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Traumatisierung durch virtuelle Prostitution: „Die Kinder begreifen nicht, was mit ihnen geschehen ist“

Merten, Martina

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Das Ausmaß psychischer Störungen durch Cybersexmissbrauch von Kindern offenbart sich häufig erst viele Jahre nach dem Verbrechen. Auf den Philippinen – der weltweiten Hochburg von Kinderprostitution im Livestream – sind die meisten Opfer lebenslang auf sich alleine gestellt. Immerhin für einige gibt es so etwas wie Hoffnung.

„Ich mochte es nicht, ich wollte es nicht, aber ich hatte Angst vor der Frau.“ Die 14-jährige JM lebt seit Ende 2019 im Good Shephard Home auf Cebu. Fotos: Benjamin Füglister
„Ich mochte es nicht, ich wollte es nicht, aber ich hatte Angst vor der Frau.“ Die 14-jährige JM lebt seit Ende 2019 im Good Shephard Home auf Cebu. Fotos: Benjamin Füglister

Der Raum umfasst vielleicht 20 Quadratmeter. In der einen Ecke befindet sich eine Kochnische. Am anderen Ende stehen zwei Tische. Einige Malbücher liegen darauf. Die wenigen Regale im Zimmer sind kaum gefüllt. 21 Kinder verteilen sich auf diesen Raum. Das jüngste von ihnen ist etwa vier Jahre alt. Die ältesten, drei Jungen, 14 Jahre. Obwohl sie noch Kinder sind, gleicht ihr Blick dem von Erwachsenen. Die Jungen stehen mit dem Rücken zur Wand. Zu tun gibt es für sie hier nichts in dem Raum. Ausmalen langweilt sie. Herausgehen dürfen sie nur zu bestimmten Zeiten am Tag. Das Gelände, auf dem sich das Gebäude mit dem Aufenthaltsraum für die Kinder befindet, ist eingezäunt. Es liegt inmitten der Stadt Cebu, auf der Inselgruppe der Visayas, auf den Philippinen.

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Der Raum, in dem sich die Kinder befinden, ist das neue, temporäre Zuhause für Kinder, die Opfer von Cybersexprostitution geworden sind. Die Philippinen gelten als weltweit größte Quelle für sexuellen Missbrauch von Kindern im Livestream. Eines von fünf Kindern, das geht aus der Nationalen Basisstudie zu Kindergewalt von UNICEF hervor, hat schon einmal sexuelle Gewalt erleben müssen. Hier – dem bislang einzigen Assessment-Zentrums des Archipels – bringen Polizisten und Sozialarbeiter die Kinder direkt im Anschluss an ihre Rettung hin. „Optimalerweise soll das Assessment der Kinder die Dauer von zwei Wochen nicht überschreiten“, berichtet die Leiterin des Zentrums, Clara Nemia C. Antipala. Danach bekommen die Kinder mit etwas Glück einen Platz in einem der staatlichen oder privaten Rehabilitationszentren, die es auf den Philippinen gibt. Manche Kinder, insbesondere Jungen, blieben allerdings länger hier. „Für sie gibt es bislang keine Nachsorge,“ sagt Antipala ernüchtert.

Auch oft Trauma der Rettung

Was als Assessment bezeichnet wird, folgt einem vorgegebenen Muster: Zunächst findet ein 45-minütiges Gespräch mit dem betroffenen Kind statt. „Einige Betroffene reden unmittelbar von dem Missbrauch. Andere, insbesondere die Jüngeren, begreifen nicht wirklich, was mit ihnen geschehen ist“, berichtet die Sozialarbeiterin des Zentrums, Brenda B. Abilo. Dem Erstgespräch folgt eine Fallkonferenz. Hieran nehmen Vertreter einer Sonderkommission der lokalen Polizei, auf Cybersexprostitution spezialisierte Anwälte und ein für den Fall zuständiger Sozialarbeiter des Ministeriums für Soziale Wohlfahrt und Entwicklung (DSWD) teil. Sie stufen den Grad des Missbrauchs ein und versuchen, für das betroffene Kind eine geeignete Nachsorgeinstitution zu finden. Zuletzt untersucht eine Ärztin das Kind. Erst seit Kurzem, berichtet Abilo stolz, gibt es im ersten Stock einen gesonderten ärztlichen Untersuchungsraum. Bei gravierenden Verletzungen, zum Beispiel im Genitalbereich der Mädchen, überweist die Ärztin die Kinder ins lokale Krankenhaus; meist litten sie jedoch ausschließlich unter Blasenentzündungen, sagt Abilo.

Die Mitarbeiter der C.U.R.E. Foundation – einer auf die Behandlung von Opfern von Webcam-Prostitution spezialisierten Privateinrichtung – sind täglich mit der Traumatisierung der Kinder konfrontiert. Minderjährige Betroffene von sexuellem Missbrauch – insbesondere vor einer Webcam – leiden unter zwei Traumata, erklärt Sozialarbeiterin Amazing Grace Salitrero: Unter dem Trauma des Geschehenen und dem Trauma der Rettung. Das Trauma der Rettung offenbare sich am Schock der Kinder über die Trennung von der eigenen Mutter – dem Ort, an dem es sich einst
sicherfühlte. „In 80 Prozent der Fälle befinden sich die Mittäter für ein solches Verbrechen nämlich in der Familie der Mädchen“, erläutert der Holländer Bart von Oost, der gemeinsam mit seiner Frau Jolien die in den Bergen Cebus gelegene C.U.R.E. Foundation leitet. Meist sei die Mutter der Kinder die Mittäterin. Viele der Mütter seien selbst in jüngeren Jahren Missbrauchsopfer geworden. Das Gefühl für Normalität sei ihnen früh abhandengekommen. Zudem seien Mütter in der philippinischen Gesellschaft diejenigen, die das Geld für die Familie eintrieben. „Für viele geht es um das nackte Überleben“, so van Oost.

Enormes Leid erfahren

Beim Mittagessen sitzen die 33 Mädchen, die für mindestens zwei Jahre bei der C.U.R.E. Foundation untergebracht sind, schweigend am Tisch. Es gibt Reis und Huhn, dazu etwas Gemüse aus dem eigenen Anbau. Nach dem Essen springen sie auf, um draußen noch ein wenig herumlaufen zu können. Nach einer Stunde Pause geht die Schule weiter. Alle Mädchen werden gemeinsam in einem Raum unterrichtet, jede nach ihrem jeweiligen Wissensstand und Alter. Die C.U.R.E. Foundation könnte auch ein Ferienheim sein, so idyllisch liegt sie in den Bergen Cebus. Der Gedanke daran, dass all diesen Mädchen vor nicht allzu langer Zeit enormes Leid zugefügt worden ist, scheint inmitten dieser Idylle schwer vorstellbar. Und doch liegen die Fakten auf dem Tisch: die meisten der Mädchen, so Bart van Oost, litten unter Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel und Angstattacken. „Zu denken, dass sie sich lediglich vor der Kamera auf Wunsch des Täters ausziehen mussten, ist ein Mythos“, ergänzt der noch junge Holländer. Er habe nächtelang nicht schlafen können, nachdem er erstmals die Berichte der Polizei gelesen und die Bilder von den Kindern gesehen habe.

Seit circa zwei Jahren existiert landesweit ein Manual, nach dem Psychologen und Sozialarbeiter bei der Behandlung der Opfer vorgehen können. „Trauma informed Philippine Psychotherapy for Children and Adolescents“ lautet der Titel des rund zwanzigseitigen Dokuments. Wissenschaftler der kalifornischen Azusa Universität haben es gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität der Philippinen in Manila und der International Justice Mission – einer Menschenrechts-NGO – erarbeitet. In rund zwölf Sitzungen, häufig auch mehr, versuchen Sozialarbeiterin Amazing Grace Salitrero und ihre Kollegin Nikki Escatron von C.U.R.E. im Gespräch mit den Mädchen herauszufinden, was sie an das Geschehen erinnert, wie sie am besten damit umgehen können und wie sich künftig vor Übergriffen schützen können. „Unser finales Ziel ist, dass die Mädchen am Ende der Therapie über das Trauma reden können, ohne den Schmerz immer wieder erleben zu müssen“, erklärt Sozialarbeiterin Salitrero.

Armut und Elend: Einblick in die Hauptstadt der Visayas, Cebu Stadt (links). Naturidylle: Hoch in den Bergen der Insel Cebu liegt idyllisch die C.U.R.E. Foundation. Therapie: Im „Primal Room“ können von Missbrauch betroffene Kinder ihren Ängsten und Aggressionen freien Lauf lassen. Zur Ruhe kommen: Hoffnung für betroffene Kinder.
Armut und Elend: Einblick in die Hauptstadt der Visayas, Cebu Stadt (links). Naturidylle: Hoch in den Bergen der Insel Cebu liegt idyllisch die C.U.R.E. Foundation. Therapie: Im „Primal Room“ können von Missbrauch betroffene Kinder ihren Ängsten und Aggressionen freien Lauf lassen. Zur Ruhe kommen: Hoffnung für betroffene Kinder.

Geringes Forschungsinteresse

Wie gravierend das Ausmaß der psychischen Störung ist, die Betroffene von Cyberprostitution davontragen, ist derzeit noch schwer einzuschätzen, erläutert Professor Glenn Glarino, Wissenschaftler an der Abteilung für Psychologie der San Carlos Universität in Cebu Stadt. Der Psychologe führte 2017 eine Pilotstudie zum Ausmaß der Probleme von Kindern durch, die in staatlichen Rehaeinrichtungen des Ministeriums für soziale Fürsorge und Entwicklung (DSWD) untergebracht sind. Ziel sollte sein, die Traumatherapie der Kinder noch stärker an deren Bedürfnissen zu orientieren, erläutert der Wissenschaftler, der zugleich Vorsitzender der Philippinischen Vereinigung von Psychologen ist. Die Studie ergab, dass eine beträchtliche Anzahl der Kinder die Probleme externalisiert. Auch selbstzerstörerisches Verhalten, beispielsweise Selbstverletzungen, fand eine qualitative Studie von Terre des Hommes aus 2013 heraus, kommt häufig vor. „Bislang mangelt es unserem Land aber noch an Langzeitstudien“, stellt Glarino kritisch fest. Trotz massiv steigender Fallzahlen im letzten Jahrzehnt sei das Interesse an Forschung in diesem Bereich noch immer sehr gering.

„Ich konnte nicht schlafen, nachdem ich die Polizeiberichte und die Bilder vom Missbrauch gesehen habe“, Bart von Oost, leitet die C.U.R.E.-Foundation
„Ich konnte nicht schlafen, nachdem ich die Polizeiberichte und die Bilder vom Missbrauch gesehen habe“, Bart von Oost, leitet die C.U.R.E.-Foundation

Das könnte sich in absehbarer Zeit ändern, denn immer mehr Akteure sind dabei, sich dem Problem zu stellen. Erst 2019 entstand das „Philippine Internet Crimes Against Child Center“ in Manila. Ziel des Zentrums soll sein, die Arbeit aller an der Bekämpfung des Verbrechens tätigen Institutionen zu bündeln und zu koordinieren. Auch internationale Strafverfolgungsbehörden wie die Australische und die Britische Polizei sind Mitglied des Konsortiums. Darüber hinaus erhielt die philippinische Sonderkommission für Cybersex bei der Polizei in Cebu Trainingseinheiten von Mitarbeitern des deutschen Bundeskriminalamtes. Auch UNICEF und Save the Children Philippinen haben 2019 begonnen, sich dem Thema zu widmen. Ihr Fokus: Prävention. Wie können Kinder gestärkt werden, damit sie erst gar nicht zu Opfern solcher Verbrechen werden. Für diese Arbeit werde es eine Reihe von Studien geben, heißt es aus dem UNICEF-Büro Manila. Nicht zuletzt hat sich die International Justice Mission (IJM) seit 2016 dem Kampf des Online-Missbrauchs von Kindern verschrieben. Seitdem konnten die Mitarbeiter der Büros in Cebu und Manila 300 Betroffene retten, sagt John Tanagho, Leiter des Büros in Cebu, mit Stolz. Ein zweites Assessment Center wie das in Cebu soll auch in Metro Manila entstehen. Auch kooperiert IJM mit Nachsorgeeinrichtungen wie der C.U.R.E. Foundation, damit sie immerhin einige der Betroffen gut untergebracht weiß. Diese Mädchen haben dann immerhin etwas Glück.

So wie JM. JM lebt seit Ende 2019 in den Bergen Liloans im Good Shephard Home auf Cebu. Im Alter von zehn Jahren stand erstmals die Nachbarin vor ihrer Tür und wollte sie einem Ausländer im Internet vorstellen. Es gebe etwas Geld. JM ging zunächst nicht zur Schule, da man ihre Geburtsurkunde nicht fand. Sie lebte allein mit ihrem Vater. Der war nicht da. Die Mutter hatte die Familie frühzeitig verlassen. Sie war drogenabhängig gewesen. „Geschlagen hat sie mich auch“, erinnert sich JM. Aus einer Sitzung vor der Kamera der Nachbarin wurden zwei. Irgendwann habe sie jeden Tag an der Türschwelle gestanden. Ihr gedroht es allen zu erzählen, würde sie nicht mitkommen. „Ich mochte es nicht, wollte es nicht, aber ich hatte Angst vor der Frau“, sagt JM. Ein Ventilator klappert im Hintergrund, während JM ihre Geschichte erzählt. Sie versucht zwischendurch immer wieder zu lachen, aus Verlegenheit. Aus einigen Malen wurden zwei Jahre. Irgendwann offenbarte JM sich einer Freundin in der Schule. Diese erzählte es der Lehrerin. Die Lehrerin wandte sich an die Good Shephards. Nun ist JM hier.

Wie lange sie hierbleibt, ist unklar. Zurück zu ihrem Vater will sie nicht mehr, den hasst sie. „Er hat alles gewusst und nichts gemacht“, glaubt JM. Martina Merten

Hintergründe

  • Warum Philippinen? Die Philippinen gelten als weltweit größte Quelle für sexuellen Missbrauch von Kindern im Livestream. Eines von fünf Kindern hat schon einmal sexuelle Gewalt erleben müssen (Nationale Basisstudie zu Kindergewalt, UNICEF).
  • Vorkommen? 2018 sind der Internationalen Justice Mission zufolge 60 000 Berichte über Webcam-Missbrauch von Kindern eingegangen. Zielgruppe sind Kinder unter 12 Jahren.
  • Was wird dagegen unternommen? Um gezielt gegen das Verbrechen vorgehen zu können, hat die Regierung 2019 das „Philippine Internet Crimes Against Child Center“ gegründet, eine Task-Force, die gemeinsam mit anderen Behörden weltweit Fälle registriert und ein koordiniertes Vorgehen anstrebt. Bereits 2010 gründete die Regierung das „Inter Agency Council Against Child Pornography“. Zu den Mitgliedern des nationalen Konsortiums zählen zahlreiche Ministerien des Landes sowie die International Justice Mission, Save the Children und UNICEF.
  • Gibt es Einrichtungen, in denen Opfer von sexuellem Missbrauch behandelt werden? Landesweit gibt es wenige Einrichtungen, in denen Opfern von sexuellem Missbrauch gezielt therapeutische Hilfe angeboten wird. Recherchen der Autorin zufolge sind die meisten der rund zehn namhaften Einrichtungen in privater Hand und werden von Ausländern geführt. Erst seit Kurzem verwenden die dort tätigen Psychologen und Sozialarbeiter Manuale zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung. Auch in privaten Einrichtungen mangelt es bislang an Psychologen, die auf Traumabehandlung spezialisiert sind.

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