ArchivRecherchePsychoanalyse und Digitalisierung: Vielzahl an hochrelevanten Perspektiven

BÜCHER

Psychoanalyse und Digitalisierung: Vielzahl an hochrelevanten Perspektiven

Kattermann, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Spätestens die politisch forcierte Einführung der Tele­ma­tik­infra­struk­tur hat das Thema der Digitalisierung des Alltags auch für Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen in den Fokus gerückt. Aber wir alle erfahren es ja schon seit Längerem: Die alltägliche Nutzung digitaler Medien bedeutet einen rasanten technischen und kulturellen Wandel, der in seinen seelischen Folgewirkungen eingehend reflektiert und diskutiert werden sollte. Mit ihm verknüpfen sich zahlreiche Fragen und Kontroversen, seine Auswirkungen erweisen sich als ambivalent und verunsichern – und doch unterliegen wir alle dem „Faszinosum des Digitalen“ (Jürgen Hardt im besprochenen Band). Höchste Zeit also, dass die Folgen der Digitalisierung für Psyche und Kultur auch eingehender aus psychoanalytischer Warte beleuchtet werden. Der letzte Sonderband der Zeitschrift PSYCHE vereint dazu eine Vielzahl an hochrelevanten Perspektiven. Stellvertretend seien hier nur zwei eingehender erwähnt.

Die englische Professorin und Kinder und Jugendlichenanalytikerin Alessandra Lemma untersucht in ihrem Beitrag die sexuelle Identitätsbildung im digitalen Zeitalter. Das Internet mit seinem potenziell grenzenlosen Zugang zur Cyber-pornografie schaffe ein sexuell grenzenloses Klima, das die Identitätsbildung erschweren könne. Für die sexuelle Selbstfindung brauche es Spiegelung. Heutige Jugendliche aber fänden im „schwarzen Spiegel“ von Monitor oder Smartphone eine „Orgie an Möglichkeiten“, die intrusiv-„einpushenden“ Charakter habe. Auch wenn die schamfreie anonyme Onlineverständigung mit Gleichgesinnten entlastend wirken könne, so schließe doch die Vielzahl und Intensität der Bilder die tastende Erforschung der Spezifität des eigenen Begehrens eher aus und programmiere für real gelebte Sexualität Enttäuschung vor. Die Aufgabe, Begehren im Kontext einer realen Bindung zu entwickeln und zu leben, werde dadurch mühsamer. Eltern (und Therapeutinnen und Therapeuten) seien also angehalten, mit ihren Kindern respektvoll über Erfahrungen mit der Cyberpornografie zu sprechen und müssten sich dafür eventuell auch mit der eigenen Sexualität neu auseinandersetzen.

Anzeige

Eine ganz andere Perspektive untersucht Jürgen Thorwart in seinem Aufsatz, nämlich die Auswirkungen des Digitalen auf unser psychoanalytisches Arbeiten. Er fragt, ob und wie das, was Psychoanalyse ausmache, im Bereich des Virtuellen möglich sei. Er unterzieht dabei sowohl die Digitalisierung im psychotherapeutischen Praxisalltag als auch die Möglichkeiten einer internetbasierten Psychotherapie einer kritischen Draufsicht. Tatsächlich sind ja inzwischen ärztliche und psychotherapeutische Onlinebehandlungen nicht nur erlaubt, sondern vom Gesetzgeber explizit erwünscht. Aber können wir dann überhaupt noch vom „geschützten Raum“ der therapeutischen Beziehung sprechen? Verführt die digitale Situation nicht zu Abstinenzbrüchen, da zeitliche und räumliche Rahmungen schneller verwischen? Grenzen sind im virtuellen Raum viel klarer zu ziehen, allein schon in Bezug auf die Frage, wie schnell und wann Mails/WhatsApp-Nachrichten zu beantworten sind. Aber was passiert real und was passiert in der Fantasie mit vertraulichen Daten und vertraulichen Eröffnungen der Patienten – gerade da wo die neuen Technologien mit Kommunikationsstörungen oder Updatefehlern verbunden sind? Stehen Virtuelles, Fantasiertes und Leibliches durch die Digitalisierung nicht in einem starken Spannungsverhältnis, das Sprengkraft entwickeln kann und deswegen in seinen Paradoxien verstanden werden muss? Thorwart sensibilisiert in seiner Diskussion für die zweischneidigen Auswirkungen der aktuellen gesetzlichen Vorgaben zur Digitalisierung ebenso wie für die vielschichtigen und oftmals ambivalenten Folgen für unser Arbeitsfeld im Unbewussten und plädiert zugleich für eine suchende Haltung in der Auseinandersetzung mit den digitalen Möglichkeiten und Grenzen.

Diese beiden Beiträge bilden nur einen Bruchteil der erfreulich vielfältigen Diskussion des Bandes ab, der zudem Themen wie den kindlichen Gebrauch von Smartphones, die Entkörperung in der Nutzung digitaler Geräte, Aggressionen in männlichen Internetsubkulturen oder aber die psychische Bedeutung des digitalen Messens, Zählens und Vergleichens fokussiert. Um nicht der Gefahr zu erliegen, dass wir als (ältere) Psychotherapeuten gänzlich dem Kulturpessimismus verfallen, bliebe weiterhin die Faszination des Digitalen zu erklären – die mit Martin Altmeyer im besprochenen Band auch als Geschenk der Resonanz begriffen werden könnte. Im Verlangen nach sozialer Resonanz ermögliche uns laut Altmeyer die digitale Kommunikation, in Verbindung zu sein – und uns darin gemeint, gesehen und angesprochen zu fühlen. Der Cyberspace sei ein Möglichkeitsraum, der nicht nur der Flucht aus der sozialen Realität diene, sondern zugleich Teil von ihr sei. Das Internet funktioniere nach einer Formel der individuellen wie kollektiven Selbstvergewisserung: „Ich werde gesehen, also bin ich!“ Die so postulierte Attraktivität der neuen Medien ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für eingehendere Diskussionen. Das vorliegende Sonderheft der PSYCHE regt auf sehr gelungene Weise dazu an. Vera Kattermann

PSYCHE – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, Heft 09/2019: Digitalisierung – Folgen für Psyche und Kultur. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019, 250 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Anzeige