ArchivRechercheAkademische Lehrpraxen: Aktiver Beitrag zur Ausbildung

MANAGEMENT

Akademische Lehrpraxen: Aktiver Beitrag zur Ausbildung

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Zahl hausärztlicher akademischer Lehrpraxen wird auf der Grundlage der novellierten Approbationsordnung aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren steigen. Auch für die Niedergelassenen bringt die Hinwendung zu einer praxisorientierteren Lehre einige Vorteile mit sich.

Foto: rocketclips/stock.adobe.com
Foto: rocketclips/stock.adobe.com

Sollten die auf der Grundlage des Masterplans 2020 entwickelten Änderungen der Ärztlichen Approbationsordnungen wie geplant durchgehen, wird die hausärztliche Lehre in der medizinischen Ausbildung ab dem Jahr 2025 eine weitere Aufwertung erfahren. Ab dem Zeitpunkt nämlich sollen alle Studierenden für sechs Wochen in Blockpraktika die Möglichkeit bekommen, bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten das gesamte Spektrum der ambulanten primärärztlichen Versorgung kennenzulernen. Hinzu kommt, dass die angehenden Medizinerinnen und Mediziner künftig ein Quartal ihres Praktischen Jahres (PJ) im vertragsärztlichen Bereich absolvieren müssen und die Allgemeinmedizin Pflichtfach im dritten Staatsexamen werden soll.

Anzeige

Die Lehrstühle für Allgemeinmedizin an den humanmedizinischen Fakultäten bereiten sich daher bereits intensiv auf die damit verbundene Ausweitung der akademischen Lehre in den Praxen vor, auch wenn die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) davon überzeugt ist, dass weder die verlängerten Blockpraktika noch das PJ-Quartal an einem Mangel an akademischen Lehrpraxen scheitern wird.

Auf Ausweitung gut vorbereitet

„Die allgemeinmedizinischen Institute und Abteilungen sind gut aufgestellt – an vielen Standorten reichen die Kapazitäten an Lehrpraxen bereits heute. Außerdem war der zusätzliche Bedarf seit Jahren absehbar, sodass auch die weniger institutionalisierten Standorte Lehrpraxen rekrutieren und schulen konnten“, erklärt DEGAM-Präsident Prof. Dr. med. Martin Scherer.

Auch Prof. Dr. med. Anne Simmenroth, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Würzburg, ist zuversichtlich, dass sich genügend akademische Lehrpraxen finden werden. „In den Großstädten sind wir bereits gut aufgestellt“, sagt sie. Seit Gründung des Lehrstuhls im Dezember 2017 stieg die Zahl der Lehrpraxen im Raum Würzburg/Franken von 65 bereits auf über 100.

Das entspricht in etwa dem Bundesdurchschnitt. Nach Angaben der DEGAM verfügen die Standorte im Mittel über 170 Lehrpraxen. Simmenroth verweist aber darauf, dass das hausärztliche Lehrpraxis-Netz im ländlichen Bereich noch dichter werden muss, um dem Bedarf in der ambulanten akademischen Lehre ab dem Jahr 2025 gerecht werden zu können. „Unser Ziel ist es, hier innerhalb der nächsten fünf Jahre etwa 80 weitere Praxen zu finden“, so die Lehrstuhlinhaberin.

Hohe Bindung an den Lehrstuhl

Die Gewinnung der Lehrpraxen obliegt wie in Würzburg auch andernorts den allgemeinmedizinischen Lehrstühlen. Die Rekrutierung neuer Praxen erfolgt über Fortbildungsveranstaltungen, Qualitätszirkel, Kongresse und Tagungen der Fachgesellschaften und Vereinigungen, wie der DEGAM, der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin oder der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung sowie über Aufrufe in Print- und Onlinemedien oder mit Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigungen. Studierende in der Niederlassung ausbilden dürfen sowohl Praxisinhaber als auch angestellte Ärztinnen und Ärzte.

Allein die Freude an der Ausbildung von Medizinstudierenden reicht jedoch nicht aus, um akademische Lehrpraxis zu werden. Zu den Voraussetzungen für eine Qualifikation als Lehrärztin oder Lehrarzt gehören unter anderem eine mindestens fünf Jahre währende hausärztliche Tätigkeit, die Orientierung an einer evidenzbasierten Medizin, regelmäßige Hausbesuche, die Langzeitbetreuung chronisch kranker und alter Patientinnen und Patienten sowie eine psychosomatische Grundversorgung. Hinzu kommen – insbesondere für die Betreuung von PJlern – das Vorliegen einer Weiterbildungsbefugnis, geeignete Räumlichkeiten, um dem oder der Studierenden ein eigenes Behandlungszimmer zur Verfügung stellen zu können sowie bestimmte diagnostische Möglichkeiten wie Lungenfunktionstests, Ultraschall und EKG.

Die Vorbereitung einer Hausarztpraxis auf ihren akademischen Lehrauftrag erfolgt auf der Basis etablierter Standards für die primärärztliche Versorgung, zu denen regelmäßige didaktische und fachliche Fortbildungen an den allgemeinmedizinischen Lehrstühlen gehören. Darüber hinaus bieten die Institute den Lehrärztinnen und -ärzten die Möglichkeit zum kollegialen Austausch und eine – je nach Bundesland unterschiedlich hoch ausfallende – Aufwandsentschädigung an.

„In der Regel entsteht eine hohe Bindung an den Lehrstuhl“, so Simmenroth. Viele Lehrpraxen seien zudem bereit, durch die Teilnahme an Forschungsprojekten einen aktiven Beitrag zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, zum Beispiel in der Versorgungsforschung, zu leisten.

Der Allgemeinmediziner Dr. med. Johannes Kromczynski, der in Zellingen mit vier Kollegen und einer Kollegin eine Gemeinschaftspraxis betreibt, begrüßt die geplante Ausweitung der akademischen Lehre in der hausärztlichen Versorgung. „Die Coronapandemie bestätigt, wie wichtig es ist, die hausärztliche Medizin zu stärken und den Medizinstudenten frühzeitig und umfassend Einblicke in die primärärztliche Versorgung und die ökonomischen Aspekte einer Niederlassung zu gewähren“, so der Allgemeinarzt.

Lehrpraxis lohnt sich immer

In seiner Praxis laufen bereits seit 2014 ständig Praktikantinnen und Praktikanten mit und erhalten Einblicke in ein breites Spektrum an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, von Sonografie und EKG über Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen bis hin zu Disease-Management-Programmen. Bislang hat Kromczynski nur gute Erfahrungen mit der Ausbildung der Studierenden gemacht. Auch die Patienten hätten zumeist keine Probleme mit den Praktikanten. „Wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient stimmt und sie es gut kommunizieren, klappt das in aller Regel problemlos.“

„Es ist immer von Vorteil, Lehrpraxis zu sein, allein schon, weil man durch den ständigen Austausch mit den Studierenden gezwungen ist, seine Arbeit immer wieder neu zu reflektieren“, resümiert Simmenroth. Zudem erwüchsen aus den Praktika oftmals langjährige Beziehungen oder sogar die Möglichkeit, sich einen Praxisnachfolger heranzuziehen. Petra Spielberg

Stärkung der Allgemeinmedizin

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ bildet die Grundlage für die Novellierung der Ärztlichen Approbationsordnung, mit der der Allgemeinmedizin in der Ausbildung ein größerer Stellenwert eingeräumt werden soll. Ziel ist es, der Bedeutung des Faches gerecht zu werden und mehr allgemeinmedizinischen Nachwuchs für die flächendeckende Versorgung zu gewinnen.

Hierfür sollen ambulante allgemeinmedizinische Ausbildungsstätten vom ersten bis zum letzten Semester in die humanmedizinische Lehre einbezogen und das Netz an hausärztlichen akademischen Lehrpraxen, vor allem im ländlichen Raum, ausgeweitet werden. Geplant ist, dass Studierende ab 2025 bis zum zehnten Semester vier einwöchige und zwei zweiwöchige Blockpraktika (statt bisher insgesamt zwei Wochen Blockpraktikum) in nicht mehr als zwei verschiedenen allgemeinmedizinischen Lehrpraxen verbringen sollen. Pro Semester soll nur ein Blockpraktikum, beginnend mit dem zweiten Semester, abgeleistet werden dürfen. Das Praktische Jahr soll von drei auf vier Abschnitte je zwölf Wochen umgestellt werden. Ein Quartal soll im ambulanten vertragsärztlichen Bereich absolviert werden.

Vorteile für Lehrpraxen

  • Erfahrungsaustausch mit den Studierenden
  • Unterstützung und Begleitung von Medizinstudierenden in ihrem Studium
  • Intensiver Kontakt mit der Medizinischen Fakultät und der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung
  • Vertiefung didaktischer Fähigkeiten
  • Berechtigung zum Führen der Bezeichnung „Akademische Lehrpraxis“

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Stellenangebote

    Alle Leserbriefe zum Thema