ArchivRechercheEntwicklung der stationären Einleitungen und Kontrollen einer außerklinischen Beatmung in Deutschland
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Die außerklinische Beatmung stellt eine etablierte Therapieoption der chronischen, hyperkapnischen respiratorischen Insuffizienz dar (1). Dabei wird eine Positiv-Druckbeatmung intermittierend oder auch bis zu 24 Stunden pro Tag entweder invasiv über ein Tracheostoma oder nichtinvasiv über Gesichtsmasken im häuslichen Bereich durchgeführt. Sowohl die Einleitung einer solchen Beatmung als auch die regelmäßige Kontrolle der Beatmungseffektivität ist nach Maßgabe der aktuellen Leitlinien an eine stationäre Behandlung gebunden (1). Vor dem Hintergrund des verbesserten intensivmedizinischen Ergebnisses und der technischen Entwicklungen wird eine Zunahme dieses Patientenkollektivs beobachtet (2, 3).

Auf der Grundlage der sich hierdurch zuspitzenden Versorgungssituation, nicht zuletzt auch durch den zunehmenden Fachkräftemangel, hat der Deutsche Bundestag das Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz (GKV-IPReG) formuliert. Damit sollen sowohl die Versorgungsqualität von außerklinisch intensivpflegebedürftigen Menschen verbessert werden, aber auch Fehlanreize vermieden werden und die Selbstbestimmung der Betroffenen gestärkt werden. Belastbare epidemiologische Zahlen zur außerklinischen Beatmung in Deutschland stehen dabei nur unzureichend zur Verfügung.

Methode

Analysiert wurden die Datensätze des Statistischen Bundesamts über die OPS-Kennziffern (Operation and Procedure Classification System) zur außerklinischen Beatmung in der stationären Patientenversorgung im Zeitraum von 2008 bis 2018 (N = 505 411). Die Analyse umfasste unter der Hauptprozedur 8–716 die häusliche maschinelle Beatmung über Maske oder Tracheostoma und gliedert sich in der Folge in die Prozedurenschlüssel 8–716.0 (Ersteinstellung einer nichtinvasiven oder invasiven häuslichen Beatmung) und 8–716.1 (Kontrolle oder Optimierung einer früher eingeleiteten nichtinvasiven oder invasiven häuslichen Beatmung). Für das Jahr 2018 war eine getrennte Analyse für die invasive und die nichtinvasive Beatmung möglich.

Ergebnisse

In Grafik 1 sind die Entwicklungen der stationären Einleitungen und Kontrollen der außerklinischen Beatmung demonstriert. Das Alter der Patienten betrug im Mittel 63,1 Jahre (Grafik 2). Der größte Zuwachs der Fälle ergab sich bei Patienten mit einem Alter von über 75 Jahren (+ 206,28 %; 5 226 auf 16 006). Im Jahr 2018 wurden 15 865 Patienten (94 %) auf eine nichtinvasive Beatmung und 1 077 Patienten (6 %; 4 % nach erfolgloser Entwöhnung vom Respirator/Weaning und 2 % nach elektiver Einleitung) auf eine invasive Beatmung stationär eingeleitet. Zudem wurden 42 729 Patienten (93 %) mit nichtinvasiver Beatmung sowie 3 350 Patienten (7 %) mit invasiver Beatmung 2018 stationär bezogen auf die Beatmung kontrolliert.

Entwicklung der stationären Einleitungen und Kontrollen einer außerklinischen Beatmung mit Darstellung der Geschlechterverteilung in den Jahren 2008 bis 2018 in Deutschland (invasiv und nichtinvasiv
Grafik 1
Entwicklung der stationären Einleitungen und Kontrollen einer außerklinischen Beatmung mit Darstellung der Geschlechterverteilung in den Jahren 2008 bis 2018 in Deutschland (invasiv und nichtinvasiv
Altersstruktur der Patienten bei der stationären Ersteinleitung und Kontrolle einer außerklinischen Beatmung im Jahr 2018
Grafik 2
Altersstruktur der Patienten bei der stationären Ersteinleitung und Kontrolle einer außerklinischen Beatmung im Jahr 2018

Diskussion

Es zeigt sich zwischen 2008 und 2018 eine Verdopplung der Patienten, die sowohl zur Einleitung als auch zur Kontrolle einer außerklinischen Beatmung in Deutschland hospitalisiert werden. Dabei sind die Fallzahlen mit fast 17 000 Neueinleitungen und mit über 46 000 Kontrollen einer außerklinischen Beatmung im Jahr 2018 extrem hoch. Insbesondere ältere Patienten werden zunehmend mit einer außerklinischen Beatmung stationär behandelt. Hier war besonders der Anstieg der Fallzahlen bei Patienten im Alter von über 75 Jahren bemerkenswert, da in dieser Patientengruppe eine hohe Koinzidenz substanzieller Komorbiditäten besteht (3).

Insbesondere sind Patienten mit invasiver außerklinischer Beatmung häufig abhängig von einer spezialisierten intensivmedizinisch ausgerichteten Pflege im häuslichen Umfeld, in Pflegeeinrichtungen oder in Beatmungswohngemeinschaften (2). Während diese Situation für einige Patienten ein lebenswertes Leben ermöglichen kann, berichten andere Patienten über schwere Einschränkungen ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität und über ein nicht lebenswertes Leben (4). Letzteres betrifft insbesondere Patienten mit chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen und damit die größte Gruppe der Patienten mit außerklinischer Beatmung sowie vor allen Dingen Patienten mit erfolglosem Weaning (3, 4). Die aktuelle Analyse zeigt die Bedeutsamkeit dieser Zusammenhänge vor dem Hintergrund von gegenwärtig über 1 000 jährlichen Neueinleitungen auf eine invasive außerklinische Beatmung in Deutschland.

Die hier und an anderer Stelle (3) dargestellte rasante Entwicklung der außerklinischen Beatmung in Deutschland zeigt auch die drohenden Grenzen des Systems, insbesondere wenn eine außerklinische Beatmung primär auf den stationären Sektor beschränkt bleibt. Hierbei könnte eine patientenzentrierte Neuausrichtung der Versorgungsstrukturen einen sinnvollen Lösungsansatz bieten, da neuere Arbeiten das Potenzial der ambulanten Betreuung dieser Patienten nahelegen (1, 5). Dies sollte nicht nur vor dem Hintergrund der stationären Kapazitäten, sondern auch aus ökonomischer Perspektive erfolgen. Entsprechend könnten ambulante Versorgungsstrukturen zielgerichteter zumindest für die Kontrolle einer außerklinischen Beatmung überdacht werden. Gerade die hohe Zahl von über 40 000 stationären Kontrollen einer nichtinvasiven Beatmung in Deutschland pro Jahr macht ein Umdenken zwingend notwendig. Hierbei sollten ambulante Kontrolluntersuchungen selbstverständlich nicht nur unter ökonomischen Aspekten, sondern vielmehr auch aus patientenrelevanten Gründen erwogen werden, da für schwerkranke und häufig komorbide Patienten ein stationärer Aufenthalt eine Bürde darstellt und mitunter Risiken (beispielsweise nosokomiale Infekte) in sich trägt.

Die vorliegende Analyse der Abrechnungsziffern kann zur weiteren gesundheitspolitischen Ausrichtung allerdings nur als ein Baustein dienen, da eine alleinige Analyse von Abrechnungsziffern die Realität der Patientenzahlen nur eingeschränkt erfassen kann. Daher sind weitere klinische Studien zur Erfassung der Kenngrößen, Diagnosen und Versorgungscharakteristika unerlässlich, um eine patientenzentrierte Versorgung bei außerklinischer Beatmung auch in Zukunft zu gewährleisten.

Sarah Bettina Schwarz, Maximilian Wollsching-Strobel, Daniel Sebastian Majorski, Friederike Sophie Magnet, Tim Mathes, Wolfram Windisch

Lungenklinik Merheim, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Witten/Herdecke University
(Schwarz, Wollsching-Strobel, Majorski, Magnet, Windisch) windischw@kliniken-koeln.de

IFOM – Institute for Research in Operative Medicine, Witten/Herdecke University (Mathes)

Interessenkonflikt
Dr. Schwarz wurde für Beratertätigkeiten honoriert von Philips Respironics. Sie erhielt Erstattung für Kongressgebühren und Reise- und Übernachtungskosten von Löwenstein Medical und Philips Respironics.

Dr. Majorski bekam Erstattung von Teilnahmegebühren für Kongresse sowie für Reise- und Übernachtungskosten von ResMed.

PD Magnet wurde für Beratertätigkeiten honoriert von Philipps Respironics. Sie erhielt Erstattung für Kongressgebühren und Reise- und Übernachtungskosten von Vivisol. Löwenstein Medical und Philips Respironics. Für Vorträge wurde sie honoriert von Philips Respironics, GHD (GesundHeits GmbH) und Smiths Medical.

Prof. Windisch erhielt Honorare für die Vorbereitung von wissenschaftlichen Tagungen von Löwenstein Medical, Res Med und Philips Respironics.

Die Forschungsgruppe (PD Magnet, Dr. Majorski, Prof. Windisch, Dr. Schwarz) erhielt Forschungsförderungen von Philips Respironics, Löwenstein Medical, Weinmann, VitalAire und Vivisol. Zusätzlich erhält die Forschungsgruppe Mittel des Innovationsfonds zur Förderung von Versorgungsforschung (§ 92a Abs. 2 Satz 1 SGB V). Das Förderkennzeichen lautet: 01VSF19051.

Dr. Mathes und Herr Wollsching-Strobel erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 11. 11. 2020, revidierte Fassung angenommen: 26. 3. 2021

Zitierweise
Schwarz SB, Wollsching-Strobel M, Majorski DS, Magnet FS, Mathes T, Windisch W: The development of inpatient initiation and follow-up of home mechanical ventilation in Germany. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 403–4. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0193

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Windisch W, Dreher M, Geiseler J, et al.: S2k-Leitlinie: Nichtinvasive und invasive Beatmung als Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz–Revision 2017. Pneumologie 2017; 71: 722–95 CrossRef MEDLINE
2.
Windisch W, Dellweg D, Geiseler J, et al.: Prolonged weaning from mechanical ventilation: results from specialized weaning centers—a registry-based study from the WeanNet Initiative. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 197–204 VOLLTEXT
3.
Karagiannidis C, Strassmann S, Callegari J, Kochanek M, Janssens U, Windisch W: Epidemiologische Entwicklung der außerklinischen Beatmung: Eine rasant zunehmende Herausforderung für die ambulante und stationäre Patientenversorgung. Dtsch Med Wochenschr 2019; 144: e58–63 CrossRef MEDLINE
4.
Huttmann SE, Magnet FS, Karagiannidis C, Storre JH, Windisch W: Quality of life and life satisfaction are severely impaired in patients with long-term invasive ventilation following ICU treatment and unsuccessful weaning. Ann Intensive Care 2018; 8: 38 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Schwarz SB, Callegari J, Hamm C, Windisch W, Magnet FS: Is outpatient control of long-term non-invasive ventilation feasible in chronic obstructive pulmonary disease patients? Respiration 2018; 95: 154–60 CrossRef MEDLINE
Entwicklung der stationären Einleitungen und Kontrollen einer außerklinischen Beatmung mit Darstellung der Geschlechterverteilung in den Jahren 2008 bis 2018 in Deutschland (invasiv und nichtinvasiv
Grafik 1
Entwicklung der stationären Einleitungen und Kontrollen einer außerklinischen Beatmung mit Darstellung der Geschlechterverteilung in den Jahren 2008 bis 2018 in Deutschland (invasiv und nichtinvasiv
Altersstruktur der Patienten bei der stationären Ersteinleitung und Kontrolle einer außerklinischen Beatmung im Jahr 2018
Grafik 2
Altersstruktur der Patienten bei der stationären Ersteinleitung und Kontrolle einer außerklinischen Beatmung im Jahr 2018
1.Windisch W, Dreher M, Geiseler J, et al.: S2k-Leitlinie: Nichtinvasive und invasive Beatmung als Therapie der chronischen respiratorischen Insuffizienz–Revision 2017. Pneumologie 2017; 71: 722–95 CrossRef MEDLINE
2.Windisch W, Dellweg D, Geiseler J, et al.: Prolonged weaning from mechanical ventilation: results from specialized weaning centers—a registry-based study from the WeanNet Initiative. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 197–204 VOLLTEXT
3.Karagiannidis C, Strassmann S, Callegari J, Kochanek M, Janssens U, Windisch W: Epidemiologische Entwicklung der außerklinischen Beatmung: Eine rasant zunehmende Herausforderung für die ambulante und stationäre Patientenversorgung. Dtsch Med Wochenschr 2019; 144: e58–63 CrossRef MEDLINE
4.Huttmann SE, Magnet FS, Karagiannidis C, Storre JH, Windisch W: Quality of life and life satisfaction are severely impaired in patients with long-term invasive ventilation following ICU treatment and unsuccessful weaning. Ann Intensive Care 2018; 8: 38 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Schwarz SB, Callegari J, Hamm C, Windisch W, Magnet FS: Is outpatient control of long-term non-invasive ventilation feasible in chronic obstructive pulmonary disease patients? Respiration 2018; 95: 154–60 CrossRef MEDLINE

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