ArchivRechercheHIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Geringere Inanspruchnahme

POLITIK

HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Geringere Inanspruchnahme

Rüsenberg, Robin; Schmidt, Daniel

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Eine Umfrage unter HIV-Schwerpunktpraxen belegt, dass die Nachfrage nach der medikamentösen Prophylaxe seit Beginn der COVID-19-Pandemie abgenommen hat. Laufende PrEP-Verordnungen werden pausiert, teilweise sogar vollständig abgesetzt oder auf „on demand“ umgestellt.

Foto: jd-photodesign/ stock.adobe.com
Foto: jd-photodesign/ stock.adobe.com

Die SARS-CoV-2-Pandemie und die damit in Verbindung stehenden Einschränkungen sind ein Einschnitt im öffentlichen Leben. Dies betrifft auch Präventions- und Prophylaxeleistungen des Gesundheitswesens. Das gemeinsame Forschungsprojekt EvE-PrEP, das die Einführung der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) evaluiert, erlaubt nun erste Rückschlüsse, zu welchen Auswirkungen es kommt.

Am Beispiel der PrEP als neuerer HIV-Präventionsmethode zeigt sich, dass Lockdowns und Kontaktbeschränkungen das Interesse an der Präventionsmethode spürbar beeinflussten – dieses aber nicht zum Erliegen brachten. Um die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den „PrEP-Versorgungsalltag“ zu analysieren, wurde eine Sonderbefragung von 35 HIV-Schwerpunktpraxen, die sich am Projekt EvE-PrEP beteiligen, zum PrEP-Gebrauch unter „Coronabedingungen“ vorgenommen.

Versorgung auch unter Corona-Bedingungen sichergestellt

Zu den Haupterkenntnissen zählt, dass die ambulanten HIV-Schwerpunktzentren die PrEP-Versorgung auch unter schwierigen Corona-Bedingungen sicherstellen konnten, konkret: Es wurden weiterhin PrEP-Einleitungen und -Kontrollen vorgenommen. Allerdings gaben fast 80 Prozent an, dass die PrEP-Nachfrage abgenommen hat. Immerhin 26 Prozent mussten im Zuge der Pandemie Strukturen und Prozesse umstellen, was sich möglicherweise auch auf Versorgungsmöglichkeiten ausgewirkt hat. Zu beachten ist, dass viele HIV-Schwerpunktpraxen auch als COVID-19-Schwerpunkte tätig sind. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin zur PrEP-Beratung unter Lockdown-Bedingungen betrug 11 Tage, zum Herbst 2020 verkürzte sie sich leicht. Die Wartezeit auf einen Kontrolltermin im Rahmen der PrEP-Versorgung ist allgemein meist etwas kürzer. Durchschnittlich warten PrEP-Nutzende fünf Tage auf einen Termin zur PrEP-Kontrolle. Die Bedeutung der ärztlichen Betreuung auch unter Pandemiebedingungen zeigt sich nicht zuletzt darin, dass mehr als 40 Prozent der Praxen angaben, im Rahmen der PrEP-Einleitung mitunter HIV-Infektionen entdeckt zu haben.

Die Corona-Pandemie hatte deutliche Auswirkungen auf die Nachfrage. Ende des dritten Quartals 2020 bezogen circa 7 500 Menschen in den „EvE-PrEP“-Praxen die PrEP. Von diesen bekamen 90 Prozent die „GKV-PrEP“, 10 Prozent waren privat versichert oder Selbstzahler. War die Anzahl der PrEP-Einleitungen nach Einführung der PrEP als GKV-Leistung zu September 2019 stark angestiegen, so ist die Zahl der Einleitungen seitdem kontinuierlich gesunken – besonders spürbar im Zweiten Quartal 2020, dem Zeitpunkt des ersten Lockdowns. Befragt nach den Gründen, nannten die HIV-Schwerpunktpraxen vor allem SARS-CoV-2.

Auch Rückmeldungen von Community-Vertretenden, die ebenfalls in EvE-PrEP eingebunden sind, zeigen, dass die Pandemie zu einem Wandel der Inanspruchnahme geführt hat. So wurden laufende PrEP häufiger pausiert, teilweise sogar vollständig abgesetzt oder auf „on demand“ umgestellt. Darüber hinaus wird aus den Communitys von starken Belastungen infolge der Maßnahmen zur Eindämmung von SARS-CoV-2 berichtet. Erst langsam steigt die Zahl der Einleitungen wieder an, sodass von einer Rückkehr zum Status quo vor der Pandemie gesprochen werden kann. Der erneute Lockdown seit Anfang November 2020 wirkt sich bisher weitaus weniger heftig auf die Nachfrage aus als die Einschränkungen im Frühjahr.

PrEP weiterhin wichtig als Präventionsmethode

Niemand weiß, wie sich die Zahl der PrEP-Nutzenden ohne die Pandemie entwickelt hätte. Die „EvE-PrEP“-Sonderauswertung zeigt jedenfalls, dass auch ein Lockdown Sexualkontakte nicht völlig ausschließt – wobei die PrEP-Einnahme aber an die jeweilige Situation angepasst wird. Um das Potenzial der PrEP als Präventionsmethode erschließen zu können, bleibt es wichtig, allen Personen mit Bedarf die PrEP zugänglich zu machen. Den möglichen Nutzen der PrEP für weitere Gruppen – über Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), hinaus – zeigen schließlich auch die HIV-Infektionszahlen der letzten Jahre.

Dipl.-Pol. Robin Rüsenberg
Geschäftsführer Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (dagnä)

Daniel Schmidt, M.Sc.
Projektleiter PrEP-Evaluation (EvE-PrEP),
Robert Koch-Institut,
Abteilung für Infektionsepidemiologie

Weitere Informationen und Aktuelles zum Projekt EvE-PrEP im Internet: http://daebl.de/UH24

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Anzeige