szmtag Schlusswort
ArchivRechercheSchlusswort
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Unsere Auswertung der KiGGS-Daten auf mögliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und spezifischen Gesundheitsproblemen bei Kindern und Jugendlichen (1) sollte einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion leisten und Fragen zur Situation in Deutschland beantworten. Keineswegs wurde der Anspruch erhoben, alle offenen Fragen zum Thema Impfen abschließend zu beantworten. Dies kann nur in der Gesamtschau aller verfügbaren epidemiologischen und experimentellen Evidenz und nicht auf Basis einzelner Studien erfolgen.

Es handelt es sich bei den berücksichtigten atopischen Erkrankungen um ärztliche Diagnosestellungen. Um Verzerrungen zu vermeiden, wurden Probanden, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft worden waren, nicht in die Analysen einbezogen.

Bewusst haben wir zwischen Probanden ohne jede Impfung und Probanden mit wenigstens einer Impfung differenziert, weil genau diese Unterscheidung in zahlreichen Anfragen an das Robert-Koch-Institut eine zentrale Rolle spielt. Aufgrund der geringen Prävalenz Ungeimpfter konnten jedoch unter 17 641 Probanden lediglich 94 sicher ungeimpfte Probanden identifiziert werden. Die Auswertungen ergaben keine statistisch signifikanten Unterschiede im Auftreten atopischer Erkrankungen oder der Häufigkeit von Infekten zwischen Ungeimpften und Geimpften. Die Frage, ob mit größeren Fallzahlen dieselben Gruppenunterschiede zu finden gewesen wären, dann aber mit statistischer Signifikanz, lässt sich mit unseren Daten nicht beantworten. Derartige Spekulationen wären aber auch bezüglich jener Gruppenunterschiede anzustellen, bei denen ungeimpfte Kinder tendenziell mehr Gesundheitsbeeinträchtigungen aufweisen als geimpfte. Weitere differenzierende Analysen der KiGGS-Daten, zum Beispiel unter Berücksichtigung der Anzahl von Impfdosen, sind derzeit in Arbeit.

Zur Frage möglicher Gesundheitseffekte von Impfungen findet man zahlreiche Studien, deren Ergebnisse teilweise Zusammenhänge in Richtung Risikoerhöhung, teilweise in Richtung Risikominderung oder auch keinerlei Zusammenhänge nahelegen. In einer Metaanalyse von Balicer et al. zeigte sich weder ein risikoerhöhender noch ein risikovermindernder Effekt von DTP- oder BCG-Impfungen für das Auftreten von Asthma (2). Bernsen et al. fanden in einer Studie mit MMR-geimpften und -ungeimpften Kindern ein erhöhtes Risiko für atopische Erkrankungen nach durchgemachter Masernerkrankung, ein verringertes Atopierisiko nach durchgemachter Rötelnerkrankung (3). Die Auswertung der EPAAC-Studie ergab selbst bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko keinen Zusammenhang zwischen Impfungen im ersten Lebensjahr und dem Auftreten oder dem Schweregrad einer atopischen Dermatitis beziehungsweise einer Sensibilisierung (4). Die Klinische Leitlinie „Allergieprävention“ enthält eine klare Empfehlung zugunsten der STIKO-empfohlenen Impfungen, da nach systematischer Auswertung der einschlägigen Literatur keine Belege für ein erhöhtes (wohl aber Hinweise auf ein verringertes) Allergierisiko nach Impfungen gefunden worden waren.

Ob und inwiefern der Impfzeitpunkt für die Wirkung auf das Immunsystem entscheidend ist, halten wir durchaus für eine wichtige Frage, deren Beantwortung jedoch spezialisierten Studien vorbehalten bleibt. Die Schlussfolgerung, „Kinderkrankheiten“ könnten Tumoren des Erwachsenenalters verhindern, halten wir für nicht ausreichend belegt.

DOI: 10.3238/arztebl.2011.0697

PD Dr. med. Martin Schlaud

Dr. oec. troph. Roma Schmitz

Dr. med. Christina Poethko-Müller, MSc

Robert-Koch-Institut, Berlin

Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung

M.Schlaud@rki.de

Dr. rer. nat. Sabine Reiter

Robert-Koch-Institut, Berlin

Abteilung für Infektionsepidemiologie

Interessenkonflikt
PD Schlaud und Dr. Poethko-Müller erhielten im Rahmen der TOKEN-Studie finanzielle Unterstüzung von Sanofi Pasteur und GlaxoSmithKline Biologicals.
Dr. Reiter und Dr. Schmitz erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Schmitz R, Poethko-Müller C, Reiter S, Schlaud M: Vaccination status and health in children and adolescents—findings of the German health interview and examination survey for children and adolescents (KiGGS). Dtsch Arztebl Int 2011; 108(7): 99–104. VOLLTEXT
2.
Balicer RD, Grotto I, Mimouni M, Mimouni D: Is childhood vaccination associated with asthma? A meta-analysis of observational studies. Pediatrics 2007; 120: e1269–77. CrossRef MEDLINE
3.
Bernsen RMD, Wouden JC van: Measles, mumps and rubella infection and atopic disorders in MMR-unvaccinated and MMR-vaccinated children. Pediatr Allergy Immunol 2008; 19: 544–51. CrossRef MEDLINE
4.
Grüber C, Warner J, Hill D, Bauchau V: Early atopic disease and early childhood immunization—is there a link? Allergy 2008; 63: 1464–72. MEDLINE
1.Schmitz R, Poethko-Müller C, Reiter S, Schlaud M: Vaccination status and health in children and adolescents—findings of the German health interview and examination survey for children and adolescents (KiGGS). Dtsch Arztebl Int 2011; 108(7): 99–104. VOLLTEXT
2. Balicer RD, Grotto I, Mimouni M, Mimouni D: Is childhood vaccination associated with asthma? A meta-analysis of observational studies. Pediatrics 2007; 120: e1269–77. CrossRef MEDLINE
3. Bernsen RMD, Wouden JC van: Measles, mumps and rubella infection and atopic disorders in MMR-unvaccinated and MMR-vaccinated children. Pediatr Allergy Immunol 2008; 19: 544–51. CrossRef MEDLINE
4.Grüber C, Warner J, Hill D, Bauchau V: Early atopic disease and early childhood immunization—is there a link? Allergy 2008; 63: 1464–72. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Zum Artikel

Stellenangebote

    Anzeige