ArchivRechercheStrafbare Kindstötung: Ein schockierendes Urteil
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 11. November 2020 ist aus meiner persönlichen ärztlichen Sicht schockierend … Im hier zu beurteilenden Fall wurden Zwillinge intrauterin von ein und derselben Plazenta versorgt, wobei der eine Zwilling schwerstgeschädigt war, der andere hingegen gesund. Unzweifelhaft wäre der gesunde Zwilling vital gefährdet gewesen, wenn man den geschädigten Zwilling intrauterin mittels Kaliuminjektion getötet hätte, ohne den gesunden Zwilling zuvor zu entbinden und auf diese Weise vor einem potenziell letalen Schaden zu bewahren. Die ... ärztliche Entscheidung, den gesunden Zwilling zunächst mittels Sectio zu bergen, war folgerichtig diskussionslos unter medizinischen Aspekten die einzig richtige. …

Gesetze regeln grundsätzlich Standard- bzw. Regelprozesse, sollen also das Handeln unter Normalbedingungen normieren. Es kann daher in jeder Situation und auf jedem Rechtsgebiet übergeordnete Notstände oder Sondersituationen geben, die es rechtfertigen, von einer bestimmten gesetzlichen Vorschrift abzuweichen …

Selbstredend sind auch Gesetze kein Selbstzweck, sondern sie haben der jeweiligen Sache zu dienen, auf die sie bezogen sind. Folgerichtig gibt dieses höchstgerichtliche Urteil das fatale Signal, dass ein Arzt gut beraten wäre, sich möglicherweise bewusst gegen das Patientenwohl zu entscheiden und beispielsweise erhöhte Gefährdungen eines Patienten, die bei anderem Vorgehen vermeidbar wären, vorsätzlich und billigend in Kauf zu nehmen, um einer Strafverfolgung zu entgehen.

Anzeige

In einer solchen Konstellation wird aber das Gesetz über das Menschenwohl gestellt. Dies führt zu einer fatalen Verkehrung der Prioritäten. Ein Gesetz soll den Menschen und dem Menschenwohl dienen, und nicht umgekehrt. In entsprechender Weise hat auch ein Arzt in erster Linie dem Menschenwohl zu dienen und nicht der Einhaltung eines abstrakten Gesetzes. …

Erschreckend erscheint, dass die urteilenden Richter beim Bundesverfassungsgericht diese Aspekte, welche den Stellenwert einer jeden Gesetzgebung der Vernunft gemäß relativieren, im hier getroffenen Urteil offenkundig aus den Augen verloren haben. Und es erschreckt ebenso, dass die betroffenen Ärzte den Instanzenweg bis zum Bundesverfassungsgericht beschreiten mussten, ehe ihnen wenigstens zugestanden wurde, dass das zuvor verhängte Strafmaß in Anbetracht fehlender krimineller Energie aufzuheben war.

Prof. Dr. med. Jörg Piper, 56859 Bullay

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Anzeige