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Der Einsatz von Antigen-Schnelltests in der Pandemie ist trotz ihrer Nachteile gegenüber dem Goldstandard der PCR sinnvoll. Bei begrenzten Kapazitäten zur PCR-Testung und wenn möglichst viele Personen rasch untersucht werden müssen, können sie eine große Hebelwirkung entfalten.

Foto: picture alliance/TT NEWS AGENCY/Johan Nilsson
Foto: picture alliance/TT NEWS AGENCY/Johan Nilsson

Die 2. Welle der COVID-19-Pandemie hat einschneidende Auswirkungen auf das alltägliche Leben, die Volkswirtschaft und die Gesundheit. Verlässliche Diagnostika gehören zu den wichtigsten Werkzeugen, um die weitere Ausbreitung einzudämmen.

Der PCR-Nachweis ist der Goldstandard zur Diagnostik von SARS-CoV-2 und zeichnet sich durch eine hohe Sensitivität und Spezifität aus. Durch den großen personellen und materiellen Aufwand sowie Engpässe in den Versorgungsketten sind PCR-basierte Tests jedoch eine begrenzte Ressource. Antigenbasierte Schnelltests lassen sich mit deutlich weniger Aufwand und Infrastruktur durchführen und liefern ein Ergebnis in kürzerer Zeit. Sie haben allerdings den Nachteil einer geringeren Sensitivität und Spezifität (1).

Im Rahmen der ärztlichen Differenzialdiagnose besteht der Anspruch auf einen Test mit einer hohen diagnostischen Genauigkeit. Wie kürzlich im Deutschen Ärzteblatt gefordert, ist die PCR für ein solches Szenario weiterhin nicht infrage zu stellen (2). Liegt das primäre Ziel eines Tests jedoch darin, Übertragungen zu vermeiden, wird die Bedeutung der Test-Sensitivität zu einem gewissen Grad sekundär. Die Schnelligkeit der Befundmitteilung und eine erhöhte Testfrequenz treten in einer solchen Situation in den Vordergrund.

Auch wenn der PCR-Nachweis Kern der ärztlichen Differenzialdiagnostik bleibt, ist gerade in der Kontrolle eines großflächigen Infektionsgeschehens eine große Hebelwirkung beim Einsatz der Antigen-Schnelltests in intelligenten Testkonzepten zu erwarten (3). Nachfolgend wird die datenbasierte Grundlage hierfür dargestellt.

Unterstützung bei der Auswahl eines Schnelltests

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellt auf seiner Internetseite eine Liste von Antigen-Schnelltests zur Verfügung, welche Mindestkriterien erfüllen, die vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeinsam festgelegt wurden (4, 5). Hierzu zählen eine Sensitivität > 80 % und eine Spezifität > 97 %.

Derzeit werden ausschließlich die Herstellerangaben zur Genauigkeit für die Beurteilung herangezogen. Die aktuelle Liste stellt daher nur eine sehr limitierte Grundlage für die Auswahl eines Tests dar. Herstellerunabhängige Validierungsstudien sind dringend notwendig und vielerorts bereits angelaufen.

Ein ständig aktualisierter systematischer Review bereits begutachteter Publikationen zur Genauigkeit von Antigen-Schnelltests, aber auch von Arbeiten, die auf Preprint-Servern veröffentlicht wurden, komplementiert nun die Liste des BfArM. Auf der Website www.diagnosticsglobalhealth.org werden vom Entwickler unabhängige Studien zur klinischen und analytischen Genauigkeit von Antigen-Schnelltests verzeichnet.

Die 2-mal wöchentlich von einer Forschungsgruppe des Universitätsklinikums Heidelberg aktualisierte Tabelle enthält Angaben zur Genauigkeit und Benutzerfreundlichkeit der Schnelltests sowie zur Unabhängigkeit und Qualität der dazu durchgeführten Studien (6). Diese „lebendige“ Evidenzsynthese wird auch durch die Ergebnisse der laufenden Laborevaluationen des RKI, des PEI und der Referenzlabore ergänzt, sobald diese zur Verfügung stehen – wie zum Beispiel eine kürzlich publizierte Studie, die an vorcharakterisierten Proben sieben Antigen-Schnelltests verglichen hat (7).

Die aktuell verfügbaren publizierten Ergebnisse zeigen, dass die Testgenauigkeit der verschiedenen Tests hochvariabel ist und oft nicht mit den diesbezüglichen Herstellerangaben übereinstimmt. Die Variabilität betrifft sowohl die Sensitivität als auch die Spezifität. Auch die methodische Qualität der durchgeführten diagnostischen Studien schwankt erheblich und ist ein Hauptfaktor für die Heterogenität zwischen den Studien. Diese wird in der Evidenzsynthese mithilfe eines standardisierten Werkzeugs evaluiert (8).

Dabei werden vor allem Studienmerkmale beachtet, die zu einer systematischen Verzerrung (Bias) führen können, aber auch inwiefern die Ergebnisse auf die Anwendung bei Patienten im klinischen Alltag übertragen werden können (externe Validität) (6). Ebenso wichtig ist eine Bewertung hinsichtlich der Benutzerfreundlichkeit, da dies entscheidende Auswirkungen auf die Skalierbarkeit der Schnelltests hat. Außerdem wird die Abhängigkeit einer Studie vom Hersteller bewertet, um mögliche Interessenskonflikte in der Beurteilung der Daten einschätzen zu können.

In der Zusammenschau der aktuellen Datenlage zeigt sich, dass bereits einige sehr gute Schnelltests mit hoher Sensitivität (~80 %) und Spezifität (> 99,5 %) zur Verfügung stehen, die in qualitativ hochwertigen, unabhängigen Studien bewertet wurden. Basierend auf diesen Daten hat unter anderem auch die Welt­gesund­heits­organi­sation bereits zwei Tests empfohlen (9, 10).

Auch wenn der Großteil der Evaluationen aktuell an symptomatischen Patienten durchgeführt wurde, ist eine ähnlich hohe Sensitivität bei asymptomatisch infizierten Personen zu erwarten. Dies ist aus Daten abzuleiten, die zeigen, dass zum einen die Viruslast von asymptomatischen und symptomatischen Patienten stark korreliert (11) und zum anderen die vorhandene Antigen-Menge mit der RNA-Menge assoziiert ist (12). Aus Genauigkeitsstudien sind auch begrenzt Daten verfügbar, die eine direkte Vergleichbarkeit der Testsensitivität zwischen asymptomatischen und symptomatischen Infektionen zeigen (13).

Basierend auf der oben genannten Sensitivität verpassen Schnelltests 1 von 5 Personen mit einer Infektion mit SARS-CoV-2. Doch dies betrifft vor allem Personen mit geringer Viruslast und abklingender Erkrankung. Dies ist darin begründet, dass die Viruslast früh schnell ansteigt und dann über einen längeren Zeitraum abnimmt (Grafik 1).

Viruslast in infizierten Personen. Schematisch dargestellt sind die Nachweisgrenzen für PCR, Viruskultur und Antigen-Schnelltests.
Grafik 1
Viruslast in infizierten Personen. Schematisch dargestellt sind die Nachweisgrenzen für PCR, Viruskultur und Antigen-Schnelltests.

Überproportionaler Beitrag zur Infektionskontrolle

Es ist deshalb zu erwarten, dass Schnelltests über ihre Sensitivität hinaus überproportional zur Kontrolle des Infektionsgeschehens beitragen, zumal auch die Infektiosität mit der Viruslast einhergeht (11). Die Wichtigkeit der Spezifität lässt sich an dem positiven prädiktiven Wert (PPV) eines Schnelltests mit einer Spezifität von 99,6 % unter einer angenommenen Prävalenz von 1 % zeigen: Würden damit 1 000 Personen getestet, dann wäre bei 3 positiven Schnelltests ein falsch-positives Resultat zu erwarten (PPV von 67 %).

Erfahrungen am Universitätsklinikum Heidelberg, wo bereits mehr als 7 000 Personen vor Aufnahme ins Krankenhaus getestet wurden, zeigen, dass Schnelltests, die eine solch hohe Spezifität erreichen, auch für das Screening von asymptomatischen Personen geeignet sind. Bei allen 51 im Schnelltest positiven Patienten wurde anschließend ein PCR-Test durchgeführt und mit insgesamt 44 richtig-positiven Nachweisen ein PPV von 86 % erreicht (persönliche Kommunikation Claudia Denkinger).

Da der positive und der negative prädiktive Wert stark von der aktuellen Infektionsprävalenz abhängt, ist die Einordnung der Ergebnisse von Schnelltests erschwert. Aus diesem Grund hat das RKI kürzlich einen entsprechenden Anwendungshinweis im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht (12).

Die Durchführung von Schnelltests ist einfach, bedarf keiner Laborerfahrung und bei den meisten der Tests kein zusätzliches Instrumentarium. Eine Spanne von etwa 30 Minuten bis zum Resultat erlaubt, wenn der Test am Patienten (Point-of-Care-Testung) durchgeführt wurde, eine unmittelbare Ergebnismitteilung und Entscheidung zur Isolation.

Für die meisten Schnelltests ist eine Abstrichentnahme aus dem Nasen-Rachen-Raum vorgesehen. Vergleichbare Ergebnisse bei Abstrichen aus dem Nasenvorhof wurden bereits in Studien gezeigt und auch Abstriche im Mund-Rachen-Raum erscheinen praktikabel (13, persönliche Kommunikation Isabella Eckerle). Laut Aussage einiger Hersteller werden die Nutzungsanweisungen diesbezüglich zeitnah ergänzt. Bei der Umsetzung der Tests wird dadurch ein Task-Shifting weg vom medizinischen Personal möglich (14).

Mehrwert bei Implementierung im geeigneten Setting

Mathematische Modellierungen zur Ausbreitung von SARS-CoV-2 haben gezeigt, dass ein Test mit imperfekter Sensitivität, der häufig eingesetzt wird und ein schnelles Ergebnis liefert, das Potenzial hat, die Kontrolle des Infektionsgeschehens auf Bevölkerungsebene positiv zu beeinflussen und Ausbrüche zu verhindern (15). Dieses Prinzip ist bereits bekannt und für andere respiratorische Infektionserkrankungen gut beschrieben (16). Die Kosteneffektivität einer solchen Teststrategie für SARS-CoV-2 bezogen auf die Bevölkerung ist ebenfalls bereits dokumentiert (17, 18).

Mittels Schnelltests können Teststrategien komplementär auf Bereiche ausgeweitet werden, für die derzeit eine umfassendere Testung mittels PCR nicht umsetzbar wäre (19). Grafik 2 skizziert beispielhaft Settings für die Implementierung von Schnelltests. Grundsätzlich ist zu beachten, dass das negative Ergebnis eines Schnelltests immer nur eine Momentaufnahme darstellt und nur für denselben Tag gelten kann (ebenso wie für die PCR, siehe Virusdynamik in Grafik 1).

Verschiedene Settings für die Implementierung von Antigen-Schnelltests.
Grafik 2
Verschiedene Settings für die Implementierung von Antigen-Schnelltests.

Beim Einsatz im Gesundheitswesen für die Differenzialdiagnostik bei symptomatischen Patienten muss dem Schnelltest immer eine PCR vorgezogen werden. Der Einsatz von Schnelltests parallel zur PCR-Testung bei symptomatischen Patienten ermöglicht eine schnelle Entscheidung für oder gegen Isolationsmaßnahmen. Ein Restrisiko bleibt hierbei bestehen und muss gegen das Risiko einer unerkannten Transmission durch verzögerte PCR-Ergebnisse abgewogen werden, beispielsweise wenn die Kapazitäten zur Isolation einer Klinik limitiert sind.

Schnelltests können auch einen Mehrwert beim Screening von asymptomatischen Patienten vor elektiven Vorstellungen im stationären und ambulanten Bereich bringen. Auch hier sollte eine PCR grundsätzlich bevorzugt werden, gerade beim Eintritt der Patienten in vulnerable Bereiche (z. B. hämatologische Stationen). Ein sequenzieller Einsatz (zunächst Schnelltest, bei positivem Ergebnis eine PCR als Bestätigungstest) kann vertretbar sein, wenn ein PCR-Ergebnis nicht zeitnah verfügbar ist, ein regelmäßiges Screening aufgrund begrenzter Kapazität nicht möglich ist (z. B. in Dialysezentren) oder Labore entlastet werden müssen, um für den Einsatz der PCR in kritischen Bereichen einen schnelleren Durchsatz zu ermöglichen. Durch dieses Vorgehen wird auch die Sicherheit von Mitarbeitern erhöht, wenn Aerosol-bildende Maßnahmen am Patienten wie Intubationen oder HNO-ärztliche Interventionen notwendig sind.

Aktives Screening könnte zur Normalisierung beitragen

Denkbar ist auch der regelmäßige Einsatz von Schnelltests zum aktiven Screening unabhängig von Symptomen in Bereichen, in denen Menschenansammlungen trotz aller Hygienemaßnahmen kaum zu vermeiden sind. Beispiele hierfür wären etwa Schulen und Kindergärten sowie Großbetriebe wie Schlachthöfe oder Fabriken und Gemeinschaftsunterkünfte. Hier könnte ein regelmäßiges Testen den Normalbetrieb größtenteils ermöglichen. Ebenfalls kann ein Testen zur schnellen Identifizierung von Clustern nach Erkennung eines Indexfalls hilfreich sein.

Aber auch außerhalb solcher erforderlichen Zusammenkünfte können Schnelltests einen Beitrag zur Wiederherstellung der Lebensnormalität leisten. Sofern eine ausreichende Zahl von Schnelltests auf dem Markt verfügbar ist, könnte etwa eine Testung vor Besuchen in Pflegeeinrichtungen, vor privaten Zusammenkünften (z. B. einer Chorprobe) oder vor Restaurant- und Theaterbesuchen erfolgen.

Priorisierung von Testkapazitäten erforderlich

Bei einem solchen Einsatz von Schnelltests sind jedoch einige Punkte zu bedenken: Zum einen darf der Gebrauch für diese Indikationen bei Ressourcenknappheit nicht auf Kosten der anderen Test-indikationen gehen (in Deutschland und global). Zum anderen muss auch innerhalb des Anwendungsbereiches „gesellschaftliches Leben“ eine klare Priorisierung von Testkapazitäten erfolgen und beispielsweise die Testung von Pflegeheimbesuchern Vorrang vor der Testung von Kinobesuchern haben.

Darüber hinaus muss die Qualität der Durchführung der Schnelltests gesichert sein (d. h. auch, dass eine Anwendung durch Laien vom Hersteller empfohlen sein muss), um negative Folgen einer falschen Anwendung zu verhindern (z. B. die Gefahr von Superspreading bei falscher Anwendung und daraus resultierender falscher Sicherheit). Grundsätzlich kann ein negativer Schnelltest kein „Freifahrtschein“ sein. Eine weitere Einhaltung der Präventionsmaßnahmen ist auch bei einem negativen Schnelltest enorm wichtig.

Nach der jüngsten Anpassung des Bevölkerungsschutzgesetzes vom 18. November 2020 bleibt die Meldepflicht auch für SARS-CoV-2-Schnelltest-Resultate bestehen. Die Anweisung zur Quarantäne im Falle eines positiven Schnelltests ist gegeben. Aufgrund der limitierten PCR-Kapazität kann nur ein gewisser Anteil der positiven Schnelltests bestätigt werden. Deshalb sollte die PCR zur Bestätigung – außerhalb des Gesundheitswesen – auf Resultate bei systemrelevanten Zusammenkünften beschränkt werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die Entscheidung zum Einsatz von Schnelltests grundsätzlich an der Vortestwahrscheinlichkeit einer Erkrankung, der Verfügbarkeit von Schnell- und PCR-Tests und der Relevanz eines schnellen Ergebnisses orientieren sollte. Außerdem sollten das Risiko von Kontaktpersonen nach möglicher Exposition sowie das Risiko eines Superspreading-Ereignisses bei einer unerkannten Infektion in die Überlegungen einfließen.

Die hier vorgestellten Szenarien und Strategien erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sollen vielmehr Teil einer konstruktiven Diskussion über den Einsatz von Schnelltests sein, die angesichts der aktuellen Realität der begrenzten Ressourcen zur PCR-Testung und der bereits jetzt ans Limit kommenden Kapazitäten der Gesundheitsämter geführt werden muss und mit der nationalen Teststrategie bereits gebahnt wurde (19).

Antigen-Schnelltests können durch ihre Schnelligkeit und einfache Durchführung einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie und zur Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens leisten, wenn sie evidenzbasiert und additiv zur bestehenden diagnostischen Infrastruktur eingesetzt werden.

Claudius Gottschalk , Dr. med. Stefan Weber, Lukas Brümmer
Klinische Tropenmedizin, Zentrum für Infektiologie, Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. med. Klaus Heeg
Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Zentrum für Infektiologie, Universitätsklinikum Heidelberg, Heidelberg

Prof. Dr. med. Isabella Eckerle
Zentrum für neu auftretende Viruserkrankungen, Universitätsklinikum Genf, Genf

Prof. Dr. med. Gérard Krause
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig; Medizinische Hochschule Hannover; Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig; Institut für Infektionsepidemiologie, TWINCORE, Hannover

PD Dr. med. Claudia M. Denkinger
Klinische Tropenmedizin, Zentrum für Infektiologie, Universitätsklinikum Heidelberg; Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), Heidelberg

Interessenkonflikte: Die Autoren geben an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

Der Artikel unterliegt nicht dem Peer-Review-Verfahren.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5020
oder über QR-Code.

Voraussetzungen für die Skalierbarkeit von antigenbasierten Schnelltests

Um eine Skalierbarkeit von Antigentests zu erreichen, müssen noch verschiedene Herausforderungen überwunden werden: Zum einen müssen die Schnelltests in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Auch wenn derzeit vielerorts Tests ausverkauft sind, gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass ausreichend Tests, die in unabhängigen Evaluationsstudien als gut bewertet werden, bis zu Beginn des kommenden Jahres zur Verfügung stehen werden.

Zum anderen muss die Anwendung einfacher werden. Die Evaluation des Abstrichs im Nasenvorhof oder anderer, einfacherer Probenentnahmen – ähnlich wie es für PCR-Tests bereits getan wurde – muss auch für Antigentests vorangetrieben und dann in Nutzungsanweisungen umgesetzt werden (22). Dies gilt für die professionelle Nutzung, aber noch viel mehr für die beaufsichtigte Selbst-Beprobung. Hierzu sind vergleichende Studien notwendig, die in Abstimmung mit einer benannten Stelle durchgeführt werden und bei denen sich die Probanden zwei Abstrichen unterziehen: einem Goldstandard-Abstrich (aktuell Abstrich des Nasen-Rachen-Raums) und einem innovativen Abstrich (z. B. Nasenvorhof). Eine solche Selbst-Beprobung erfordert weniger medizinisches Personal und ermöglicht die Skalierbarkeit des Testens.

Um die Anwendung von Antigentests im großen Rahmen sicher und effektiv zu ermöglichen, muss die qualitativ hochwertige Durchführung des Abstrichs und der Tests gesichert sein. Erforderlich sind Konzepte für das Anlernen von Trainern, die dann als Multiplikatoren dienen („Train the Trainer“). Auch regelmäßige Überprüfungen der Qualität hinsichtlich der Umsetzung von Schnelltests sind hierbei hilfreich (23).

Die Anforderungen an die Umsetzung von Selbsttests sind komplexer. Entsprechende Studien müssen nicht nur zeigen, dass hierbei eine vergleichbare Genauigkeit erreicht werden kann, sondern auch, dass ein Schnelltest durch Laien mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Bildungsgraden zum Beispiel zu Hause durchgeführt werden kann. Dabei ist sehr wichtig, dass die zuvor genannten Limitationen der Aussagekraft eines Schnelltests klar kommuniziert werden und die Testkapazität nicht zulasten von essenziellen Testindikationen ausgeschöpft wird (z. B. im Gesundheitswesen oder bei systemrelevanten Zusammenkünften).

1.
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3.
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4.
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5.
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6.
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Viruslast in infizierten Personen. Schematisch dargestellt sind die Nachweisgrenzen für PCR, Viruskultur und Antigen-Schnelltests.
Grafik 1
Viruslast in infizierten Personen. Schematisch dargestellt sind die Nachweisgrenzen für PCR, Viruskultur und Antigen-Schnelltests.
Verschiedene Settings für die Implementierung von Antigen-Schnelltests.
Grafik 2
Verschiedene Settings für die Implementierung von Antigen-Schnelltests.
1.World Health Organization: Antigen-detection in the diagnosis of SARS-CoV-2 infection using rapid immunoassays: interim guidance; https://www.who.int/publications/i/item/antigen-detection-in-the-diagnosis-of-sars-cov-2infection-using-rapid-immunoassays (letzter Aufruf am 19 November 2020).
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4.Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Liste der Antigen-Tests zum direkten Erregernachweis des Coronavirus SARS-CoV-2; https://antigentest.bfarm.de/ords/antigen/r/antigentests-auf-sars-cov-2/liste-der-antigentests?session=1382688891907&tz=1:00 (last accessed on 14 November 2020).
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9.Kissler SM, Fauver JR, Mack C, et al.: Viral dynamics of SARS-CoV-2 infection and the predictive value of repeat testing. medRxiv (preprint)2020; https://doi.org/10.1101/2020.10.21.20217042.
10.Pollock NR, Savage, TJ, Wardell H, et al.: Correlation of SARS-CoV-2 nucleocapsid antigen and RNA concentrations in nasopharyngeal samples from children and adults using an ultrasensitive and quantitative antigen assay. medRxiv (preprint) 2020; https://doi.org/10.1101/2020.11.10.20227371.
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13.Lindner AK, Nikolai, O, Kausch, F, et al.: Head-to-head comparison of SARS-CoV-2 antigen-detecting rapid test with self-collected anterior nasal swab versus professional-collected nasopharyngeal swab. medRxiv (preprint)2020; https://doi.org/10.1101/2020.10.26.20219600.
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15. Paltiel AD, Zheng A, Walensky RP: Assessment of SARS-CoV-2 Screening Strategies to Permit the Safe Reopening of College Campuses in the United States. JAMA Netw Open 2020; 3: e2016818 CrossRef MEDLINE PubMed Central
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19. Bundesministerium für Gesundheit: Die nationale Teststrategie – Coronatests in Deutschland; https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronatest.html (last accessed on 19 November 2020).
20.Lee RA, Herigon C, Benedetti A, et al.: Performance of Saliva, Oropharyngeal Swabs, and Nasal Swabs for SARS-CoV-2 Molecular Detection: A Systematic Review and Meta-analysis. medRxiv (preprint) 2020; https://doi.org/10.1101/2020.11.12.20230748.
21.Foundation for Innovative New Diagnostics: Antigen rapid tests: training package, https://www.finddx.org/covid-19/rdt-imp/rdt-training-pack/ (last accessed on 19 November 2020).

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Avatar #82689
Wiebelitz
am Sonntag, 27. Dezember 2020, 22:23

WHO-empfohlene Tests mit hohen falsch positiven Ergebnissen bei Einsatz im Screening

Leider stimmen die Literaturverweise nicht:
"Basierend auf diesen Daten hat unter anderem auch die Welt­gesund­heits­organi­sation bereits zwei Tests empfohlen (9, 10)."
9. Kissler SM, Fauver JR, Mack C, et al.: Viral dynamics of SARS-CoV-2 infection and the predictive value of repeat testing. medRxiv (preprint)2020; https://doi.org/10.1101/2020.10.21.20217042.
10. Pollock NR, Savage, TJ, Wardell H, et al.: Correlation of SARS-CoV-2 nucleocapsid antigen and RNA concentrations in naso-pharyngeal samples from children and adults using an ultrasensitive and quantitati-ve antigen assay. medRxiv (preprint) 2020; https://doi.org/10.1101/2020.11.10. 20227371
In beiden vorangehenden Quellen 7. und 8. finden sich tatsächlich Produktbeschreibungen/Nennungen auf der WHO-Seite. Der unter 7. (und 8.) genannte Test STANDARDTM Q COVID-19 Ag Test der Fa. SD Biosensor, Inc./Korea hat allerdings eine Spezifität laut Hersteller um die 98,9% (95,2-99,6%), sonst in Studien zwischen 92% und 100%. Der zweite Test unter 8. ist Panbio COVID-19 Ag Rapid Test Device (NASOPHARYNGEAL) der Fa. Abbott Rapid Diagnostics Jena GmbH hat eine Spezifität laut Hersteller um die 99,8% (98,8-100%), sonst in Studien zwischen 94.9% (91.2-98.6) und 100%. Zusammenfassend muss bei beiden Test selbst bei einer Inzidenz von 1000/100000 asymptomatischen Covid-19-Trägern mit mehr als die Hälfte falsch positiver Ergebnisse unter den positiven Ergebnissen gerechnet werden, wenn sie zum Screening eingesetzt werden.
Avatar #82689
Wiebelitz
am Sonntag, 27. Dezember 2020, 22:21

Antigentests auf SARS-CoV-2: Es zählt auch die Schnelligkeit

Leider stimmen die Literaturverweise nicht:
"Basierend auf diesen Daten hat unter anderem auch die Welt­gesund­heits­organi­sation bereits zwei Tests empfohlen (9, 10)."
9. Kissler SM, Fauver JR, Mack C, et al.: Viral dynamics of SARS-CoV-2 infection and the predictive value of repeat testing. medRxiv (preprint)2020; https://doi.org/10.1101/2020.10.21.20217042.
10. Pollock NR, Savage, TJ, Wardell H, et al.: Correlation of SARS-CoV-2 nucleocapsid antigen and RNA concentrations in naso-pharyngeal samples from children and adults using an ultrasensitive and quantitati-ve antigen assay. medRxiv (preprint) 2020; https://doi.org/10.1101/2020.11.10. 20227371
In beiden vorangehenden Quellen 7. und 8. finden sich tatsächlich Produktbeschreibungen/Nennungen auf der WHO-Seite. Der unter 7. (und 8.) genannte Test STANDARDTM Q COVID-19 Ag Test der Fa. SD Biosensor, Inc./Korea hat allerdings eine Spezifität laut Hersteller um die 98,9% (95,2-99,6%), sonst in Studien zwischen 92% und 100%. Der zweite Test unter 8. ist Panbio COVID-19 Ag Rapid Test Device (NASOPHARYNGEAL) der Fa. Abbott Rapid Diagnostics Jena GmbH hat eine Spezifität laut Hersteller um die 99,8% (98,8-100%), sonst in Studien zwischen 94.9% (91.2-98.6) und 100%. Zusammenfassend muss bei beiden Test selbst bei einer Inzidenz von 1000/100000 asymptomatischen Covid-19-Trägern mit mehr als die Hälfte falsch positiver Ergebnisse unter den positiven Ergebnissen gerechnet werden, wenn sie zum Screening eingesetzt werden.
Avatar #857828
Wolfgang Preiser
am Sonntag, 13. Dezember 2020, 09:07

Bestätigung von negativen Antigen-Schnelltests

Vielen Dank für diesen äußerst nützlichen Beitrag! Eine Frage aus der Ferne (Kapstadt, Südafrika, öffentliches Labor): Wir sorgen uns weniger um falsch-positive als um falsch-negative Testergebnisse im Schnelltest. Daher testen wir alle bei Aufnahme oder vor Operationen usw. negativ getesteten Patienten mittels PCR nach. Halten Sie einen solchen sequenziellen Einsatz (PCR als Bestätigungstest eines negativen Schnelltest-Ergebnisses) nicht für sinnvoll?
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matthias.orth@vinzenz.de
am Samstag, 12. Dezember 2020, 19:55

Der Dammbruch mit der Aufhebung des Arztvorbehaltes

Den Autoren ist für diesen Übersichtsartikel sehr zu danken, der viele Aspekte der Schnellteste gut zusammenfasst. Ich möchte aber 3 Aspekte ergänzen.

Durch die Aufhebung des Arztvorbehaltes für die Diagnostik - und das noch für einen Risikogruppe 3-Erreger -- hat sich eine völlig neue Situation ergeben, die wir Ärzte sehr kritisch begleiten müssen. In der Heilkunde dürfen nur geeignete Tests verwendet werden und nach der bald in Kraft tretenden IVDR (in vitro Diagnostika Direktive) der EU müssten dann diese Tests sogar einer Chargenzulassung unterzogen werden (class D, "if the transmissible agent is highly contagious and failure to detect it could result in a pandemic"). Ganz anders ist die derzeitige Lage: die Listung von aktuell 286 Tests auf den Seiten des BfArMs bedeutet lediglich, dass die Hersteller- oder Importeurangaben mit den PEI-Mindestkriterien verglichen wurden. Zwar gibt es externe objektive Vergleichsstudien, aber nur für sehr wenige Tests (die Seite von Kollegin Denkinger listet 9) und offensichtlich wurden v.a. die Tests untersucht, von denen eine bessere Leistung erwartet wird. Das Vertrauen auf die Selbstdeklaration der Importeure (die meisten davon mit Kernkompetenzen beim Import von Werbe- und Dekoartikeln) scheint, zumindest wenn man die Erfahrungen mit dem FFP2-Masken Debakel berücksichtigt, gefährlich. Wie das PEI künftig mit lediglich 120 Teststreifen die Sensitivität und Spezifität prüfen möchte mit einer Methode, die mindestens 200 Tests benötigt, ist ein Rätsel.

Zugelassen sind die Antigenschnellteste für die Untersuchung von Personen mit Covid-19-Symptomen innerhalb von sieben Tagen nach Symptombeginn durch medizinisches Fachpersonal, aber tatsächlich werden diese Tests ja vor allem verwendet bei Asymptomatischen zum Ausschluss einer Infektion, häufig von Laien oder sogar als Selbsttest. Damit ist dies eine Anwendung außerhalb der Zulassung. Extreme Vorsicht ist geboten, wenn alternative Probenmaterialien (wie Speichel oder Nasenvorhofabstriche) empfohlen werden. Wenn eine befriedigende Sensitivität nur mit dem Nasopharyngealabstrich erreicht wird, ist bei alternativen Materialien eine ungenügende Sensitivität zu erwarten. Bei den auf https://diagnosticsglobalhealth.org/ gelisteten Studien erfüllt kein einziger Test in nicht gebiasten Studien durchgängig die Mindestsensitivität von 80% und bei den alternativen Materialien wird so eine deutlich niedrigere Sensitivität erwartet. Im Studiensetting können durch die bessere Schulung, bessere Personalausstattung durchgängig bessere Testergebnisse als im Feldeinsatz erwartet werden.

Der Artikel beschreibt, dass die Meldepflicht auch für die SARS-CoV-2 Schnellteste besteht. Dies ist nicht ganz korrekt: Zum aktuellen Zeitpunkt müssen (leider) die positiven Befunde der SARS-CoV-2 Diagnostik nicht gemeldet werden, wenn sie als Schnelltest außerhalb der Heilkunde durchgeführt werden. Die Meldepflicht gilt nur für Ärzte (und medizinische Einrichtungen) und das IfSG erlaubt ja explizit Laien die Anwendung dieser SARS-CoV-2 Schnellteste.
Avatar #857650
matthias.orth@vinzenz.de
am Samstag, 12. Dezember 2020, 17:18

Der Dammbruch mit den Schnelltesten

Den Autoren ist für diese sehr schöne Übersicht zu danken. Ich möchte aber drei Aspekte ergänzen, die bei der Einsatz dieser Diagnostik von Belang sind.

Als Ärzte dürfen wir nur Teste einsetzen, die für den jeweiligen medizinischen Zweck geeignet sind. Diese Eignung können wir entweder durch eigene Vergleichsuntersuchungen feststellen oder aber durch andere Studien, wenn die Studienbedingungen auf die eigene Situation übertragbar ist und z.B. bei der internen und externen Qualitätssicherung man sich von der Leistungsfähigkeit der Tests überzeugt hat. Dies ist bei den Schnelltesten ausgehebelt: die Listung des BfArM von aktuell 286 Tests ist in keinster Weise ein Nachweis einer Eignung des Tests, sondern das BfArM vergleicht lediglich die Angaben des Herstellers oder Importeurs (von vielen ist das Hauptgeschäft der Import von Deko- oder Werbeartikeln) mit den Mindeskriterien. Diese vom PEI festgelegten Mindestkriterien beziehen sich aber auf ein komplett anderes Patientenkollektiv (nämlich Symtomatische) als da für diese Tests millionenfach eingesetzt werden (nämlich Asymptomatische oder Präsymptomatische). Leider gibt es immer noch nicht eine offizielle Zulassung der Tests mit tatsächlicher Prüfung, wie sie bei so einfachen Produkten wie FFP2 Masken zumindest jetzt durchgeführt werden. Die Erfahrungen mit den FFP2 Masken zeigten, dass viele "Selbstdeklarationen" leider nicht korrekt waren. Wie das PEI dann mit nur 120 Tests künfig eine ausreichende Validierung darstellen kann, ist unklar.


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