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Conterganskandal: Verantwortung Nordrhein-Westfalens

Schepker, Renate

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Der Band schildert die unabhängigen Projektergebnisse für die Landesregierung Nordrhein-Westfalen (NRW) zur Aufklärung der Rolle des Landes in den Vorgängen um die Schädigungen durch Contergan, dem von 1957 bis zur Marktrücknahme im November 1961 meistverkauften Schlafmittel in Deutschland. Contergan war frei verkäuflich, beworben wurde es als vollkommen harmlos. Der Autor geht sehr akribisch vor und analysiert auf 944 Seiten gut belegt den Kontext der Ereignisse. Trotz staatlicher Gesundheitsaufsicht durch das Land NRW kam es zu vielen Missbildungen und noch mehr Leid.

Wie ein Kriminalroman liest sich die Zusammenfassung der Gerichtsakten – etwa, dass bereits nach nur 27 Verhandlungstagen im Mammutprozess mit vielen widersprüchlichen Gutachtern eine „private“ Initiative seitens der Staatsanwaltschaft zur bedingten Einstellung des Verfahrens erfolgte, in welche die Herstellerfirma recht schnell einbezogen wurde. Die Bedingungen des letztlich geschlossenen Vergleichs mit den Eltern und die später gesetzlich vereinbarte Gründung der sogenannten Conterganstiftung trugen dazu bei, dass nach 283 Verhandlungstagen das Verfahren 1970 eingestellt wurde. Zynisch aus heutiger Perspektive ist die Begründung, dass nach § 153 StPO nur ein geringes Verschulden bestehe und das öffentliche Interesse an einer Weiterverfolgung fehle.

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Der Abschnitt „Die medizinische Betreuung der contergangeschädigten Kinder“ zeugt vom damals abwiegelnden Zeitgeist mit Fokus auf „medizinisch-orthopädischer Betreuung“. Begriffe wie „Mißgeburten“ und „Contergan-Mißbrauch“ selbst im Sozialausschuss des Landes NRW lassen eine sekundäre Traumatisierung der psychologisch zu keinem Zeitpunkt gut begleiteten Eltern und Kinder erahnen.

Ein wissenschaftlich sorgfältiges Werk, dessen betonte Sachlichkeit und vollständiger Verzicht auf eine ethisch-moralische Beurteilung aber auch emotionalen Widerstand provozieren mag, bei manchem vielleicht sogar Empörung – bezogen auf am Schutz der Bürger desinteressierte Politiker und lasche Gesetzgebung sowie auf das auf Profitstreben ausgerichtete Pharmaunternehmen, ängstliche Beamte und überforderte Staatsanwälte. Letztlich ist das fachlich herausragende, aber gleichzeitig auch bedrückende Werk jedem sehr zu empfehlen, der sich mit der Geschichte der Pharmaforschung und der Arzneimittelsicherheit allgemein, nicht nur mit derjenigen von Contergan speziell beschäftigt. Renate Schepker

Niklas Lenhard-Schramm : Das Land Nordrhein-Westfalen und der Contergan-Skandal. Gesundheitsaufsicht und Strafjustiz in den „langen sechziger Jahren“. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, 944 Seiten, gebunden, 90,00 Euro

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