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MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

100 Jahre Bronchoskopie und 30 Jahre obstruktives Schlafapnoe-Syndrom

Matthys, Heinrich

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LNSLNS Auf dem 38. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie vom 5. bis 8. März 1997 in Freiburg fanden sich rund 2 000 Ärzte und Studenten sowie zirka 500 Mitarbeiter der über 100 Industrieaussteller ein. Damit war die Tagung der größte Pneumologenkongreß seit der Neugründung der DGP 1952. In elf parallelen Sitzungen trafen sich 14 Sektionen und neun Arbeitsgruppen, unterbrochen durch 23 Früh- und Mittagsseminare, und diskutierten aktuelle Themen der Pneumologie in 254 Vorträgen und 360 Postermitteilungen (Pneumologie 1997; 1. Sonderheft 51: 153-254). Herausragende Themen dieser Tagung waren für die deutsche und insbesondere die Freiburger Medizin die beiden Jubiläumsveranstaltungen "100 Jahre Bronchoskopie" und "30 Jahre Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom".
Bronchoskopie:
Jubiläumssitzung
Im März 1897 publizierte Killian mit seinem Assistenten Kollofrath aus Freiburg in der Münchner Medizinischen Wochenschrift, daß sie mit direkter Bronchoskopie einen Knochen aus dem rechten Hauptbronchus per vias naturales entfernten. Die feinmechanische Werkstatt Fischer in Freiburg fertigte alle Instrumente, die Herr Killian für die Bronchoskopie benötigte. Der Kehlkopf wurde mittels Kokain anästhesiert, Helmholtz-Augenspiegel und eine Gaslampe sorgten für das notwendige Licht. Die Bronchoskopie, wie von Killian erstmals verwandt, fand erst ab 1964 durch die Erfindung des flexiblen Fiberbronchoskops vermehrte Verbreitung und ist heute nicht nur eine therapeutische, sondern auch eine diagnostisch unersetzliche Methode geworden, insbesondere für die histologische Klassifizierung des Bronchialkarzinoms. Die endobronchiale Ultraschalldiagnostik erlaubt, das Staging von Tumoren deutlich zu verbessern. Die bronchoalveoläre Lavage (BAL), 1974 erstmals von Reynolds standardisiert, ist vor allem für die Differentialdiagnose von Alveolitiden und Pneumokoniosen entscheidend, aber auch für die Gewinnung von infektiösen Erregern (zum Beispiel PCP bei Immunsupprimierten).
Die segmentale endogene Allergenprovokation übers Bronchoskop mit anschließender zeitgestaffelter bronchialer Lavage erlaubt, entzündlich wirksame Asthmamittel in vivo am Menschen relativ gefahrlos zu testen. BAL und Schleimhautbiopsien haben überhaupt erst die Erkenntnis gebracht, daß Asthma eine vorwiegend eosinophile Entzündung der Atemwege ist und durch topische Steroide und andere antiphlogistische Medikamente zum Abheilen gebracht werden kann. Bronchographien werden immer noch präoperativ eingesetzt, auch wenn sie für das Gros der Bronchiektasediagnostik durch die Röntgenthorax-CT-Untersuchung abgelöst wurden. Die endobronchiale Lasertherapie ist immer dann indiziert, ebenso wie die endobronchiale Radiotherapie sowie das Legen von endobronchialen Stents, wenn es darum geht, Verengungen in den großen Bronchien der meist an Lungenkrebs leidenden Patienten mit postenotischer Pneumonie und/oder schwerer Dyspnoe zu sanieren. Blicken wir in der heutigen Zeit auf 100 Jahre Bronchoskopie zurück, so ist festzustellen, daß sich diese Methode aus bescheidenen Anfängen mit der relativ seltenen Indikation Fremdkörperentfernung zu einem erstrangigen diagnostischen und therapeutischen Eingriff der Pneumologie entwickelte, auf den man in keinem modernen Krankenhaus mit Intensivstation mehr verzichten kann.
Obstruktives
Schlafapnoe-Syndrom
Kuhlo, Jung und Doll haben 1967 in Freiburg das Bild des obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms erstmalig klar beschrieben und gleichzeitig durch eine Tracheostomie therapeutisch saniert. Auch sie ahnten noch nichts von der großen epidemiologischen Bedeutung ihrer Entdeckung. Sie haben aber richtig festgestellt, daß starkes Schnarchen mit anfallsweiser Verlegung der oberen Atemwege einhergehen kann und zu schweren Schlafstörungen mit respiratorischer Insuffizienz führt. Diese nächtlichen Erstickungsanfälle bewirken Herzrhythmusstörungen, Groß- und Kleinkreislaufhypertonie und vorzeitiges Absterben an mentaler und körperlicher Fitneß (Pickwick-Syndrom). Von der Gruppe aus Bologna wurde in San Marino erstmals epidemiologisch die große Verbreitung von Schnarchern und Hypertonie sowie deren epidemiologische Relevanz für Gesundheit oder frühe Krankheit gezeigt. Aus Straßburg kamen ebenfalls Impulse zur Aufklärung dieses gleich häufig verbreiteten Krankheitsbildes wie zum Beispiel der Diabetes unter dem Titel "Der Kampf zwischen Atmung und Schlaf". Aus entwicklungsphysiologischer Sicht wurden Schlafstörungen (sudden infant death syndrome) und ihre Diagnostik von der Geburt bis zum Erwachsenenalter besprochen. Das respiratorische und hämodynamische Risiko (Herzinfarkte und Schlaganfälle) sowie das Einschlafen (Arbeits- und Autounfälle) sind die wichtigsten Todesursachen des obstruktiven Schlaf-ApnoeSyndroms (OSAS). Therapie der Wahl ist immer noch die durch Professor Sullivan in Sydney erstmals eingeführte nasale CPAP-Beatmung (CPAP = kontinuierlicher positiver Atemwegsdruck). Die nicht invasive Maskenbeatmung ist heute auch für andere Ursachen der respiratorischen Insuffizienz, die in Endstadien eine zeitweise oder sogar Dauerbeatmung verlangen, Therapie der ersten Wahl (beispielsweise bei Muskeldystrophien und neuralen Ateminsuffizienzen). Die volkswirtschaftliche und medizinische Bedeutung schlafbezogener Atemstörungen durfte bei der heutigen Finanzlage unseres Gesundheitssystems nicht fehlen. Wichtig ist dabei die Feststellung, daß Patienten mit OSAS durch wiedererlangte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nach nur einer Nacht Beatmungstherapie erneut voll arbeitsfähig werden. Allerdings muß diese nicht invasive Beatmungsform praktisch lebenslang fortgesetzt werden.
Lungenkrebs und Asthma
Neben dem obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom sind der Lungenkrebs und das Asthma zunehmende Volkskrankheiten. Beim Lungenkrebs ist es vor allem dadurch bedingt, daß die Zuwachsrate der rauchenden Frauen sich stark vergrößert hat (größte Zuwachsrate aller Krebsarten). Therapeutisch ist der Erfolg der Chemo- und Strahlenbehandlung nach wie vor unbefriedigend.
Beim Asthma stehen wir vor einem Rätsel, da es gerade in Reinluftgebieten besonders häufig vorkommt, wie nicht nur eine vergleichende Studie zwischen Ost- und Westdeutschland zeigte, sondern auch die enorme Zunahme dieser meist durch aerogene Allergene verursachten Krankheit in Neuseeland und Australien. Aber auch in den mitteleuropäischen Ländern hat sich die allergische Asthmahäufigkeit in den letzten 20 Jahren verdoppelt, während die chronische Bronchitis, das Bronchialkarzinom und das Lungenemphysem quantitativ im wesentlichen von den Rauchgewohnheiten abhängen.
Bei der Asthmamortalität steht Deutschland in einer weltweiten Spitzenposition, obwohl die Prävalenz nicht so extrem hoch ist wie in den obengenannten Ländern. Dies könnte auch dadurch bedingt sein, daß die Asthmatiker in Deutschland zum Teil immer noch inadäquat therapiert werden. Vor allem ist der Verbrauch von inhalativen Steroiden, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, noch relativ niedrig. Die falsche reine Beta-2-Mimetika-Verschreibung ohne regelmäßige inhalative Steroide steht noch hoch im Kurs, wie die Spasmolytikaverkaufszahlen beweisen. Beides zeigt, daß das pneumonische Wissen sich noch intensiv ausbreiten muß, um diese therapeutischen Defizite zu beseitigen. Entgegen verbreiteten Auffassungen auch in Universitätsgremien müssen vor allem in Süddeutschland universitäre pneumologische Zentren in ausreichender Zahl zur Verfügung gestellt werden, damit die bestehenden Defizite ausgeglichen werden können (Dt Ärztebl 1995; 92: A-2177-2178 [Heft 33]; 1997; 94: A-27-28 [Heft 1-2]).
Tabakrauchen ist die häufigste zum vorzeitigen Tod führende Sucht und fand auf dem Nichtraucher-Kongreß des DGP ausgiebige Diskussion. Wir sind nicht gegen die Raucher(innen), sondern gegen das Rauchen, weil wir so viele von ihnen daran zugrunde gehen sehen. Insbesondere wurde auch der Nutzen verschiedener Anti-RaucherStrategien inklusive Nikotinsubstitution mittels transkutanem Pflaster und anderem diskutiert.
Mukoviszidose und
Lungenemphysem
Ein neues Problem der Erwachsenen-Pneumologie ist die erfreuliche Tatsache, daß Mukoviszidosekranke immer älter werden. Die DGP nimmt sich dieses Problems in einer Arbeitsgruppe an, und auch die Freiburger Erwachsenen-Pneumologen versuchen, diesen Patienten durch adäquate Versorgung, Übernahme aus der Kinderklinik und wenn nötig durch Lungen­trans­plan­ta­tion zu helfen. Eine weitere gutgeführte und viel diskutierte Veranstaltung behandelte die sogenannte Lungenvolumenreduktionschirurgie, welche für die Patienten mit schwerer Dyspnoe als Folge eines obstruktiven Lungenemphysems eine Alternative zur Langzeitsauerstofftherapie und der finalen Lungen­trans­plan­ta­tion darstellt. Die Langzeitsauerstofftherapie ist ein gut standardisiertes und evaluiertes Verfahren, um Patienten mit chronisch respiratorischer Insuffizienz bei besserer Lebensqualität länger am Leben zu halten. Auch diesbezüglich hat der Freiburger Kongreß zusammen mit Spezialisten aus dem deutschsprachigen Ausland (Österreich und Schweiz) neue Richtlinien erarbeitet.
Internationalität
Wie in jedem Gebiet der Medizin ist die molekulare Zellbiologie heute eines der Hauptthemen. An allen Kongreßtagen und in über 80 Postern wurden diese Fragen intensiv mit internationaler Beteiligung diskutiert. Der International Respiratory Care Club bemüht sich um die Betreuung von Dauerkranken (Langzeitsauerstofftherapie, Langzeitbeatmung, nächtliche Beatmung, Langzeit-Aerosol-Therapie, Mukoviszidosebetreuung und anderes). Die entsprechenden Veranstaltungen fanden regen Zuspruch, vor allem auch bei zahlreichen Teilnehmern aus dem europäischen Osten und aus Südamerika. Ziel des Präsidenten war es, einen deutschsprachigen Kongreß in Analogie zum "Congrès des Pneumologues de langue française" durchzuführen. Wobei die neue lingua franca, das Englische, doch unvermeidlich blieb.
Tuberkulose aktuell
Erfreuliches war in der Sitzung des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) zu berichten. Während weltweit immer noch über drei Millionen Patienten jährlich an Tuberkulose sterben, stagniert die Entwicklung in Deutschland im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika trotz hoher Einwanderungszahl aus endemischen Tuberkulose-Ländern. Dies stellt unserer diesbezüglichen Organisation und insbesondere der guten Therapiedurchführung bei relativ niedriger Drogen- und HIV-Krankenzahl ein gutes Zeugnis aus. Die röntgenologische Erfassung und Tuberkulintestung (Tine- und Tubergenteste) entsprechen zwar nicht immer dem neuesten Kenntnisstand (Mendel-Mantoux). Die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) und andere Tuberkulose-Infektionsnachweise zeigen aber, daß multiresistente Tuberkulosebakterienstämme bei uns noch kein Thema sind.
Der Förderpreis der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie ging an Privatdozent Virchow für seine Asthmaforschung an unserer Abteilung.
Kultur und Preise
Schließlich waren die medizinhistorisch-kulturellen Symposien und der Festvortrag mit dem Titel "Thomas Mann und die Pneumologie" von Professor Virchow, Wiesen, ein Höhepunkt der Eröffnungsfeier. Fazit war auch hier: Thomas Mann hat sein Bronchialkarzinom nur überlebt, weil er in den besten Händen von Ärzten war, welche nach dem Grundsatz der evidence based medicine praktizierten.


Prof. Dr. med. Heinrich Matthys
Abteilung Pneumologie
Medizinische Universitätsklinik
Hugstetter Straße 55
79106 Freiburg

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