szmtag Rückgang der Krebsmeldungen von Pathologen in Nordrhein-Westfalen während des COVID-19-Lockdowns
ArchivRechercheRückgang der Krebsmeldungen von Pathologen in Nordrhein-Westfalen während des COVID-19-Lockdowns
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Im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemiebekämpfung in Deutschland kam es zu verschiedenen einschneidenden Maßnahmen:

  • Am 10. 3. 2020 wurden Großveranstaltungen mit mehr 1 000 Teilnehmern untersagt.
  • Am 13. 3. 2020 forderte der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter die Krankenhäuser auf, elektive Eingriffe zu verschieben.
  • Am 23. 3. 2020 kam es zum Lockdown mit erheblicher Reduktion der Kontakte und Einschränkungen im öffentlichen Leben.
  • Ende März 2020 hatten die Krankenhäuser in Deutschland fast 50 % der Betten für Corona-Patienten freigehalten (1).

Analysen des Belgischen Krebsregisters zeigten im April 2020 einen Rückgang von neu diagnostizierten Krebserkrankungen um relativ 44 % mit einer allmählichen Wiederaufnahme der Diagnosemeldungen ab Mitte April (2). Mit Einsetzen des nationenweiten Lockdowns in den Niederlanden (15. 3. 2020, Kalenderwoche [KW] 16) beobachteten Dinmohamed et al. einen Rückgang der wöchentlichen Krebsdiagnosen (exklusive Hautkrebs) aus den Pathologien um relativ 9 %, 19 %, 25 % und 26 % in den KW 16–19 im Vergleich zu den KW 2–8, das heißt bevor SARS-CoV-2 in den Niederlanden ausbrach. Die wöchentlichen Diagnosen für Hautkrebs (exklusive Basalzellkarzinomen) gingen besonders stark zurück mit 44 %, 55 %, 61 % und 60 % in den KW 16–19. Der Rückgang war in der höchsten Altersgruppe (≥ 80 Jahre) am stärksten (3).

Für Deutschland sind solche Analysen mithilfe von Krebsregisterdaten noch nicht erfolgt, denn der Einfluss des Lockdowns auf die Inzidenz sowie auf die Therapien von Krebserkrankungen kann aufgrund des Reporting Delays frühestens 12–18 Monate nach Diagnose zuverlässig ausgewertet werden. Allerdings lässt sich anhand der Anzahl von Krebsmeldungen durch Pathologen zumindest vorläufig ein möglicher Einfluss des Lockdowns auf die Abklärung von Krebserkrankungen abschätzen, da der größte Teil von Krebserkrankungen von Pathologen diagnostiziert wird.

Methode

Zu diesem Zweck haben wir auf Grundlage des Landeskrebsregisters Nordrhein-Westfalen (LKR-NRW, www.landeskrebsregister.nrw) anhand aller Melder aus Pathologien innerhalb NRWs zunächst ermittelt, wer davon seit Juli 2017 bis inklusive August 2020 zuverlässig jeden Monat Fälle gemeldet hat. Hierbei ist das relevante Datum das der Befundung und nicht das des Eingangs der Meldung im LKR-NRW. Für die zwölf Pathologie-Melder, die das Einschlusskriterium erfüllten, haben wir den monatlichen Mittelwert (n = 3 077 Befunde) sowie das 95 % Konfidenzintervall [2 937; 3 217] für die monatliche Befundungsmenge des Jahres 2019 bestimmt. Die Grafik zeigt die Entwicklung der monatlichen Befundungsmenge der zwölf Pathologie-Melder von Januar 2019 bis einschließlich September 2020. Insgesamt gingen in diesem Zeitraum 63 956 Pathologie-Befunde beim LKR-NRW ein. Im Monat April 2020 zeigte sich eine deutlich geringere Befundungsmenge (n = 2 439) als in allen anderen Monaten, die wir untersucht haben. Im Vergleich zum Mittelwert des Jahres 2019 wurden 638 Krebsbefunde weniger gemeldet (relative Reduktion von 21 %). Die Befundungsmenge erholte sich im Mai 2020 wieder rasch. Bis September 2020 ließ sich nach dem vorübergehenden Rückgang der Befundungsmenge im April 2020 kein Aufholeffekt erkennen.

Monatliche mittlere Anzahl von Pathologie-Befunden, die an das Krebsregister Nordrhein-Westfalen im Zeitraum Januar 2019 bis inklusive September 2020 gemeldet wurden.
Grafik
Monatliche mittlere Anzahl von Pathologie-Befunden, die an das Krebsregister Nordrhein-Westfalen im Zeitraum Januar 2019 bis inklusive September 2020 gemeldet wurden.

Diskussion

Folgeprojekte, die erst nach dem Reporting Delay durchgeführt werden können, werden untersuchen, für welche Krebsentitäten im Besonderen der Rückgang auftrat und welchen möglichen Einfluss der Rückgang auf die Inzidenz, die Therapie sowie auf die Stadienverteilung der Krebserkrankungen während und nach dem Lockdown hatte. Es lässt sich anhand unserer ersten Analysen nicht beantworten, welche Faktoren diesen vorübergehenden Rückgang in welchem Ausmaß erklären. Ein Rückgang der Pathologie-Befunde kann theoretisch auf folgende Faktoren zurückgeführt werden:

  • Ärzte verzögerten die Abklärung von Krebsverdachtsdiagnosen während des Lockdowns.
  • Aufgrund der stark gesunkenen Hospitalisierungsraten während des Lockdowns kam es zu weniger Früherkennungsdiagnostik im Krankenhaus.
  • Patienten verzögerten aus Sorge vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 die Abklärung eines Krebsverdachts.

Es ist zu beachten, dass sich unsere Analysen auf Befunde und nicht ausschließlich auf Neuerkrankungsfälle beziehen. Da ein Teil der Pathologen-Befunde Verlaufsmeldungen oder zusätzliche Befunde (zum Beispiel Nachmeldung einer Lymphknoten-Metastase) beinhalten, ist anzunehmen, dass die vorübergehende Senkung der Krebsinzidenz weniger als die genannte relative Reduktion von 21 % betragen wird. Ein Rückgang um 21 % bei den übermittelten Befunden von Krebsneuerkrankungen in einem Monat würde für das gesamte Jahr 2020 einen Rückgang von rund 2 % bedeuten. Da Pathologen-Befunde aber praktisch immer im Zusammenhang mit der onkologischen Versorgung stehen, sind sie ein geeignetes Surrogat für die Beurteilung eines vorübergehenden Rückgangs der Krebsversorgung im Rahmen des Lockdowns.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 27. 10. 2020, revidierte Fassung angenommen: 11. 11. 2020

Zitierweise
Stang A, Kühling L, Khil L, Kajüter H, Schützendübel A, Mattauch V: A decline in cancer reporting by pathologists in North Rhine-Westphalia, Germany, during the COVID-19 lockdown. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 886–7. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0886

Dieser Beitrag erschien online am 26. 11. 2020 (online first)
auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Bundesministerium für Gesundheit: Coronavirus SARS-CoV-2: Chronik der bisherigen Maßnahmen. www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/chronik-coronavirus.html (last accessed on 23 October 2020).
2.
Belgisches Krebsregister: Krebsdiagnosen sinken während Corona-Lockdown um 44 Prozent. Pressemitteilung vom 15.7.2020. www.grenzecho.net/38988/artikel/2020–07–15/krebsdiagnosen-sinken-wahrend-corona-lockdown-um-44-prozent (last accessed on 18 August 2020).
3.
Dinmohamed AG, Visser O, Verhoeven RHA, et al.: Fewer cancer diagnoses during the COVID-19 epidemic in the Netherlands. Lancet 2020; 21: 750–1 20)30265-5">CrossRef MEDLINE PubMed Central
Andreas Stang, Lena Kühling, Laura Khil, Hiltraud Kajüter, Andres Schützendübel, Volkmar Mattauch
Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Universitätsklinikum Essen (Stang), andreas.stang@uk-essen.de;
Department of Epidemiology, Boston University, USA (Stang)
Landeskrebsregister Nordrhein-Westfalen, Bochum (Stang, Kühling, Khil, Kajüter, Schützendübel, Mattauch)
Monatliche mittlere Anzahl von Pathologie-Befunden, die an das Krebsregister Nordrhein-Westfalen im Zeitraum Januar 2019 bis inklusive September 2020 gemeldet wurden.
Grafik
Monatliche mittlere Anzahl von Pathologie-Befunden, die an das Krebsregister Nordrhein-Westfalen im Zeitraum Januar 2019 bis inklusive September 2020 gemeldet wurden.
1. Bundesministerium für Gesundheit: Coronavirus SARS-CoV-2: Chronik der bisherigen Maßnahmen. www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/chronik-coronavirus.html (last accessed on 23 October 2020).
2.Belgisches Krebsregister: Krebsdiagnosen sinken während Corona-Lockdown um 44 Prozent. Pressemitteilung vom 15.7.2020. www.grenzecho.net/38988/artikel/2020–07–15/krebsdiagnosen-sinken-wahrend-corona-lockdown-um-44-prozent (last accessed on 18 August 2020).
3.Dinmohamed AG, Visser O, Verhoeven RHA, et al.: Fewer cancer diagnoses during the COVID-19 epidemic in the Netherlands. Lancet 2020; 21: 750–1 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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