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Psychotraumatologie: Nichts für spirituelle Skeptiker

Kattermann, Vera

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Es wird nicht jedermanns Sache sein: Psychotraumatologische Behandlungszugänge um spirituelle Zugänge zu erweitern. Gemeinhin werden Versuche dieser Art skeptisch beäugt, die jeweiligen psychotherapeutischen Methoden sollen für sich wirken. In einigen therapeutischen Konzepten, wie etwa der Logotherapie von Viktor Frankl, werden spirituelle Aspekte ja durchaus thematisiert. Achtsamkeitsbasierte Zugänge sind von buddhistischen Einflüssen inspiriert. Und viele Psychotherapeutinnen und -therapeuten haben eine religiöse oder spirituelle Orientierung, halten diese aber von ihrem beruflichen Tun getrennt. Doch gerade die Traumatherapie kann profitieren, wenn sie auch ein spirituelles Verständnis einbezieht, so der Psychiater und Anthroposoph Christian Schopper. Denn traumatischen Erfahrungen ausgesetzt zu sein bedeutet ja das Erleben einer existenziellen Schwellensituation. Der oder die Betroffene gerät an Grenzen des Erträglichen, des Lebens oder in die Nähe vom Grenzbereich des Todes. Die Erschütterung der Beheimatung in einer ausreichend sicheren Welt kann nicht nur als existenzielle Bedrohung und Verlust erlebt werden, sondern den Keim für seelische und spirituelle Weiterentwicklung in sich tragen und letztlich zu einer Vertiefung und Intensivierung des Seins führen. Kann, nicht muss – alles andere wäre eine Verkitschung der Abgründe.

Christian Schopper stellt als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und langjähriger Klinikleiter einen anthroposophischen Zugang zur Traumabehandlung vor, der sich auch auf das Konzept des posttraumatischen Wachstums (posttraumatic growth) bezieht. Damit wird die wiederkehrende Beobachtung beschrieben, dass viele Patientinnen und Patienten – bei ausreichend vorhandener Ich-Stärke – im Zuge gelingender Traumaarbeit einen Zuwachs an Lebendigkeit erleben. Im Bewusstwerden einer psychischen Stärke und Widerstandskraft, in der Intensivierung persönlicher Beziehungen oder in der Vertiefung spiritueller Ausrichtung.

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Das Handbuch ist für Behandler wie Betroffene geschrieben; es eignet sich gut für die Psychoedukation von Patienten. Im theoretischen Teil werden die Hintergründe wie auch die körperlichen, seelischen und sozialen Folgen einer Traumatisierung ausführlich und leicht verständlich beschrieben. Ebenso umfassend informiert es über unterschiedliche Behandlungszugänge und arbeitet die Spezifika einer anthroposophisch orientierten Traumatherapie heraus. Der Fokus wird hier auf die Förderung von Resilienz und Ich-Stärke gesetzt, die auch eine Körper- beziehungsweise Leibdimension einschließt. Das anthroposophische Behandlungskonzept versucht, die Seele mehrdimensional anzuregen – körperlich, sinnlich, musisch, ästhetisch und geistig. Darin demonstriert das Buch, was es vermitteln will: denn die sorgfältige farbige Gestaltung mit zahlreichen Bildern, Zitaten und Gedichten wirkt ansprechend und konkret ermutigend.

Für spirituelle Skeptiker dürfte das Buch jedoch eine Zumutung darstellen. Vera Kattermann

Christian Schopper: Trauma überwinden. Ein Handbuch für Therapeuten und Betroffene. Aethera Verlag, Stuttgart 2019, 251 Seiten, kartoniert, 24,00 Euro

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