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SUPPLEMENT: Praxis Computer

ViaVoice und SpeechMagic - ein Vergleich

Dtsch Arztebl 1998; 95(12): [24]

Kleinhans, Eduard; Wein, Berthold

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LNSLNS Der Lieferumfang von "ViaVoice" (IBM, inklusive Kopfmikrophon) und "SpeechMagic" (Philips, inklusive Handmikrophon mit Schiebeschalter). umfaßt jeweils ein Standardwörterbuch mit einem Grundwortschatz von rund 30 000 Wörtern, erweiterbar bis circa 65 000 Wörter. Beiden Systemen gemeinsam ist die Abkehr von der wortweisen, abgehackten Sprechweise sowie eine rasante Verarbeitungsgeschwindigkeit mit 125 bis 140 Wörtern pro Minute bei vergleichbar hoher Erkennungsrate (mehr als 98 Prozent mit einem gut trainierten System). Notwendig ist im medizinischen Sektor überdies ein fachspezifischer Kontext. Dahinter verbirgt sich ein phonetisches Fachwörterbuch mit Häufigkeitsverteilungen von Wortkombinationen, das anhand einer großen Anzahl fachspezifischer Texte mühsam vom Hersteller selbst erstellt wird (siehe Tabelle, Seite 23).
Beide Systeme benötigen nach einer Start-Phase zur Erstellung individueller Sprachprofile (IBM 256 Sätze, Dauer zwischen zehn und 90 Minuten, Philips zehn bis 60 Minuten) eine lange Lernphase von drei bis vier Wochen, um in der fachspezifischen Umgebung die erforderliche Erkennungsrate von über 98 Prozent zu erreichen. Dabei lernt ViaVoice kontinuierlich, SpeechMagic hingegen fraktioniert, das heißt in Einzelschritten, zwischen denen eine bestimmte Anzahl von Diktaten erfolgt sein muß. Bereits erfolgte Korrekturen bleiben damit lange unberücksichtigt. Für den Anwender bedeutet dies einen Zeitraum hoher Frustration, weil das Programm bis zum nächsten Lernschritt permanent dieselben Fehler macht.
Die benötigte Hardware-Ausstattung beider Systeme ist üppig (siehe Tabelle). Im Gegensatz zu Philips bietet IBM nur eine Einzelplatzversion unter Windows 95 oder NT 4.0 an. Da ViaVoice nicht im Netzwerk läuft, ist eine einfache Einbindung in eine Patientenverwaltung und damit die Routine-Anwendung in den meisten Kliniken und Arztpraxen verbaut.
Online-Korrektur versus Workflow
Das IBM-Produkt bietet eine Online-Erkennung, das heißt, der gesprochene Text erscheint fast unverzüglich auf dem Bildschirm, und gestattet damit dem Sprecher, Korrekturen sofort vorzunehmen. Philips verzichtet auf dieses Feature, weil der Hersteller eine grundsätzlich andere Produkt-Philosophie verfolgt: Die Spracherkennung ist nur Teil eines medizinischen Datenerfassungs- und Arztbrieferstellungssystems, das den Arzt von arztfremden Aufgaben wie das Korrigieren von Schreibfehlern entlasten soll. Statt dessen soll er sich auf das eigentliche Diktat konzentrieren, ohne Ablenkung durch einen Computerbildschirm oder Maus- beziehungsweise Tastatur-Eingaben. Die Integration von Patientenverwaltung, Diktiersystem und Textverarbeitung übernimmt ein "Workflow" genanntes Softwarepaket. Für den Arzt ändert sich mit der Einführung eines solchen Systems fast nichts, außer daß er etwas deutlicher, aber keineswegs langsamer sprechen sollte. Schreibkräfte werden nur in geringem Umfang eingespart, weil sie weiterhin für die erforderlichen Korrekturen gebraucht werden. Das System arbeitet so effektiv, daß ambulanten Patienten der aktuelle Bericht nach wenigen Minuten Wartezeit direkt mitgegeben werden kann. Ob ViaVoice oder SpeechMagic: Wer die Anschaffung eines Spracherkennungssystems plant, muß sich darüber im klaren sein, daß der Routine-Einsatz erst ab einer Erkennungsrate von mehr als 98 Prozent akzeptabel ist. Um diese hohe Erkennungsrate zu erreichen, muß über mehrere Wochen viel Zeit und Arbeit investiert werden - eine Periode, in der das Spracherkennungssystem mehr Zuwendung braucht als ein Tamagotchi. Dr. med. Eduard Kleinhans/
Dr. med. Berthold Wein


Anschrift für die Verfasser:
Dipl.-Ing. Dr. med. Eduard Kleinhans, Klinik für Nuklearmedizin, Universitätsklinikum RWTH Aachen, Pauwelstraße 30, 52057 Aachen

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