur Quelle von Angst und Neurose. Dabei steht die schicksalhafteste und folgenreichste Entwicklungskrise gleich am Anfang jedes Lebens – die Frage, ob aus den frühen Kontakten zur Welt eher ein Grundvertrauen oder eher ein Grundmisstrauen resultiert. Bei seiner Arbeit versteht Erikson sich stets als Schüler Freuds. Dessen Werk ist für ihn „der Felsen“, auf dem er aufbaut, die „ursprüngliche (…) Kraft und Quelle der Inspiration“ (1975). Doch trotz seiner Bewunderung hält er Freuds Thesen über Kindheit und Charakterentwicklung nicht für unabänderlich. Er richtet seinen Blick mehr auf die gesunden Anteile und das schöpferische Potenzial jedes Menschen, weniger auf die Psychopathologie. Wie andere Neopsychoanalytiker anerkennt Erikson Freuds Modell der Libidophasen. Doch bezweifelt er mit ihnen, dass dieses Modell geeignet ist, die Vorgänge zwischen Eltern und Kind zu beschreiben. Denn hier ereignen sich ihm zufolge nicht „Trieb-Dynamismen“ (Rattner), sondern soziale Interaktionen und emotionale Wechselwirkungen, und zwar in beiden Richtungen: Eltern „müssen sich zusammen mit den Kindern entwickeln. Wir verfälschen die Situation, wenn wir (…) annehmen, die Eltern ‚hätten‘ bei der Geburt des Kindes diese oder jene eigene Persönlichkeit und verstießen nun, statisch beharrend, gegen das arme kleine Ding. (…) Kleine Kinder beherrschen und erziehen ihre Familien genau so weitgehend, wie sie von jenen beherrscht werden: wir können ruhig sagen, dass eine Familie ein Kind erzieht, indem sie von ihm erzogen wird.“ (1950)

Mit der Identität beschäftigt die Psychoanalyse sich laut Erikson zu einem Zeitpunkt, als die Beschäftigung damit dringlich ist, ähnlich „wie es das Studium der Sexualität zu Freuds Zeiten war“ (1982). Außer Alfred Adlers „Minderwertigkeitskomplex“ ist kaum ein psychologischer Fachbegriff populärer geworden als „Identität“ und „Identitätskrise“. Freud hat das Wort Identität nur einmal benutzt und damit seine Gefühlsbande an das jüdische Volk ausgedrückt: „die Heimlichkeit der gleichen seelischen Konzentration“ und ein Denken, das frei macht von „vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten“. In Eriksons Beschreibungen tauchen drei Komponenten von Identität immer wieder auf: Gleichheit, Kontinuität und soziale Wechselseitigkeit. Identität definiert er als das „angesammelte Vertrauen darauf, dass der Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat, eine Fähigkeit entspricht, eine innere Einheitlichkeit und Kontinuität (also das Ich im Sinne der Psychologie) aufrechtzuerhalten“ (1981). Freud hatte das Ich als „armes Ding“ beschrieben, das von den „drei Zwingherren“ Es, Über-Ich und Realität unterworfen wird. Dem gegenüber drückt Eriksons Identitätsbegriff Gesundheit und Autonomie aus, das Empfinden, „Herr seines Körpers zu sein, zu wissen, dass man ‚auf dem rechten Weg ist‘, und eine innere Gewissheit, der Anerkennung derer, auf die es ankommt, sicher sein zu dürfen“ (1981). Dabei trennt er bewusste und unbewusste Ich-Anteile. Unbewusste Anteile nennt er das „Ego“. Das Ich als Subjekt der Wahrnehmung und Instanz des Willens ist für Erikson bewusst. Wenn wir über uns nachdenken, teilt unser Ich sich in einen beobachtenden und einen beobachteten Teil. Letzteren nennt Erikson das Selbst, welches wiederum aus mehreren „Selbsten“ bestehe. Dabei sollte „die Bezeichnung ‚Ich‘ für das Subjekt, die Bezeichnung ‚Selbst‘ für das Objekt reserviert werden. Es stünde dann dem Ich als der organisierenden Zentralinstanz im Laufe des Lebens ein veränderliches Selbst gegenüber, das jeweils verlangt, mit allen zurückliegenden und in Aussicht stehenden Selbsten in Übereinstimmung gebracht zu werden“ (1981). Gelingt es nicht, Identität zu gewinnen, resultiert „Identitätsdiffusion“ – die betreffende Person erlebt sich als uneinheitlich und situationsabhängig mal als diese, mal als jene Teilpersönlichkeit. Erikson zufolge ist die Pubertät, die Phase fünf seines Lebenszyklus, durch die Spannung zwischen Identität und Identitätsdiffusion gekennzeichnet.

Wenn Erikson Psychoanalyse mit Sozialpsychologie, Soziologie und Kulturanthropologie zu verbinden sucht, entfernt er sich von Freud. Ihm zufolge kann man die Gesellschaft nicht mit Begriffen der Massenpsychologie beschreiben, wie Freud es getan hat. Und Freuds Bezeichnung der Soziologie als „angewandte Psychologie“ verkennt laut Erikson die Eigendynamik gesellschaftlicher und ökonomischer Kräfte. Die Psychoanalyse müsse „neben der Autonomie des Ichs auch eine Autonomie des sozialen Geschehens anerkennen.“ (1957)

Ethnologische Forschungen führen Erikson zu den Sioux-Indianern in Süd-Dakota und den Yurok-Indianern in Nordkalifornien. Psychohistorische Studien widmen sich Martin Luther und Mahatma Gandhi. Am 12. Mai 1994 stirbt Erik H. Erikson in Harwich, Massachusetts. Christof Goddemeier

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1.
Conzen P: Erik H. Erikson und die Psychoanalyse. Kröning: Asanger Verlag GmbH 1990.
2.
Conzen P: Erik H. Erikson. Grundpositionen seines Werks. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH 2010.
3.
Pongratz L: Hauptströmungen der Tiefenpsychologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1983.
4.
Rattner J: Erik H. Erikson. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union 1990.
1. Conzen P: Erik H. Erikson und die Psychoanalyse. Kröning: Asanger Verlag GmbH 1990.
2. Conzen P: Erik H. Erikson. Grundpositionen seines Werks. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH 2010.
3. Pongratz L: Hauptströmungen der Tiefenpsychologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1983.
4. Rattner J: Erik H. Erikson. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union 1990.

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