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Guinea: Mit Kräutern gegen Malaria und Aids

Jelenik, Armin

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Klinik in N’Zerekore: Die Versorgung der Patienten wird von den Familien übernommen.
Klinik in N’Zerekore: Die Versorgung der Patienten wird von den Familien übernommen.
Die medizinische Versorgung im westafrikanischen Guinea gehört zu den schlechtesten der Welt.

Als Verwalter des Mangels macht Ousmane Balde eine gute Figur: Sein grüner Kaftan mit dem passenden Fez auf dem Kopf haben orientalischen Chic, das angenehm klimatisierte Büro mit den tiefen Ledersesseln strahlt Macht und Einfluss aus. Ganz im Gegensatz zu den Szenen, die sich vor seiner Bürotür abspielen: Im Hof des Kreiskrankenhauses der ostguineischen Provinzhauptstadt N’Zerekore schöpfen Frauen in der gleißenden Mittagshitze Wasser aus einem Ziehbrunnen, bereiten für ihre Angehörigen, die in einem der spartanischen Zimmer rund um den Hof behandelt werden, das Essen zu, waschen die Wäsche und verleihen der Klinik das Flair eines afrikanischen Basars.
„Uns fehlen mindestens 50 Betten, Schränke, ein Röntgengerät, Material für den Operationssaal und gut ausgebildete Mitarbeiter“, klagt Balde, der Direktor des Hauses. Die Glücklicheren der Patienten bekommen eines der 150 Betten und ein eigenes Moskitonetz. Für viele andere bleibt nur eine Bastmatte auf dem Fußboden.
Wesentlich ärmer als in Guinea geht es in kaum einem anderen Land zu: Im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen taucht das westafrikanische Land unter 162 Staaten auf dem 150. Platz auf – der Grund wird spätestens beim Blick auf die statistischen Daten zur Gesundheitsversorgung deutlich: Für 7,3 Millionen Menschen stehen gerade einmal 35 Krankenhäuser zur Verfügung, ein Arzt muss theoretisch 10 000 Menschen versorgen. Allerdings nutzten nur etwa 21 Prozent der Bevölkerung die staatlichen Gesundheitszentren – schließlich müssten sie für jede Behandlung etwa zehn Dollar bezahlen, erklärt Ousmane Balde. „Bei einer Bevölkerung, die in der Regel nicht einmal zehn Dollar im Monat verdient, kann sich das kaum jemand leisten.“
Gelbfieberimpfung in Goboela: Spenden ermöglichten diese Impfung. Die Aufklärungsarbeit der Mitarbeiter von Plan International hat den Großteil der Dorfbevölkerung vom Sinn der Impfung überzeugt. Fotos: Karin Rummel
Gelbfieberimpfung in Goboela: Spenden ermöglichten diese Impfung. Die Aufklärungsarbeit der Mitarbeiter von Plan International hat den Großteil der Dorfbevölkerung vom Sinn der Impfung überzeugt. Fotos: Karin Rummel
Die Säuglingssterblichkeit beträgt 112 auf 1 000 Geburten, jährlich sterben mehr als 60 000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung und an Malaria. 34 Prozent der Menschen sind mangelernährt, 48 Prozent haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Lebenserwartung liegt bei 47 Jahren – Zahlen, die so finster sind, dass man den Eindruck gewinnen könnte, Afrika habe seinen Beinamen „der schwarze Kontinent“ der medizinischen Unterversorgung seiner Bevölkerung zu verdanken.
Im Dorf Koundou gibt es einen von der Kinderhilfsorganisation Plan eingerichteten Gesundheitsposten. In einem Raum befinden sich ein Stufenbett und eine Petroleumlampe – „Geburtszentrum“ nennt Salamanan Sandouno das karge Zimmer. Sandouno ist der Chef von zwölf medizinischen Gemeindehelfern, die von Plan in die Präfektur Koundou entsandt wurden, um wenigstens die Basisversorgung sicherzustellen. Zusammen mit den Dorfbewohnern bauen sie Gesundheitsposten und Latrinen, bohren Brunnenlöcher und klären über die Gefahren von Aids und Malaria auf – und sind dennoch viel zu häufig auf ihr Improvisationstalent angewiesen. Wenn bei einer Geburt ein Kaiserschnitt notwendig wird, muss der Krankenwagen der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ aus der nächstgrößeren Stadt gerufen werden. Zwei Stunden dauere die Fahrt über die kaum passierbaren Wege, und oft sei es für Mutter und Kind zu spät, sagt Sandouno.
Siba Bilivogui hat es einfacher. „Wenn ich weiß, an welcher Krankheit ein Patient leidet, gehe ich in den Wald und suche die passenden Kräuter“, erklärt der kaum 1,60 Meter große Mann, der im Dorf Goboela als traditioneller Heiler arbeitet. In einer Hütte bewahrt er kleine Tütchen mit getrockneten Blättern, Rinden und Kräutern auf, die gegen Schlangenbisse und Knochenbrüche, Durchfall und Impotenz helfen sollen. Mit religiösem Firlefanz habe das nichts zu tun, betont der 61-Jährige. Das Wissen um die Heilkraft der Natur sei Jahrtausende alt, werde vom Vater auf den Sohn vererbt und sei in vielen Fällen erfolgreicher als die westliche Schulmedizin. Der Gesundheitsposten, den Plan auch in Goboela eingerichtet hat, und die sieben traditionellen Heiler des Dorfes machen sich jedenfalls keine Konkurrenz. Jeder wisse, was der andere könne, meint Bilivogui, und selbst bei Epilepsie werde meist auf die Kraft der Naturheilkunde vertraut.
Apotheke in Gueckedou: Alle vorrätigen Medikamente liegen in der Auslage. Der Apotheker kann wegen der häufigen Stromausfälle keine Medikamente lagern, die gekühlt werden müssen.
Apotheke in Gueckedou: Alle vorrätigen Medikamente liegen in der Auslage. Der Apotheker kann wegen der häufigen Stromausfälle keine Medikamente lagern, die gekühlt werden müssen.
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Ein erfolgreiches und vor allem wesentlich billigeres Modell, um die Gesundheitsversorgung Guineas auf Vordermann zu bringen? Camara Mamadi hat seine Zweifel. Der Chefgesundheitsplaner von Plan prognostiziert eine düstere Zukunft. Eine internationale Studie, an der Mamadi mitgearbeitet hat, zeigt, dass sich HIV/Aids inzwischen auch in Guinea ausbreiten. Verglichen mit dem südlichen Afrika, wo ganze Generationen von dem Virus dahingerafft werden, ist eine Infektionsrate von 2,8 Prozent allerdings noch niedrig.
Doch auch die relative politische Stabilität Guineas hat ihre Schattenseiten. Weil das Land in den vergangenen Jahren von Bürgerkriegen weitgehend verschont blieb, flüchten viele Bewohner aus Liberia, Sierra Leone, Elfenbeinküste, Mali und Guinea-Bissau bei Unruhen und Hungersnöten nach Guinea. Experten schätzen, dass 600 000 bis 1,3 Millionen Flüchtlinge vor allem in der so genannten Waldregion um die Provinzhauptstadt N’Zerekore leben. Eine ungeheure Belastung für die ohnehin kaum vorhandene soziale Infrastruktur. „Viele Menschen kamen in den vergangenen Jahren wegen des Bürgerkriegs aus Elfenbeinküste zu uns“, erklärt Camara Mamadi, „und dort liegt die Infektionsrate mit Aids bereits bei zwölf Prozent.“ Eine Gefahr, gegen die auch in den Wäldern, in denen der traditionelle Heiler Siba Bilivogui seine Arzneien sucht, kein Kraut gewachsen ist. Armin Jelenik

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