ArchivRechercheVergleich der ersten und zweiten Welle hospitalisierter Patienten mit SARS-CoV-2
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Die Sterblichkeit von COVID-19-Patienten variiert regional erheblich. In einer deutschen Beobachtungsstudie von 10 021 Patienten lag die Todesrate hospitalisierter beziehungsweise beatmeter Patienten bei 22 % beziehungsweise 53 % (1). Zunehmende Erfahrung und verbesserte Behandlungen könnten einen Rückgang der Sterblichkeit in der zweiten Welle erwarten lassen. Diesbezüglich liegen für Deutschland keine in identischem Umfeld gewonnene, hinsichtlich Patientencharakteristika und Therapie detaillierte Daten vor. Daher wurden Patienten der ersten und zweiten COVID-19-Welle aus Kliniken der Region Rosenheim, die in der ersten Welle als Hotspot galt, hinsichtlich Sterblichkeit und weiterer klinischer Endpunkte verglichen.

Methoden

Erwachsene Patienten der Region Rosenheim, die in Kliniken des RoMed-Verbunds mit einer SARS-CoV-2-Infektion hospitalisiert waren, wurden in einem prospektiven, multizentrischen Datenbankprojekt (CovidDB; ClinicalTrials.gov Identifier: NCT04344171; www.covid-db.com) erfasst. Hierfür lagen Voten der Ethikkommissionen der Universität Gießen und Ludwig-Maximilians-Universität München vor. Die Zeiträume  1. 3. 2020 bis 30. 6. 2020 und 1. 10. 2020 bis 31. 1. 2021 wurde der ersten beziehungsweise zweiten Welle zugeordnet. Eingeschlossen wurden nur Patienten mit PCR-bestätigter SARS-CoV-2-Infektion. Zur Charakterisierung wurden anthropometrische, respiratorische und klinische Parameter, Laborwerte zum Einweisungszeitpunkt, sowie Komorbiditäten erfasst. Hinsichtlich Therapien wurden antiinflammatorische (vor allem systemische Steroide), antivirale, antibiotische, antikoagulatorische (prophylaktische, therapeutische) Medikationen sowie Thrombozytenaggregationshemmung dokumentiert, weiterhin nasaler High-Flow (nHF), nichtinvasive Beatmung (NIV), invasive Beatmung, ECMO und Dialyse. Management und Therapieverfahren basierten auf hausinternen Standards in Anlehnung an nationale Empfehlungen. Als Endpunkte wurden Dauer des Krankenhaus- und Intensivaufenthaltes, Dauer der Beatmung sowie Vitalstatus in der Gesamtgruppe, getrennt mit und ohne Intensivtherapie beziehungsweise Beatmung, bei Entlassung aus dem zuletzt behandelnden Akutkrankenhaus mit Enddatum 26. Februar 2021 festgelegt. Vergleiche zwischen den Wellen erfolgten mit Fisher’s-Exact-Test und Mann-Whitney-U-Test.

Ergebnisse

Während der ersten Welle wurden 526, während der zweiten 623 Patienten mit SARS-CoV-2 hospitalisiert; 5 Patienten lehnten die Studienteilnahme ab und wurden nicht berücksichtigt. Die beiden Gruppen waren, abgesehen vom Alter (Median 73 [Bereich 23–97] vs. 75 [Bereich 18–99] Jahre; p = 0,041) und Charlson-Score, hinsichtlich Geschlecht, Symptomen, Vital-, Labor- und Blutgaswerten bei Einweisung nicht unterschiedlich. Medikation, respiratorische Unterstützung und klinischer Verlauf sind in der Tabelle dargestellt, die Sterblichkeit in der Grafik. Zum Enddatum waren noch 6 Patienten der zweiten Welle in Behandlung, wobei selbst bei deren Versterben die Sterblichkeit in der zweiten Welle immer noch geringer ausfallen würde.

Sterblichkeit beider Wellen verglichen auf unterschiedlichen Stationen, sowie Vergleich beider Wellen mit invasiver Beatmung (IMV)
Grafik
Sterblichkeit beider Wellen verglichen auf unterschiedlichen Stationen, sowie Vergleich beider Wellen mit invasiver Beatmung (IMV)
Vergleich von Medikation, respiratorischer Unterstützung (NHF) und klinischem Verlauf der Patienten der ersten und zweiten Welle
Tabelle
Vergleich von Medikation, respiratorischer Unterstützung (NHF) und klinischem Verlauf der Patienten der ersten und zweiten Welle

Diskussion

Unter den Gegebenheiten von Versorgungskliniken ließ sich in der zweiten Welle ein Rückgang der Gesamt- und Intensiv-Sterblichkeit beobachten, ähnlich zu einer niederländischen Studie (2). Demgegenüber fand sich in einer französischen Studie (3) sowie in deutschen Register-Daten (4) keine Verbesserung der Intensivsterblichkeit oder Prognose beatmeter Patienten, allerdings ein Rückgang der Intensiveinweisungen von 30 % auf 14 %. Basierend auf der umfassenden Charakterisierung der Patienten kann die hier beobachtete reduzierte Sterblichkeit schwerlich auf Gruppenunterschiede zurückgeführt werden. Insbesondere waren medianes Alter und Charlson-Score in der zweiten Welle sogar geringfügig höher. Aufgrund des Studiendesigns lassen sich keine kausalen Zusammenhänge zwischen Therapiestrategien und klinischem Verlauf herstellen. Bedeutsam war möglicherweise die häufigere Gabe systemischer Steroide in der zweiten Welle vor allem bei mindestens sauerstoffpflichtigen Patienten, während Remdesivir und Hydroxychloroquin nicht wesentlich zur Erklärung der Unterschiede der Sterblichkeit beigetragen haben dürften. Bemerkenswert war ein häufigerer Einsatz von nHF und NIV. Dies könnte zur Reduktion von Intensivverlegungen und Intubationen geführt haben (4). Entsprechend wurde die nHF inzwischen fester Bestandteil des Therapiealgorithmus bei akuter Hypoxämie und COVID-19 (5). Zusätzlich könnte die intermittierende Bauchlage unter milder Sedierung am wachen Patienten wirksam gewesen sein. Auch bei invasiver Beatmung lag die Sterblichkeit in der zweiten Welle niedriger, obgleich die Beatmungsstrategie, mit Ausnahme eines niedrigen endexspiratorischen Drucks bei höherer Lungencompliance, nicht wesentlich geändert wurde. Möglicherweise kam neben der gewachsenen Erfahrung im Umgang mit COVID-19-Patienten die sogenannte intensivierte Antikoagulation zum Tragen. Umgekehrt könnten Belastungsspitzen bei zeitgleicher Einweisung mehrerer Intensivpatienten und die höhere Verlegungsrate in der ersten Welle eine höhere Sterblichkeit begünstigt haben. Gemäß einer orientierend durchgeführten Cox-Regressionsanalyse wurde der Mortalitätsunterschied zwischen beiden Wellen bei Adjustierung für Alter, Geschlecht, Labor- und respiratorische Parameter, Linksherzinsuffizienz, Steroide, Antikoagulation, Intensivtherapie, Intubation, nHF, NIV sowie Therapielimitationen nur grenzwertig eliminiert (HR 0,683; 95-%-Konfidenzintervall [0,462; 1,012], p = 0,057). Insgesamt liegt die Erklärung der geringeren Sterblichkeit in der zweiten Welle am ehesten in einem umfassend verbesserten, multimodalen, nur begrenzt zu operationalisierenden Behandlungskonzept mit konsequenter Antiinflammation und Antikoagulation sowie später Intubation. Hinsichtlich der Übertragbarkeit ist einschränkend zu bemerken, dass es sich um eine relativ kleine, lokale Studie handelt. Positiv war, dass das Einzugsgebiet, Standorte, medizinisches Personal und Ausstattung stabil blieben. Als Schlussfolgerung ergibt sich, dass hospitalisierte Patienten aus einer während der ersten COVID-19-Welle stark belasteten süddeutschen Region in der zweiten Welle ein verbessertes Überleben zeigten, insbesondere intensiv- und beatmungspflichtige Patienten. Diese Unterschiede korrespondierten mit einer veränderten medikamentösen Therapie, dem häufigeren Einsatz von nHF und NIV und einer geringeren Intubationsrate.

Stephan Budweiser, Şevki Baş, Rudolf A. Jörres, Sebastian Engelhardt, Christian Thilo, Stefan von Delius, Florian Eckel, Uwe Biller, Katharina Lenherr, Jens Deerberg-Wittram, Andreas Bauer

Medizinische Klinik III, RoMed Klinikum Rosenheim (Budweiser, Baş) stephan.budweiser@ro-med.de; Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Ludwig-Maximilians-Universität München (Jörres); Zentrale Notaufnahme (Engelhardt); Medizinische Klinik I (Thilo); Medizinische Klinik II (von Delius) RoMed Klinikum Rosenheim; Innere Medizin, RoMed Klinik Bad Aibling (Eckel); Innere Medizin, RoMed Klinik Wasserburg (Biller); Internistische Intensivmedizin (Lenherr); Chief Executive Officer (Deerberg-Wittram); Institut für Anästhesie und operative Intensivmedizin (Bauer), RoMed Klinikum Rosenheim

Danksagung

Wir danken allen Mitarbeitern des RoMed-Verbunds, vor allem Hanns Lohner, Christoph Knothe, Michael Bayeff-Filloff, Birgitt Mergen, Hans Albert, Max von Holleben, Lisa van Maasakkers, Hedwig Grella, Ayşenur Kaya, Anja Krams, Julia Reiser, Sophie Gast, Antje Parstorfer, Anna Staudt, Roswitha Schmid, Sabine Leidl, Katarina Vlajic, Bardha Krivaqa, Katharina Thaler, dem ClarData-Team v.a. Julia Ferencz, und Luis Pauler.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 9. 3. 2021, revidierte Fassung angenommen: 14. 4. 2021

Zitierweise
Budweiser S, Baş Ş, Jörres RA, Engelhardt S, Thilo C, von Delius S, Eckel F, Biller U, Lenherr K, Deerberg-Wittram J, Bauer A: Comparison of the first and second waves of hospitalized patients with SARS-CoV-2. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0215 (online first).

Dieser Beitrag erschien online am 20. 4. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter: www.aerzteblatt-international.de

1.
Karagiannidis C, Mostert C, Hentschker C, et al.: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10 021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. Lancet Respir Med 2020; 8: 853–62 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Dutch C, Thrombosis C, Kaptein FHJ, et al.: Incidence of thrombotic complications and overall survival in hospitalized patients with COVID-19 in the second and first wave. Thromb Res 2020; 199: 143–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Contou D, Fraisse M, Pajot O, Tirolien JA, Mentec H, Plantefeve G: Comparison between first and second wave among critically ill COVID-19 patients admitted to a French ICU: no prognostic improvement during the second wave? Crit Care 2021; 25: 3 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Karagiannidis C, Windisch W, McAuley DF, Welte T, Busse R: Major differences in ICU admissions during the first and second COVID-19 wave in Germany. Lancet Respir Med 2021; 2213–2600(21)00101–6 CrossRef MEDLINE
5.
Kluge S, Janssens U, Spinner CD, Pfeifer M, Marx G, Karagiannidis C: Clinical practice guideline: Recommendations on in-hospital treatment of patients with COVID-19. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 1–7 VOLLTEXT
Sterblichkeit beider Wellen verglichen auf unterschiedlichen Stationen, sowie Vergleich beider Wellen mit invasiver Beatmung (IMV)
Grafik
Sterblichkeit beider Wellen verglichen auf unterschiedlichen Stationen, sowie Vergleich beider Wellen mit invasiver Beatmung (IMV)
Vergleich von Medikation, respiratorischer Unterstützung (NHF) und klinischem Verlauf der Patienten der ersten und zweiten Welle
Tabelle
Vergleich von Medikation, respiratorischer Unterstützung (NHF) und klinischem Verlauf der Patienten der ersten und zweiten Welle
1.Karagiannidis C, Mostert C, Hentschker C, et al.: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10 021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. Lancet Respir Med 2020; 8: 853–62 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Dutch C, Thrombosis C, Kaptein FHJ, et al.: Incidence of thrombotic complications and overall survival in hospitalized patients with COVID-19 in the second and first wave. Thromb Res 2020; 199: 143–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Contou D, Fraisse M, Pajot O, Tirolien JA, Mentec H, Plantefeve G: Comparison between first and second wave among critically ill COVID-19 patients admitted to a French ICU: no prognostic improvement during the second wave? Crit Care 2021; 25: 3 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Karagiannidis C, Windisch W, McAuley DF, Welte T, Busse R: Major differences in ICU admissions during the first and second COVID-19 wave in Germany. Lancet Respir Med 2021; 2213–2600(21)00101–6 CrossRef MEDLINE
5.Kluge S, Janssens U, Spinner CD, Pfeifer M, Marx G, Karagiannidis C: Clinical practice guideline: Recommendations on in-hospital treatment of patients with COVID-19. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 1–7 VOLLTEXT

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